17.05.2006 · Die Fußball-WM ist ein herausragendes sportliches und kulturelles Ereignis, schreiben Wirtschaftsforscher des DIW, doch der Volkswirtschaft bringe sie keinen Schub, auch nicht wenn Deutschland Weltmeister werden sollte.
Die Fußball-WM wird nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die deutsche Konjunktur nicht beflügeln. Anders als von Politikern und Sponsoren behauptet, werde die WM keine spürbaren gesamtwirtschaftlichen Effekte haben, hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten DIW-Analyse.
So seien etwa die über mehrere Jahre verteilten Investitionen in Stadien in Höhe von einer Milliarde Euro einfach zu gering. Auch von den geschätzten eine Million ausländischen Besuchern dürfe nicht zu viel erwartet werden. Bei ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland oder im Ausland seien jedenfalls unter dem Strich keine nennenswerten Tourismuszuwächse zu erkennen gewesen.
„Herausragendes sportliches und kulturelles Ereignis“
Unbestreitbar sei die am 9. Juni beginnende Fußball-WM ein herausragendes sportliches und kulturelles Ereignis, schrieben die Berliner Forscher. Der Volkswirtschaft bringe sie jedoch keinen Schub, auch nicht wenn Deutschland Weltmeister werden sollte: „Von der Fußball-WM (...) werden keine nennenswerten konjunkturellen Impulse ausgehen.“ So würden zwar einerseits ausländische Fußball-Fans nach Deutschland strömen, andere Touristen aber wegen befürchteter Preiserhöhungen fernbleiben.
Von Sport-Funktionären, Politikern und Sponsoren waren immer wieder gewaltige ökonomische Effekte durch die WM angekündigt worden. Der Chef des WM-Organisationskomitees, Franz Beckenbauer, hatte sogar davon gesprochen, daß die WM auch wirtschaftlich eine Wende bringen könnte. Das DIW stellte solche Aussagen generell in Frage. Es sei nicht damit zu rechnen, daß sich Konsum- und Investitionsverhalten deutlich veränderten.
Investitionen bereits abgeschlossen
So seien die im Zusammenhang mit der WM getätigten Investitionen bereits abgeschlossen, konjunkturell aber nicht sichtbar, weil sie mit sechs Milliarden Euro zu klein seien: Insgesamt wurden in Deutschland vergangenes Jahr 384 Milliarden Euro investiert, und die Investitionen machen wiederum nur ein Sechstel des gesamten Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus.
Ähnlich verhält es sich dem DIW zufolge mit den zwischen einer und 1,8 Milliarden Euro geschätzten Ausgaben der Fußball-Touristen. Bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich seien die Zahl der Touristen und damit ihre Ausgaben jedenfalls übers Jahr betrachtet nicht aus dem üblichen Rahmen gefallen. Dasselbe gelte für die Fußball-Europameisterschaft in Portugal und die Olympischen Spielen in Griechenland vor zwei Jahren. In Deutschland sei aus dieser volkswirtschaftlichen Perspektive weder durch die Europameisterschaft 1988 noch die WM 1974 die Nachfrage im Hotel- und Gaststättengewerbe insgesamt gestiegen (Branchen und Märkte (34): Hotels .
Keine auffällige Entwicklung des privaten Verbrauchs
Nicht ausgeschlossen werden könne, daß mehr Waren verkauft würden, die in Zusammenhang mit der WM stünden, schrieben die Forscher: „Aber ob die Kunden mehr zu Backwaren greifen, weil sie nun Weltmeisterbrötchen heißen, ist eher zweifelhaft.“ Konjunkturell entscheidend sei sowieso, ob der private Verbrauch insgesamt steige: „Auch bei früheren Sportgroßereignissen in Deutschland ist keine auffällige Entwicklung des privaten Verbrauchs festzustellen gewesen“, dämpfte das DIW Euphorie.
Auch von einer allgemein besseren Stimmung durch die WM gingen keine zusätzlichen Impulse aus, schrieb das DIW. Solche Aussagen könnten sich „weder auf eine ernstzunehmende Theorie noch auf eine solide Empirie stützen“. Für andere Länder sei ein solcher Effekt jedenfalls nicht feststellbar gewesen.
Deutschlands Erfolg irrelevant
Weitgehend irrelevant ist auch, ob Deutschland schon in der Vorrunde ausscheidet oder Weltmeister wird. Eine Analyse der Aktienkursentwicklung von 1973 bis 2004 in fußballbegeisterten Ländern habe ergeben, daß Siege in wichtigen Spielen keinen signifikantpositiven Effekt hätten, Niederlagen die Kurse aber leicht drücken könnten. Ein gutes Abschneiden der deutschen Elf hätte also keine positiven Auswirkungen auf das wirtschaftliche Verhalten, weil es von den Fans ohnehin vorausgesetzt werde.
Anfang des Jahres hatte schon das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Erwartungen gedämpft, daß die Fußball-WM zu einem kräftigen Konjunkturschub in Deutschland führen werde („WM kein Konjunkturprogramm“).