27.04.2006 · Die geschäfssteigernde Wirkung der Fußball-WM macht sich im hessischen Einzelhandel bemerkbar: Nach Jahren der Verzagtheit kommen erstmals wieder Berichte über Umsatzsteigerungen.
Von Manfred KöhlerNiemand weiß so recht, warum - aber die Stimmung hat sich gedreht. Vielleicht waren die Menschen des Jammerns einfach müde, wie ein Einzelhändler orakelt. Vielleicht hätten sie nicht mehr soviel Angst vor einer Entlassung, grübelt ein anderer. Vielleicht haben sie mit der Fußball-Weltmeisterschaft endlich einen Anlaß gefunden, sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen, wie ein dritter meint.
Wie auch immer: Nach Jahren der Verzagtheit, in der aus dem Einzelhandel nur betrübliche Nachrichten kamen, ist jetzt wieder von Umsatzsteigerungen die Rede. „Das fing schon im Januar an“, sagt Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, „dann hat es sich im Februar stabilisiert, der März war außerordentlich gut, und im April hat es sich fortgesetzt.“ Von der wiedererwachten Lust am Einkaufen, so Albrecht, profitierten alle Branchen.
Eberhard Schmidt-Gronenberg kann dies für sein Geschäft bestätigen. Der Geschäftsführer des Modehauses Halbach in Bad Homburg berichtet von einem Umsatzanstieg von zehn Prozent im ersten Quartal, verglichen mit den Monaten Januar bis März 2005. „Das hatten wir seit Jahren nicht mehr.“ Sonst seien die Umsätze mal zwei, drei Prozent nach oben oder unten gegangen. Vor allem die Frauen hätten das Einkaufen wiederentdeckt. Schmidt-Gronenberg zählt auf: Lederjacken - Umsatzsteigerung plus 89 Prozent, Damenhosen - plus 60 Prozent, Kleider - plus 38 Prozent.
Kunden kaufen wieder verstärkt
Dabei vertreibt Halbach hochwertige Waren; für eine Lederjacke etwa zahlen die Kundinnen im Durchschnitt 500 Euro, für eine Hose 100. Bei der Herrenkonfektion sind die Zuwachsraten weniger hoch, aber doch noch beachtlich: Bei Sakkos betrug die Umsatzsteigerung nach den Worten des Geschäftsführers auch immerhin zehn Prozent, bei Pullovern zwölf. Schmidt-Gronenberg glaubt, zur größeren Kauflust hätten auch die Aktienkurse beigetragen. Er wisse von genügend Leuten, deren Depots sich hervorragend entwickelt hätten.
Ernst Schmid, Geschäftsführer der HiFi-Profis, spürt sogar schon die Fußball-Weltmeisterschaft. In den drei Geschäften des Unternehmens in Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt sei die Nachfrage nach Fernsehgeräten im ersten Quartal um ein Fünftel höher gewesen als vor Jahresfrist, berichtete er gestern auf Anfrage. Offenbar zögen viele Kunden eine ohnedies geplante Investition vor. Fernsehgeräte machen dem Unternehmen überhaupt seit längerem Freude, weil die alten Röhrengeräte nach und nach durch solche mit Flachbildschirmen ersetzt werden. Bei der HiFi selbst, sagt Schmid, gebe es hingegen eher „business as usual“.
Wie sehr sich die Stimmung unter den Konsumenten dank der besseren Wirtschaftslage und der bevorstehenden Weltmeisterschaft gebessert hat, zeigen auch die neuesten Zahlen der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung, die gestern vorgelegt wurden. Danach ist das Konsumklima derzeit so gut wie zuletzt 2001, also noch zu D-Mark-Zeiten. Auch der Ifo-Geschäftsklimaindex, der die Stimmung in den Unternehmen aller Branchen spiegelt, ist auf ein langjähriges Hoch gestiegen.
Nachfrage nach Wohnaccessoires
Auch Peter Helberger kann bestätigen, daß die Menschen wieder mehr zum Anstieg des Bruttosozialprodukts beitragen wollen. Es gebe 2006 mehr Kunden, die eine Planung für ihre Wohnräume wünschten, sagt der Chef der gleichnamigen Möbelgeschäfte in Frankfurt und Wiesbaden. Der Umsatz gehe leicht nach oben.
Im Fachgeschäft Lorey in Frankfurt, das ebenso wie Helberger auf hochwertige Produkte setzt, ist vor allem die Nachfrage nach Wohnaccessoires gestiegen, wie Geschäftsführer Philipp Keller berichtet. Weniger gefragt seien Haushaltswaren. Auch Keller hofft, von der Fußball-Weltmeisterschaft zu profitieren: „Vielleicht kommt die Frau eines Scheichs“, meint er mit Verweis auf die Nachricht, im „Frankfurter Hof“ werde ein Teil der saudiarabischen Königsfamilie Quartier nehmen.
Gutes erstes Quartal 2006
Auf solcherlei Kundschaft kann Peter Erb, der das Karstadt-Haus in Wiesbaden führt, nicht rechnen. Trotzdem wird in diesen Tagen in dem Haus, dessen Renovierung 2004 abgeschlossen wurde, mit dem Aufbau von Sonderständen für Fanartikel begonnen, wie er sagt. Auf ein gutes erstes Quartal 2006 blickt auch er zurück. „Wir waren schon sehr gut.“ Die Strategie, nach der Renovierung hochwertigere Produkte anzubieten als früher, sei aufgegangen. Als Beispiel nennt Erb Herrenhosen der Marken Brax und Pierre Cardin.
Völlig ungetrübt ist die neue Freude der Einzelhändler trotzdem nicht. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer Anfang 2007 werde zwar die Umsätze im vierten Quartal nach oben treiben, sagt Frank Albrecht. Danach würde sie aber wieder deutlich sinken. Zu den Plänen der Bundesregierung fällt dem Präsidenten des Einzelhandelsverbands denn auch nur ein einziges Wort ein: „kontraproduktiv“.