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FAZ.NET-Spezial Fußball - eine Staatsaffäre

22.03.2006 ·  Dem deutschen Team droht Ärger. Zuviel ist bislang schiefgelaufen im WM-Jahr. Vor nichts hat der Deutsche Fußball-Bund mehr Angst, als daß sich das Krisenszenario durch eine weitere Niederlage gegen Amerika verfestigt.

Von Michael Horeni, Düssledorf
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Paule ist ein Wunschkind der Marketingmenschen. Paule sieht aus, wie Wunschkinder von Marketingmenschen aussehen. Paule ist flauschig, hat große Augen und einen riesigen Schnabel. Paule ist ein Adler und das neue Maskottchen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Am Montag hat er das Licht der Öffentlichkeit erblickt, in den Verkaufsräumen eines Automobilherstellers irgendwo in Düsseldorf. Paule wird auch an diesem Mittwoch im Westfalenstadion sein, beim Länderspiel gegen die Vereinigten Staaten (20.30 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker). Jürgen Klinsmann wird ihm nicht die Hand schütteln. Das wäre auch zu schön gewesen. Zur besten Sendezeit, ein Traum der Marketingmenschen. Die glaubten bisher, die Deutschen würden ihre Fußball-Weltmeisterschaft so liebhaben, wie Kinder jetzt den Paule liebhaben sollen.

Vor ein paar Monaten hat das noch gestimmt. Jetzt aber droht Ärger. Zuviel ist schiefgelaufen im WM-Jahr: sportliche Pleiten, wochenlanger Streit über Bundestrainer Jürgen Klinsmann und zuletzt noch die schwere Verletzung von Sebastian Deisler, der nicht bei der WM dabei sein wird. Vor nichts haben die Funktionäre mehr Angst, als daß sich das Krisenszenario bis zur Weltmeisterschaft durch eine weitere Niederlage gegen die Vereinigten Staaten verfestigt.

„Ihr für uns & Wir für euch“

Für das Länderspiel hat der DFB nun elftausend T-Shirts produzieren lassen. "Ihr für uns & Wir für euch" steht darauf. In Schwarz, Rot und Gold. Sie sollen an die Fans auf der Dortmunder Südtribüne verteilt werden, vielleicht die leidenschaftlichsten des ganzen Landes. Auf der Rückseite ist zu lesen: "Deutschland - USA, 22. März 2006, Dortmund - Der Wendepunkt". Der DFB nennt das eine "Gemeinschaftsaktion" mit den Fans. Man könnte es aber auch "Krisenintervention" an der Basis nennen.

Der Fußball ist zur Staatsaffäre in Deutschland geworden. Am vergangenen Mittwoch hat sich die Bundeskanzlerin der Stimmungspflege im Fußball-Land angenommen. Sie hatte zum Fußballgipfel geladen, aber in den Schlagzeilen wurde daraus der "Friedensgipfel". Franz Beckenbauer hatte sich zehn Tage zuvor den Bundestrainer zur Brust genommen, und DFB-Präsident Theo Zwanziger wußte danach gar nicht mehr, wen er in diesen turbulenten Tagen mehr stützen sollte, den WM-Cheforganisator oder den wegen seiner Heimreise nach Kalifornien in Bedrängnis geratenen Bundestrainer.

Mediale Wucht

Die mediale Wucht, die der Fußball knapp drei Monate vor der WM entfaltet, überraschte sogar die in diesen Fragen nicht gerade unerfahrenen Berliner Gastgeber. Im Kanzleramt hatten sie eigentlich nur mit ein paar Kameras und Reportern bei diesem "privaten Termin" gerechnet. Aber die Räumlichkeiten im siebten Stock wurden für die Massen zu klein. Die Kanzlerin, der Fußball-Kaiser und Klinsmann sprachen daher in der weit geräumigeren Lobby vor der blauen Wand mit dem Bundesadler in die Mikrofone. Dort werden sonst Staatsgäste empfangen. Beckenbauer kennt ein solches Zeremoniell. Jedem der 31 Länder, die bei der WM teilnehmen, wird er bis zum Turnierbeginn einen Besuch abgestattet haben. Empfangen wird er immer wie ein Minister, mindestens. Wenn nicht wie ein Staatsoberhaupt. Oder wie ein König. Bei seinem vergangenen Besuch im Kanzleramt hat Beckenbauer Außenminister Steinmeier getroffen und ihm zugerufen: "Hallo, Herr Kollege."

