15.04.2006 · Nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch auf dem Börsenparkett ist es wichtig, wer gewinnt und wer verliert. Denn es gibt statistische Hinweise, daß eine Niederlage der Nationalelf der heimischen Börse aufs Gemüt schlägt.
Franz Beckenbauer weiß es und hat es einmal auf den Punkt gebracht: Im Fußball gibt es nur eine Möglichkeit, nämlich Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Doch nicht nur auf dem Platz, auch auf dem Börsenparkett macht es möglicherweise einen großen Unterschied, welches Team als zweiter Sieger vom Platz geht - zumindest gibt es statistische Hinweise darauf, daß ein Verlust der Nationalmannschaft der heimischen Börse aufs Gemüt schlägt, will heißen: Wenn die Nationalmannschaft eines Landes verliert, fallen die Aktienkurse.
Das zumindest wollen Alex Edmans, Diego Garcia und Ovind Norli, drei amerikanische Wirtschaftswissenschaftler, herausgefunden haben. Sie haben die Reaktion der Aktienmärkte auf eine Niederlage der jeweiligen inländischen Nationalmannschaft in internationalen Wettbewerben untersucht und finden in 42 Staaten Hinweise darauf, daß der Fußballgott auch der Börse übel mitspielen kann: Ein Ausscheiden der heimischen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft beispielsweise kostet den Wissenschaftlern zufolge die heimischen Investoren am Aktienmarkt 39 Basispunkte an Wertentwicklung.
„Börse ist Psychologie“
So merkwürdig sich das anhört - es gibt zumindest eine psychologische Begründung für den Fußball-Effekt an der Börse. „Börse ist Psychologie“, hat schon die Investment-Legende Andre Kostolany gewußt, und in Legionen von Studien wurde versucht, den Einfluß von Stimmungen auf die Börsenkurse zu belegen. Sonnenschein, Temperaturen, Feiertage - alles, was die menschliche Psyche positiv oder negativ belastet, habe Auswirkungen auf die Kurse. Warum sollte nicht auch eine Niederlage der heimischen Fußballmannschaft Folgen für die Aktienkurse haben, zumal sie ein ganzes Volk in Depressionen stürzen kann?
Professionelle Statistiker allerdings kreiden solchen Studien an, daß sie nur das Resultat des sogenannten „Data Mining“ seien: Man dreht einfach so viele Daten durch einen ökonometrischen Fleischwolf, bis man einen Zusammenhang findet - und schon beeinflussen Mondphasen die Kurse von Nebenwerten. Doch vor diesem Vorwurf glauben sich die Fußball-Wissenschaftler geschützt: Zum einen gebe es Studien, die zeigten, wie sehr Sportergebnisse die Stimmung von Menschen beeinflußten, zweitens seien durch ein internationales Sportturnier alle Menschen einer Volkswirtschaft betroffen - und zwar in eindeutiger Weise. Der Zusammenhang sei also plausibel. Fraglich sei nur, ob er stark genug sei, daß man ihn in den Kursen nachweisen könne.
Gibt es einige Haken an der Sache?
Offenbar ist er das: Weltmeisterschaften, Europa-, Asien- und Südamerikameisterschaften - alle Turniere haben die Wissenschaftler in den Datentopf geworfen und die dazugehörigen Börsenindizes beigemischt. Und in der Tat schwächelt die Börse nach Niederlagen der heimischen Nationalmannschaft - Gewinne hingegen liefern ausweislich der Studie keine zusätzlichen Börsenerträge. Das ließe sich damit erklären, daß bei internationalen Turnieren ein Sieg meist nur den Einzug in die nächste Runde bedeutet - die Fans wenden dann ihre Aufmerksamkeit dem nächsten, bekanntlich schwersten Spiel zu, noch bevor sie an der Börse ihre Siegerlaune in Kaufaufträge umsetzen.
Nun gibt es einige Haken: Die meisten wichtigen Spiele finden an Wochenenden und vorzugsweise im Sommer statt - verzerrt das nicht die Statistik? Nein, sagen die Wissenschaftler nach einem Blick in ihre Tabellen, selbst wenn man diese Verzerrung beachte, bleibe es beim Fußball-Börseneffekt. Mehr noch: Blicke man in die Staaten, in denen Fußball eine - gemessen an den Erlösen der nationalen Ligen - besonders große Rolle spiele, werde dieser Effekt noch stärker, ebenso bei Spielen von besonderer Wichtigkeit.
„Es könnte so oder so ausgehen“
Und blicke man auf Nebenwerte, die erfahrungsgemäß stärker von inländischen Investoren gekauft würden, so vergrößere sich der Effekt ebenfalls, denn je mehr Inländer eine Aktie kaufen, um so stärker dürfte dann eine Niederlage der heimischen Mannschaft den Kurs belasten.
Haben die Wissenschaftler recht, so könnte die WM für die deutschen Investoren unangenehm werden - es käme darauf an, wie die deutsche Mannschaft spielt. Damit hätte sich die Prognose der Börsenkurse vom Parkett auf den Rasen verlagert - aber auch hier gilt das, was der britische Fußballer Ron Atkinson einmal über ein Spiel sagte: „Ich wage mal eine Prognose: Es könnte so oder so ausgehen.“