18.05.2006 · Der frühere Fußballprofi Anthony Baffoe rät afrikanischen und türkischen Spielern davon ab, im Osten Deutschlands zu spielen. Die Warnung des ehemaligen Regierungssprechers Uwe-Karsten Heye vor rassistischen Übergriffen in den neuen Ländern müsse ernst genommen werden.
Von Michael Reinsch, BerlinDer ehemalige Fußballprofi Anthony Baffoe unterstützt die Warnung vor rassistischen Übergriffen in den neuen Ländern, mit denen der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye in Brandenburg helle Empörung ausgelöst hat. Wenn Matthias Platzeck, der Ministerpräsident von Brandenburg, und sein Innenminister Jörg Schönbohm meinten, das sei nicht so, sagte Baffoe, dann sollten sie das Gegenteil beweisen: „Man muß endlich aufhören, alles schönzureden.“
Der aus einer ghanaischen Familie stammende Baffoe hatte Heye längst vorgegriffen. „Ich rate afrikanischen und türkischen Spielern davon ab, in Ostdeutschland zu spielen“, sagte er vor wenigen Tagen bei der Veranstaltung „Football for all“ in der Britischen Botschaft in Berlin. Selbst wenn sie auf dem Fußballplatz nicht beleidigt würden, so sei doch die Lebensqualität der Spieler durch den alltäglichen Rassismus erheblich eingeschränkt.
„Wo sind die Strafen?“
Baffoe, der während der Fußball-Weltmeisterschaft als Team-Manager für die Nationalmannschaft Ghanas arbeitet, kündigte für die nächste Spielzeit an: „Ich will eine Gruppe gründen, die die Rechte der Spieler auf einen Arbeitsplatz in einer Umgebung ohne Rassismus verteidigt; so etwas wie die United Nations of Football.“
Baffoe gerät in Rage, wenn er vom WM-Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ zu dessen Gegenteil kommt, Rassismus. Fußballspieler bekämen ihn vor allem in den unteren Ligen und vor allem im Osten zu spüren. Seine Empörung - gipfelnd in dem Ruf „Wo sind die Strafen?“ - gilt auch dem wiederholten Hitlergruß des Roma-Spielers Paolo di Canio in der Seria A Italiens und den rassistischen Ausfällen des spanischen Nationaltrainers Luis Aragones gegenüber Thierry Henry; sie wurden mit eher nicht bemerkenswerten Geldstrafen sanktioniert.
Kaum Ermittlungen gegen Rassisten
Baffoe hält telefonisch Kontakt zu Adebowale Ogungbure, dem nigerianischen Verteidiger des FC Sachsen Leipzig, der in der vierten Liga immer wieder Ziel rassistischer Attacken wurde. Nachdem er beim Auswärtsspiel in Halle derart beleidigt und angegriffen worden war, daß er die Rassisten mit dem Hitlergruß und der Andeutung des Hitlerbärtchens mit der anderen Hand bedachte - woraufhin die Polizei zunächst Ermittlungen gegen ihn und niemanden sonst einleitete -, gründeten Leipziger Fans eine Website namens „Wir-sind-Ade.de“. Rund 1300 Menschen solidarisierten sich darauf mit dem Fußballspieler. Am 22. April kamen dann die Rassisten mit der zweiten Mannschaft von Energie Cottbus zum Spiel bei Sachsen Leipzig und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift: „Ihr seid Ade, wir sind weiß.“ Ordner beschlagnahmten es. Sie ließen die rechten Provokateure laufen.
Ogungbure bestätigt, daß er fast jedes Wochenende rassistisch beleidigt wurde. Im Alltag sei er solchen Attacken nicht ausgesetzt, sagt er am Telefon, und auch in seiner Zeit bei Energie Cottbus - nach seinen Engagements in Nürnberg und vor Leipzig - sei nichts dergleichen vorgefallen. Er erwäge sogar, das Angebot von Sachsen Leipzig zur Vertragsverlängerung anzunehmen. Von Verband und Polizei allerdings würde er gern etwas hören. „So ist Fußball“, sagt er. „Da sagt man nach einem Fehler: Sorry.“
Harter Kampf in den britischen Stadien
„Fußball ist ein mächtiger Indikator dafür, wo die Gesellschaft steht“, sagte bei „Football for all“ der schottische Europaabgeordnete Claude Moraes. Er gehört zu den Initiatoren einer Erklärung gegen Rassismus im Sport, die durch die Unterschrift von 423 der 732 Europa-Abgeordneten zu einer offiziellen Resolution geworden ist. Paul Elliot, Sohn jamaikanischer Einwanderer in London, ging weiter: „Das Ethos der Klubs wirkt sich auf die Gemeinschaft aus.“ Begeistert berichtet er von dem Klub Charlton Athletics, dessen 180 Trainer Woche für Woche sechzig Schulen besuchen und den Kindern Vorbilder sind - „fürs Lesen lernen, für verantwortliches Handeln“.
Als Profi einst in der englischen, der italienischen und der schottischen Liga aktiv, lobte Elliot den Erfolg im harten Kampf gegen Rassismus in den britischen Stadien. In den achtziger Jahren sei er oft derart beschimpft worden, daß er das Spielfeld verlassen wollte. „Aber das hätte die Rassisten gestärkt“, sagte er. „Ich konnte über den Mißbrauch nicht sprechen; es gab kein Interesse der Medien und keine Gesetze.“ Baffoe widersprach: „Warum soll man Schmerz nicht zeigen? Ich würde vom Platz gehen, wenn ich beschimpft würde, und von meiner Mannschaft erwarten, daß sie mich unterstützt.“
„Es kommt darauf an, Entschlossenheit zu zeigen“
Der englische Fußball-Verband (FA) bereitet seine Schiedsrichter darauf vor, rassistischen Mißbrauch sofort zu erkennen und zu ahnden. Es gibt eine einheitliche Definition, es gibt ein Notfalltelefon. Auch der europäische Verband Uefa stärkt die Unparteiischen. Sie können das Spiel unterbrechen bei rassistischen Ausfällen; Vereine können mit dem Ausschluß des Publikums sanktioniert werden. Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) hat im März beschlossen, daß Vereine für rassistische Ausfälle mit Sperren, Punktabzug und dem Ausschluß aus Spielklassen und Wettbewerben bestraft werden können. Die Sanktionen müßten allerdings harmonisiert werden, sagte Patrick Gasser von der Uefa. Die Bestrafung von Klubs für das Verhalten der Fans berge die Gefahr der Manipulation, warnte er. Dies sei ein ernstzunehmender Einwand und müsse bedacht werden, sagte Elliot. „Doch es kommt darauf an, Entschlossenheit und Führung zu zeigen.“
Alfred Sengle, im Deutschen Fußballbund zuständig für das Thema, sagte: „Wir sind nicht am Anfang des Problems und nicht am Ende, sondern mittendrin.“ Botschafter Peter Torry regte eine Zusammenarbeit von DFB und FA an. „Am Ende werden wir wissen“, sagte Elliot, „daß Rassismus in der Gesellschaft ein größeres Problem ist als im Fußball.“