Frau Merkel verzichtete auf eine Koalition mit dem deutschen Außenminister der Abteilung Fußball. Die Bundeskanzlerin stärkte den Bundestrainer: "Ich bin überzeugt, daß Jürgen Klinsmann und sein Team auf dem richtigen Weg sind", sagte die Kanzlerin. Neue Methoden und das Abschneiden alter Zöpfe fänden stets breite Zustimmung, solange der Erfolg anhalte. Wenn nicht, hagele es Kritik. Klinsmann solle sich daher von den jüngsten Angriffen nach der 1:4-Niederlage in Italien nicht beirren lassen, riet Frau Merkel. "Wankelmut schafft kein Vertrauen. Und täglich wechselnde Entscheidungen führen nicht zum Erfolg." Das wisse sie aus eigener Erfahrung.

Ein Land wartet auf ein Wunder

Für Fußball hat sich Angela Merkel zuvor nicht interessiert. Als Bundeskanzlerin des WM-Gastgebers muß sie es. Sie appellierte an Medien und Fans, die Nationalelf "nicht in Grund und Boden zu reden". Vielleicht kehrt die Aufbruchstimmung ja doch noch zurück. Der Schaden ist schon da. In der vergangenen Woche hat sich der britische "Economist" unter dem Titel "Waiting for a Wunder" mit der Lage in Deutschland und mit der Bedeutung der WM für das Land befaßt. "Deutschland versucht, seinen beschädigten Ruf zu polieren und seine kollektive Depression zu heilen", heißt es da. Angela Merkel solle nicht auf eine Belebung der deutschen Wirtschaft durch die Fußball-WM hoffen, die zu einem "befremdenden Märchen über undichte Stadien und Ticketpannen geworden ist". Selbst wenn die Deutschen Weltmeister würden, bliebe dem Land noch eine Menge zu tun. "Es könnte Jahre dauern, bis Fußball-Deutschland wieder den Anschluß an die Weltspitze findet - genauso wie es Jahre dauern könnte, bis die politischen Reformen das Land zurück in die Spur bringen."

In der vergangenen Woche hat Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern München, dem "Stern" ein Interview gegeben. Der DFB-Mediendirektor Harald Stenger berichtete Klinsmann, was die "Bild"-Zeitung daraus gemacht hatte: "Hoeneß faltet Klinsmann zusammen." Das Interview hatte einen wohlwollenden Tenor. Hoeneß forderte die Bundesliga auf, den Bundestrainer zu unterstützen und die Trainerdiskussion zu stoppen, und verlangte von Klinsmann, die Wohnortdebatte zu beenden und sich mit Beckenbauer auszusprechen. Hoeneß nannte unter anderem die "Bild"-Zeitung, als er von "Mächten" sprach, die gegen Klinsmann seien. Und "die Mächte" sind nicht nur gegen Klinsmann, sie tragen entscheidend zur Fußball-Grundstimmung in Deutschland bei. "Ich lasse mich nicht kaufen", sagt Klinsmann ein paar Tage später. Er will nicht den üblichen Handel eingehen. Die Boulevardwährung in Fußball-Deutschland heißt: gute Presse für gute Informationen.

