23.06.2006 · Mit Deutschlandtrikot und Landesfahne feiern viele Berliner Türken die Siege der deutschen Nationalmannschaft. In Kreuzberg und Neukölln kombinieren die Fußballfans ihre Begeisterung für zwei Nationen.
Von Judith LembkeNoch vor einem Monat hätte Murat Yilmazbas seine Kumpel wahrscheinlich für verrückt erklärt. Er hätte sie wohl gefragt, ob sie nun auch Nazis geworden seien, so, wie er alle für rechtsradikal hielt, die sich mit den deutschen Landesfarben schmückten. Die schwarzrotgoldene Fahne habe bei ihm Assoziationen an kurzgeschorene Skinheads, rassistische Rentner und „national befreite Zonen“ hervorgerufen, so etwas habe im Berliner Multikulti-Bezirk Kreuzberg keinen Platz.
Doch nun hat er sogar selbst eine: Yilmazbas, seine Freunde und die anderen Männer, die sich in dem kleinen Cafe am Kottbusser Damm nach dem Ende ihrer Frühschicht eingefunden haben, besitzen alle eine Deutschlandfahne - und setzen sie begeistert ein. „Nach dem Spiel Deutschland gegen Ecuador haben wir unsere Fahnen geschnappt und sind auf den Ku'damm gefahren“, erzählt er. Fahnenschwenkend natürlich. Mit schwarzrotgold verkleideten Autos. Und natürlich im Trikot der deutschen Nationalmannschaft, auch wenn einige das weißschwarze Oberteil mit den roten Hosen des türkischen Teams kombiniert hatten.
Kreuzberg und Neukölln in schwarzrotgold
„Wenn die Türkei bei der WM dabei wäre, hätte ich die unterstützt, obwohl ich einen deutschen Paß habe“, sagt Yilmazbas. Aber da sich die Türken nicht qualifiziert haben, in Deutschland gerade die größte Party seit Jahrzehnten steigt und „wir alle auch hier leben und Deutschland mögen“, schenkt Yilmazbas seine ganze Unterstützung nun dem deutschen Team.
Die Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln, die in der Vergangenheit als Synonyme für gescheiterte Integration standen und vor allem durch Ehrenmorde und Problemschulen in die Schlagzeilen gerieten, sind inzwischen schwarzrotgold geschmückt. Und ein bißchen grüngelb - auch mal blauweiß, denn die Brasilianer und Argentinier finden viele schließlich auch gut. Aber warum sollte man auch einseitig seine Solidarität bekunden, wenn doch mindestens zwei Fanseelen in der Brust wohnen? „Neulich habe ich zur Arbeit mein Türkei-T-Shirt angezogen und mein Gesicht mit den Deutschlandfarben bemalt“, sagt Yilmazbas und erzählt begeistert von Deutschen in Schwedentrikots und von Japanern in brasilianischen Farben, die er auf dem Ku'damm kennengelernt hat.
Auch die Besucher des Wettbüros „Megabet“, die gerade auf das Spiel Mexiko - Portugal wetten, unterstützen die deutsche Mannschaft, auch wenn an der Wand Poster der türkischen Erstliga-Clubs Fenerbahce und Trabzonspor hängen. Burhan, der gerade fünf Euro darauf gesetzt hat, daß Mexiko die nächste Ecke schießt, ist ziemlich verwundert über die Frage, warum er die deutsche Nationalmannschaft unterstützt: „Na, wir wohnen doch hier und mögen das Land“, sagt er. Auch er besitzt Deutschlandfahne und -trikot - das Trikot mit der Nummer 13, denn Ballack sei „der coolste Spieler“. Natürlich ist er auch mit seinen Freunden nach dem letzten Deutschlandspiel zum Ku'damm gefahren. „Die WM sollte immer hierbleiben.“
„Die Nationalität spielt überhaupt keine Rolle“
Der gebürtige Pakistani Hassan Raza Qadri, der seiner Kundin gerade die neueste Kopftuchmode zeigt, reagiert fast beleidigt auf die Frage, ob er das deutsche Team unterstütze: „Ich lebe in Deutschland, und meine Gefühle sind seit Jahren für die deutsche Nationalmannschaft.“ Er verweist auf die deutsche Fahne, mit der er sein Geschäft beflaggt hat. Zwar habe er auch schon Ausländer getroffen, die das deutsche Team nicht leiden konnten. Aber denen sage er dann, daß es ihre moralische Verpflichtung sei, die Mannschaft des Landes, in dem sie leben, bei der WM zu unterstützen.
Hakan Aygün, der bei „Megabet“ die Wetteinsätze entgegennimmt, müßte noch bekehrt werden. „Beim Spiel am Samstag bin ich für Schweden“, sagt Aygün. Die seien ihm einfach sympathischer als die Deutschen. Allerdings stehe er mit seiner Meinung ziemlich alleine da: „Ich bin total überrascht davon, wie viele hier mit Deutschlandfahne herumlaufen.“
Auch Yilmazbas findet, man sei während der WM näher zusammengerückt: „Die Nationalität spielt überhaupt keine Rolle, auch wenn die Leute sich in drei Wochen vielleicht wieder die Köpfe einschlagen.“ Bis dahin soll die deutsche Mannschaft aber bitte noch viele Tore schießen. Vor allem der deutsche Stürmer Miroslav Klose hat es ihm angetan: „Klose ist der Beste. Auch wenn er gar kein echter Deutscher ist.“
Gegenfrage:
Phillip E. (felipo)
- 23.06.2006, 15:32 Uhr