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Fußball-WM Trägerhemden und Kriegsbemalung

20.06.2006 ·  Frauen lassen sich nicht durch Fußball fesseln? Im Gegenteil, Frau läßt sich durch einen Fernseher, der kurzbehoste Fußballer zeigt, sogar von einem Schaufenster ablenken, in dem ihre lang gesuchten Traumschuhe locken.

Von Eva-Maria Magel
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Samstag nachmittags in der Innenstadt: Ein junger Mann bittet höflich darum, den einzigen freien Stuhl am Kaffeehaustisch besetzen zu dürfen. Die beiden Frauen, entgeistert und unisono: „Sie verdecken doch den Bildschirm!“ Der arme Kerl hat offenbar noch nicht kapiert, was vorgeht: Aus Frau Jekyll ist Frau Hyde geworden, tausendfach, millionenfach. Frau Hyde läßt sich durch einen Fernseher, der kurzbehoste Fußballer zeigt, sogar von einem Schaufenster ablenken, in dem Frau Jekylls lang gesuchte Traumschuhe locken. Außerhalb von WM-Zeiten hält sie Männer in kurzen Hosen für eine Art Pest, doch jetzt werden Mitgucker von Frau Hyde zurechtgewiesen, wenn sie es wagen, in die stille Spannung vor einem Strafstoß hineinzuplappern.

Das ist nur noch zu überbieten durch die unheimlichen Phänomene, die der Besitz einer WM-Karte bei Frauen auslöst. Wobei die Freundin, aus der schönen Schweiz angereist, schon den dicken Briefumschlag selbst für so etwas wie das achte Weltwunder hält: Zum ersten Mal im Leben wird sie ein Stadion betreten! Allerdings in Dortmund - man kann nicht alles haben. Beim Frühstück ist sie fest entschlossen, Togo anzufeuern. Erstens weil Togo überhaupt dabei ist. Zweitens weil man grundsätzlich eher für die Kleinen und die Außenseiter sein sollte.

„rouge intense“ großflächig im Gesicht

Eine Herzensregung, so weiblich wie das zarte Taktgefühl, das sie schließlich dazu bewegt, von einem gelb-grünen Outfit Abstand zu nehmen: vielleicht nicht sonderlich geschickt, als mit einem Schweizer liierte Wahlschweizerin inmitten einer Gruppe anderer Schweizer ausgerechnet für die Togoer Reklame zu laufen. Was nicht nur zeigt, daß es neben jenen in Fußballgeschichte und Regelwerk auch noch gewisse Lücken in Brauchtumskunde zu schließen gäbe, sondern auch einen Besuch der Zeil dringend nötig macht.

Der schon nach zwei Stunden abgeschlossene Erwerb eines roten Spaghettiträgershirts (es könnte heiß sein im Stadion) und eines roten Pullovers (es könnte kälter werden) könnte nahelegen, in Frau Hyde breche sich durchaus noch der ein oder andere Zug der stets wie aus dem Ei gepellten Frau Jekyll Bahn. Weit gefehlt! Wild entschlossen, sich in nichts von einem männlichen Schlachtenbummler zu unterscheiden, ist sie sogar bereit zur physischen Entstellung. Die zarte Anfrage in der Kosmetikabteilung muß als Rückfall gewertet werden. Völlig blödsinnige Vorstellung, einen fast 30 Euro teuren Lippenstift der Farbrichtung „rouge intense“ großflächig im Gesicht zu verteilen. Bleibt nur die Eroberung der letzten Bastion. Es muß ja einen Grund haben, warum der Kaufhof ihn im letzten Winkel der Herrenabteilung aufgeschlagen hat: den Fanartikel-Shop. Zweifelsohne ist es der Gipfel weiblichen Fußballfiebers, ohne zu erröten, darin umherzuspazieren.

Bettwäsche in Nationalfarben

Diesen letzten Beweis vollkommener Persönlichkeitsveränderung scheinen in den vergangenen Tagen allerdings schon viele absolviert zu haben. Zumindest ist niemand mehr erstaunt über Frauen, die nach Kriegsbemalung fragen - über die Farbauswahl schon eher. Doch als die Freundin schließlich, mit Rot und Weiß bewaffnet, zwischen all den Männern an der Kasse steht, tut sie sich wieder auf, die Kluft zwischen Jekyll und Hyde, zwischen Fußballmännern und Fußballfrauen: Ein letztes Mal fragen wir uns, ob wir eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben. Und wissen, daß wir niemals, niemals verstehen werden, was Männer dazu treibt, Bettwäsche in Nationalfarben oder Dutzende goldener Miniaturfußbälle zu kaufen.

Quelle: F.A.Z., 20.06.2006, Nr. 140 / Seite 57
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Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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