Die „Bild“-Zeitung eine „Macht“ gegen Klinsmann

Im vergangenen - unendlich fern scheinenden - Jahr schien Deutschland nichts sehnlicher als die WM und Erneuerung zu wünschen. Das Land gab sich den Namen "FC Deutschland 06", und manche Strategen der rot-grünen Regierungsparteien glaubten, die WM könnte sogar ihre Wahlchancen verbessern. Damals hieß der Kanzler noch Schröder. Die Deutschen hofften als fröhliche Gastgeber durch die Weltmeisterschaft auf ein besseres Image in der Welt. Sie starteten Freundlichkeits- und Serviceoffensiven, um die besten Gastgeber aller Zeiten zu werden. Deutschland sollte sich in ein Land des Lächelns verwandeln. Die Wirtschaft träumte von Zehntausenden neuen Arbeitsplätzen, und selbst das Bruttosozialprodukt sollte wegen der WM um ein halbes Prozent steigen.

In Berlin ist das Symbol für diesen gewaltigen und inzwischen überall bröckelnden Optimismus, mit dem das Fußballturnier zwischen dem 9. Juni und 9. Juli überfrachtet wurde, noch immer im Entstehen. 3000 Quadratmeter werden mit Folie beklebt, damit die Kugel des Berliner Fernsehturms aussieht wie der größte Fußball im Land - in Silber und Magenta. Von Brandenburg aus wird man ihn mit bloßem Auge erkennen können. Im Januar sollte der Ball fertig sein. Aber dann wollte der Winter in Deutschland nicht enden.

Initiative für „fußballfreie Zonen“

Der Münchner Regisseur Stephan Barbarino hat offenbar ein gutes Gespür für Stimmungen. Er hat eine Initiative für "fußballfreie Zonen" während der WM gestartet. Ein paar Wirtshäuser, Cafes und Galerien machen schon mit. "Es gibt genügend Leute, die nicht täglich 25 Stunden Fußball schauen oder vor Großleinwänden sitzen wollen", sagt er. Barbarino hat das erste König-Ludwig-Festival in Füssen inszeniert und ist Fan von Wacker Burghausen. Aber er merkt, daß es manchen zuviel wird mit dem Fußball-Hype.

Zur Stimmungsaufhellung hofft der DFB nun auf Menschen wie Olaf Suplicki. Er ist der Vorsitzende der Fanklubs von Borussia Dortmund und war vergangene Woche als Vertreter der Fans bei einem Treffen mit DFB-Präsident Zwanziger dabei. Es sei ein sehr gutes und offenes Gespräch gewesen, berichtet er. Es ging um Klinsmann und das Länderspiel in Dortmund.

Stimmung, Emotion, Hysterie

Zwanziger habe sich auf die Diskussion eingelassen und sei auf die Forderungen der Fans eingegangen. "Unsere Fans sollen sich vorher artikulieren, auch kritische Worte sind erwünscht. Aber ab dem Anpfiff sollen alle Fans hinter der Nationalmannschaft stehen", sagt der DFB-Präsident nach dem Gespräch. Suplicki macht Zwanziger Hoffnung, trotz der Sache mit Wörns: "Später sollen alle sagen, daß Dortmund der Ausgangspunkt für eine erfolgreiche WM war."

Alles ist nur noch Stimmung, Emotion, mitunter Hysterie. Vielleicht ist die Börse ein besserer Gradmesser für den Zustand des deutschen Fußballs und seine tatsächliche Lage knapp drei Monate vor der Weltmeisterschaft als die Schlagzeilen. Es gibt seit Monaten im Internet WM-Aktienspiele. Es winken Geld- und Sachpreise. Das fördert rationale Einschätzungen. Außenseiter Togo kostet derzeit etwa fünf Euro, Favorit Brasilien 32 Euro. Deutschlands Kurs ist in den letzten Wochen erstaunlich stabil, trotz aller Kapriolen. Die Deutschland-Aktie gibt es für rund 28 Euro. Das bedeutet, 80 Tage vor der WM, ganz emotionslos: zweiter Platz für Deutschland. Darauf darf man wetten.

Quelle: F.A.Z., 22.03.2006, Nr. 69 / Seite 1
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