15.03.2006 · Ist ein deutscher Nationalspieler in den neuen Wettskandal verwickelt? Werden wirklich überall in Europa Fußballspiele in den höchsten Ligen verschoben? Noch ermittelt die Staatsanwaltschaft, doch schon der Verdacht ist „zerstörerisch“.
Der deutsche Fußball kommt weniger als drei Monate vor der WM-Eröffnung nicht zur Ruhe. Der neue Wett- und Manipulationsskandal soll dabei möglicherweise weitere Kreise ziehen als zunächst angenommen. Nach Informationen des ARD-Magazins „Plusminus“ soll sogar ein deutscher Nationalspieler „mit der sogenannten Wettmafia zusammenarbeiten“. Mehrere Bundesligaspieler seien in den Skandal verstrickt.
Die Staatsanwaltschaft München I wertet die Informationen aus. „Gegebenenfalls werden wir ein Ermittlungsverfahren einleiten“, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler am Mittwoch. Die Sammlung und Prüfung von Informationen könne aber noch einige Tage in Anspruch nehmen. „Wir werden und können keine Namen nennen“, sagte Winkler. „Das wäre viel zu früh, hier irgendeinem konkreten Spieler etwas vorzuwerfen. Wir haben nur Erstinformationen. Wir müssen noch weitere Informationen einholen. Und dann erst können wir unter Umständen weitere Angaben machen.“
„Es wird natürlich um die Welt gehen“
Ungläubig hat Franz Beckenbauer auf die angebliche Verwicklung eines deutschen Nationalspielers in den Wettskandal reagiert. „Also, ich kann es mir nicht vorstellen“, sagte der Chef des WM-Organisationskomitees in Berlin. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt wirke eine solche Diskussion jedoch „zerstörerisch“, sagte Beckenbauer. „Es wird natürlich um die Welt gehen. Es ist natürlich für unsere Organisation nicht gerade förderlich.“ Gleichzeitig stellte Beckenbauer fest: „Ein deutscher Nationalspieler müßte eigentlich genug Geld verdienen, um auf solche Wettabenteuer zu verzichten.“
Mehrere Monate hätten Mitarbeiter der „Plusminus“-Redaktion in der illegalen Wettszene recherchiert, hieß es auf der ARD-Internetseite. „In der Szene scheinen sich regelrecht Paten etabliert zu haben - mit anscheinend guten Kontakten zu Profifußballern.“ Der „Plusminus“-Informant, der seit Jahren in dem Umfeld agieren soll, behauptet: „Ich war persönlich bei so einem Gespräch dabei. Da hat ein Bundesligaspieler gesagt: ,Wir werden morgen verlieren.' Und dann hat er noch selber 10.000 Euro gegen seine eigene Mannschaft gesetzt. Ich habe das alles mitgehört.“
Mittelsmänner in ganz Europa
Ein Wettpate trifft nach Aussage des Informanten Absprachen mit Fußballprofis, die auch selber Wetten plazieren. Per Handy würden dann Mittelsmänner in ganz Europa informiert. Komplizen plazierten bei verschiedenen Annahmestellen Wetten mit relativ kleinen Beträgen, meist nicht viel mehr als 100 Euro. Die Wetten fielen kaum auf - und wenn, dann zu spät.
Nach Informationen des Magazins „Stern“ soll ein in Malaysia geborener Chinese im Zentrum des neuen Wettskandals stehen. Nach Erkenntnissen der hessischen Ermittlungsbehörden ist der 45jährige Mann aus Bad Dürkheim Kontaktmann einer internationalen Organisation, die bis nach China und Vietnam reiche. Die Gruppe soll Fußballspieler und Trainer durch Zahlungen von 5000 bis 15.000 Euro veranlaßt haben, Spiele in europäischen Ligen zu manipulieren. Bei der Festnahme des Mannes in Mannheim seien in dessen Bad Dürkheimer Wohnung 50000 Euro Bargeld und Spielbank-Jetons im Wert von 150000 Euro gefunden worden. Ermittler des hessischen Landeskriminalamts gingen dem Verdacht der Geldwäsche nach, weil Spuren des Wettskandals auch in die Spielbankszene führten. Vier Vereine aus der Regionalliga Süd - der 1. FC Eschborn, die Stuttgarter Kickers, Eintracht Trier und die Spielvereinigung Bayreuth - haben bislang Anwerbungsversuche von Spielern bestätigt. Keiner sei jedoch darauf eingegangen. Vier Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft.
„Hoyzer und Sapina nur kleine Fische“
Nach „Plusminus“-Informationen soll die Wettmafia europaweit vernetzt sein. Der Informant: „Ich kenne die alle. Der Hoyzer und der Ante Sapina in Berlin sind da nur ganz kleine Fische. Auch bei dem Wettskandal in Belgien, wo jetzt gerade die belgische Polizei ermittelt, haben wir alles gewußt. Da hat ein Spieler von Sint Truiden den Tip gegeben. Und dann wurde bei uns gesetzt. Über 400000 Euro sind da allein bei einem Wettanbieter gewonnen worden.“
Die privaten Wettanbieter arbeiten derzeit, selbst wenn in der Wettszene nicht manipuliert wird, nicht legal. Denn noch immer gilt in Deutschland das staatliche Glücksspiel-Monopol. Das Betreiben privater Wettbüros ist strafbar. Fast täglich eröffnen dennoch neue Wettannahmestellen. In Frankfurt gibt es über 70 Wettbüros, in Hamburg und München über hundert. In Berlin wurden von Polizei und Behörden bereits über 250 gezählt. Doch die Behörden greifen nicht ein, weil das Bundesverfassungsgericht am 28. März über die Zulassung privater Wettanbieter entscheidet. Es wird erwartet, daß das staatliche Wettmonopol fallen wird.
Was für ein Wunder..
Peter Milka (McDuff)
- 16.03.2006, 10:01 Uhr