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Dokumentation Der leise Titan

11.05.2006 ·  Kaum ein deutscher Fußballer polarisiert mehr als Oliver Kahn. Er ist „King Kahn“ und wird als „primitiver Teutone“ mit fliegenden Bananen begrüßt. In einer Fernsehdokumentation zeigt er sich von seiner stillen Seite.

Von Tilman Lahme
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Er patzte. Ausgerechnet im Weltmeisterschaftsendspiel. Als Oliver Kahn am 30. Juni 2002 gegen Brasilien einen eher einfachen Schuß nicht festhalten konnte, den Ronaldo zum 1:0 abstaubte, geriet das deutsche Team vorentscheidend ins Hintertreffen. Dennoch war diese Weltmeisterschaft der Höhepunkt in Kahns Fußballerleben. Ohne ihn (und ausgeprägtes Losglück) wäre die deutsche Rumpelmannschaft niemals bis ins Finale vorgedrungen.

Kurz darauf wurde Kahn, bis dahin schon zweifacher „Welttorhüter“, zum besten Spieler des Turniers gewählt. Eine Auszeichnung, die vor ihm noch nie ein Torwart erhalten hatte. Und doch erinnert man sich an den Fehler im Finale, und nur an diesen, vergißt den katastrophalen Ballverlust zuvor; Leid des Torhüters.

Bananen für „King Kahn“

Leid und Größe, denn auch große Momente können ihm allein gehören. In Kahns Fall etwa das Finale der Champions League im Jahr 2001, als er im Elfmeterschießen gegen Valencia drei Schüsse parierte, darunter einen mit einem selbst in Zeitlupe kaum begreiflichen Reflex. „Titan“, „King Kahn“, „Vulkan“ sind entsprechend drei von zahlreichen Boulevard-Bezeichnungen für Oliver Kahn. Stärke, Erfolgswille, gar etwas Übermenschliches drückt sich darin aus, und es ist kein Wunder, daß gerade an Kahn sich die Geister wie an keinem anderen Fußballer scheiden. Hemmungslose Bewunderung auf der einen, Ablehnung und Schmähung des „Proleten“ und „Affen“ auf der anderen Seite.

All denen, die ihn nicht schätzen, hat Kahn es immer leichtgemacht, hat sich nie an die Medienregeln gehalten, stets mit freundlichem Lächeln druck- und sendbare Belanglosigkeiten von sich zu geben, wie Michael Ballack etwa. Kahn hingegen wirkt verkniffen, unfreundlich, arrogant, antwortet schnippisch auf Fragen, die sein Niveau unterschreiten - und das sind nicht wenige.

Zurück zu den Menschen

In einer Fernsehdokumentation über den Bayern- und Nationaltorhüter lernt man einen anderen Kahn kennen, einen nachdenklich, reflektierten und leisen. Seine wohlüberlegten Aussagen stehen darin im Kontrast zu eingefangenen Fan-Äußerungen, die ihn entweder für den Größten halten oder für einen „primitiven Teutonen“. Beschrieben wird sein unbändiger Wille zum Erfolg, sein langer Weg nach oben, von Karlsruhe zu Bayern, dann in die Nationalmannschaft, dort vom dritten Mann auf der Ersatzbank zum Platz zwischen den Pfosten, die die Welt bedeuten.

Doch es geht hier nicht um den Lebens- und Erfolgsweg, sondern um den Umgang mit Erfolg, um die Träume und Ziele eines im Rampenlicht stehenden Sportlers; noch dazu eines Intellektuellen, der sich unter die Fußballer verirrt hat. Kahn erklärt etwa, er habe sich 2002 auf dem Gipfel seiner Laufbahn gewußt, aber es hause der merkwürdige Drang im Menschen, und eben auch in ihm, dies nicht zu genießen oder gar auf dem Höhepunkt aufzuhören, sondern alles zu zerstören; vielleicht, so Kahn, weil man eben kein „Titan“ sei, sondern zurückwolle zu den Menschen. Wer sich an die zur öffentlichen Angelegenheit avancierte Liebesgeschichte Kahns mit einer Disco-Schönheit, an das Ende seiner Ehe und die entsprechenden Schlagzeilen erinnert, weiß, daß er hier nicht nur vom sportlichen Abstieg spricht.

Verlierer mit Größe

Die Degradierung Kahns zum Ersatztorwart in der Nationalmannschaft behandelt die Dokumentation nicht. Sie war wohl schon fertig, als Klinsmann seine Entscheidung pro Lehmann verkündete. Doch der Druck der Rivalität spiegelt sich in den Gesprächen, hat wohl auch zur Reifung Kahns beigetragen. So zeigt er seine Pokalsammlung, die drei Trophäen als Welttorhüter des Jahres, zwischen denen auch eine für den zweiten Platz steht. Heutzutage zähle der zweite Platz ja nichts mehr, sagt Kahn und fügt trotzig hinzu: Er habe den Pokal trotzdem dazugestellt. Und dann verweist er stolz auf den Fairplay-Preis, den er 2001 erhielt, als er nach dem gewonnenen Elfmeterschießen den gegnerischen Torwart tröstete. Ein großer Gewinner war Kahn immer. Vielleicht wird er nun, auf seine alten Fußballertage, auch noch zum Verlierer mit Größe.

Quelle: F.A.Z., 11.05.2006, Nr. 109 / Seite 46
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