08.06.2006 · Während der Internationale Fußball-Verband (Fifa) seit Monaten in der Kritik steht, die WM kommerziell zu sehr auszuschlachten, betont Fifa-Präsident Joseph Blatter seine „soziale Verantwortung“ als Botschafter gegen Diskriminierung und Rassismus.
Von Roland ZornWochenlang hat sich Joseph Blatter, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), anhören müssen, daß die an diesem Freitag endlich beginnende Weltmeisterschaft kommerziell wie kein Sportereignis zuvor genutzt und ausgeschlachtet werde. Am Donnerstag, dem zweiten Tag des 56. Fifa-Kongresses, hat der 70 Jahre alte Schweizer vehement für einen Richtungswechsel plädiert und den Delegierten aus den weltweit 207 Landesverbänden die bisher „verborgene Geschichte“ der Fifa erzählt.
„Es gibt viele“, sagte Blatter, „die meinen, es gehe uns nur um Geld, Geld, Geld. Die soziale Verantwortung, die wir übernehmen, verstehen die Menschen nicht.“ Also sprach der Walliser in seiner Grundsatzrede im Münchner Messekongreßzentrum erst gar nicht über den schnöden Mammon. Ihm ging es um den „Fußball für eine bessere Welt“, um den „Fußball als Schule des Lebens“, um seine Mission, in der sich dieser Joseph Blatter von Jahr zu Jahr mehr in der Rolle eines neuen Heilsbringers zu gefallen scheint. Er denkt nun sogar über die Einführung eines eigenen Fifa-Fernsehkanals nach, um das nach Art des Hauses besser zu illustrieren.
„Führung“ im Kampf gegen Rassismus
Nur der Präsident der neben dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) mächtigsten Sportorganisation der Welt zu sein, das genügt diesem kleingewachsenen Mann mit dem immer größeren Anspruch längst nicht mehr. Blatter agiert inzwischen als Weltpolitiker. Am Donnerstag genoß er die vielen Glückwünsche, mit denen ihm IOC-Präsident Jacques Rogge schmeichelte.
Der belgische Comte bescheinigte der Fifa, die „Führung“ übernommen zu haben im Kampf der großen Sportverbände gegen Diskriminierung und Rassismus; er zeigte sich auch erfreut darüber, daß die Fifa ihren Konflikt mit der Welt-Antidopingagentur Wada beigelegt und seit Donnerstag ihre Statuten so verändert hat, daß sie die Wada-übliche Regelstrafe für Erstvergehen von Dopingtätern auf „im Prinzip“ zwei Jahre festschrieb.
Acht Jahre nachdem Blatter 1998 als Nachfolger von Joao Havelange gegen viele Widerstände gewählt wurde, ist der frühere Fifa-Generalsekretär auf dem Gipfel seiner Macht angekommen. Und so nutzte er am Donnerstag nach den Berichten der von ihm eingesetzten Task Force „zum Guten des Spiels“ die Gelegenheit zur Generalvollmacht. Nachdem die Arbeitsgruppen-Referenten eine Reihe von Mißständen zum sportlichen und finanziellen Zustand der Profiklubs aufgezählt hatten, ließ sich Blatter per Abstimmung die Prokura geben, in Zukunft die Dinge mit dem Fifa-Exekutivkomitee selber regeln zu können.
„Totalermächtigung“ der Fifa-Exekutive
Weltweite Lizenzierungsverfahren, Besitzverhältnisse der Klubs, der wachsende Einfluß von Spielervermittlern, Transfers, Wettgeschäfte, Reduzierung der Profiligen auf maximal 18 Klubs - überall kann die Fifa in Zukunft nicht nur mitreden, sondern mitentscheiden. 97 Prozent der Kongreßdelegierten, größtenteils nicht tangiert von den Problemen des Berufsfußballs, gaben Blatter freie Bahn. Was dazu wohl die Engländer, Franzosen, Italiener und Spanier sagen werden, deren erste Ligen zwanzig Vereine umfassen? Werner Hackmann, der deutsche Ligaverbandspräsident, sprach von einer „Totalermächtigung“ der Fifa-Exekutive.
Franz Beckenbauer, der Präsident des WM-Organisationskomitees, nahm den Münchner Beschluß eher mit Humor: „Beim letzten Mal, als sich die Fifa die Reduzierung der Ligen vorgenommen hatte, stockte Italien seine Serie A von 16 auf 20 Klubs auf.“ Michel Platini, Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees und Anwärter auf die nächste Präsidentschaft in der Europäischen Fußball-Union (Uefa), trat sogleich als Hardliner auf: „Ich hoffe, daß die Fifa möglichst umgehend eine Reduzierung der Ligen beschließt, denn sonst passiert ja gar nichts.“
Dagegen hielt Uefa-Generalsekretär Lars-Christer Olsson: „So verständlich diese Entscheidung im Grundsatz ist, so sehr muß nun die Diskussion im Exekutivkomitee abgewartet werden. Ich frage mich auch, was die faktischen und rechtlichen Folgen wären, wenn ein Verband eine angeordnete Verkleinerung seiner Liga verweigerte.“
„Wir kämpfen weite um unsere Autonomie“
Für Blatter aber gilt das Prinzip, daß die Fifa bestimmt, wohin der Ball zu rollen habe. Auch deshalb setzte der Kongreß die unabhängige Ethikkommission als dritte Rechtsinstanz der Fifa ins Werk. „Wir kämpfen“, sagte Blatter, „weiter um unsere Autonomie gegenüber politischen Einmischungsversuchen.“ Der Kongreß nahm des Präsidenten Ankündigung, sich im kommenden Jahr für eine dritte Amtszeit zur Wahl zu stellen, mit warmem Applaus zur Kenntnis.
Blatters Fußballweltfamilie - 250 Millionen Menschen - ist riesengroß. Sie schien ihrem Boss nach einem Kongreß, in dem bis auf zwei Wortmeldungen stundenlang versammeltes Schweigen herrschte, zu Füßen zu liegen. Der Fußball als seltsame One-man-Show eines Schweizers mit missionarischem Eifer ging am Donnerstag nachmittag zu Ende; der wahre Fußball kann an diesem Freitag beginnen - mit dem sportlichen Auftakt zur Fußball-WM 2006.