06.06.2006 · Die iranische Nationalmannschaft wurde in ihrem WM-Quartier in Friedrichshafen am Bodensee willkommen geheißen. Für Präsident Ahmadineschad gilt die Gastfreundschaft nicht.
Von Christoph Ehrhardt, FriedrichshafenDer Fanfarenzug steht im Abseits. Zackig tragen die Männer in den mittelalterlich anmutenden Uniformen den Marsch vom Regimentsgendarmen vor. Im Regen. Die Musik aber spielt bei den Herren in den grauen Nadelstreifenanzügen: Eben ist am Sonntag morgen die iranische Fußball-Nationalmannschaft in Friedrichshafen am Bodensee gelandet. Oberbürgermeister Büchelmeier hat seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht, sie zu Gast zu haben. Der iranische Botschafter, Achundsadeh, preist in Diplomatenduktus die „traditionelle Freundschaft“ zweier Völker.
Fans, die Jugendmannschaft des VfB Friedrichshafen und Journalisten drängeln sich derweil um die Spieler; bevorzugt um Bundesligastars wie Bayern Münchens Ali Karimi oder Hannover-96-Stürmer Vahid Haschemian. Diese Hektik, weichgezeichnet durch die Regenschleier und angefeuert von gelegentlichem Pfeifen des Sprechermikrofons, hatte das Protokoll ganz sicher nicht vorgesehen. „Nicht typisch deutsch“, diagnostiziert Bürgermeister Büchelmeier nicht unzufrieden. So langsam breche es aus, das WM-Fieber, sagt er, und zwischen den Zeilen hört man ganz, ganz leise: endlich.
Angst vor Demonstrationen von Rechtsextremisten
Nicht nur das Schmuddelwetter hatte zunächst den Eindruck erweckt, Friedrichshafen hätte sich vor dem vielbeschworenen WM-Fieber erst einmal einen tüchtigen Schnupfen eingefangen. Ein paar Wimpel in den Schaufenstern. Vereinzelt wiesen Plakate auf das Freundschaftsspiel hin, in dem die Kicker vom Persischen Golf im Zeppelin-Stadion am Montag auf eine Fußballerauswahl vom Bodensee trafen; ähnlich auffällig warben „DJ Torso“ und „Max La Rock“ für den „Club Hugo“.
Die Polizei, die sich am Ankunftstag im Hintergrund halten konnte, hatte sich zuvor mit möglichen Demonstrationen von Rechtsextremisten, linken Gegenveranstaltungen oder Protesten jüdischer Aktivisten auseinandersetzen müssen. Bloß nichts herbeireden, hieß es immer von Seiten der Verantwortlichen. Es gebe keine Anzeichen, aber man sei bestens vorbereitet. Sogar die Kollegen in Frankfurt, denen anläßlich des Iran-Portugal-Spiels am 17. Juni ein rechtsextremistischer „Solidaritätsmarsch“ droht, wurden befragt.
Der „Irre vom Iran“ ist nicht willkommen
Das baden-württembergische Innenministerium hatte vorab den Kontakt zum „Nationalen Widerstandsrat des Irans“ aufgenommen. Die Exiloppositionellen hatten Protestaktionen angekündigt, sollte der iranische Präsident Ahmadineschad nach Deutschland reisen - ebenso ein Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, das dem „Irren vom Iran“ einen „heißen Empfang“ versprochen hatte. Heiße Luft?
Wenn das „Team Melli“ in Nürnberg - womöglich angefeuert von Ahmadineschads Stellvertreter und Tourismusminister Maschaie - am 11. Juni auf Mexiko trifft, wird es am Rande eine Kundgebung gegen Ahmadineschad geben, auf der unter anderen der bayerische Innenminister Beckstein als Redner auftreten soll. Durchatmen, nicht aufatmen heißt es also für die Polizei - auch für die in Friedrichshafen. Was das alles wohl koste, lästert ein ortsansässiger Bedenkenträger. Er persönlich habe ja nichts „gegen die“, „die“ heiße er herzlich willkommen, aber „dieser komische Präsident...“.
Kommt Ahmadineschad zum Achtelfinale?
Kommt er nun, oder kommt er nicht, der Präsident? Das mediale Blütenblattzupfen wird wohl weitergehen müssen. Ahmadineschad komme möglicherweise, wenn die Mannschaft das Achtelfinale erreicht, orakelt ein iranischer Diplomat am Sonntag abend auf einem Empfang in Friedrichshafen. Ahmadineschad selbst hatte das am Samstag in Teheran selbst angekündigt.
Der Präsident des iranischen Fußballverbandes (FFI), Mohammed Dadkan, verzichtete derweil - anders als noch am Samstag - darauf, die Spekulationen weiter zu befeuern. Lieber machte er Bürgermeister Büchelmeier zum Mitglied des iranischen Fußballverbandes und wurde daraufhin prompt zum Ehrenmitglied des VfB-Friedrichshafen ernannt.
Keine Frauen in Iraner Fußballstadien
Vielleicht verschafft es den geplagten deutschen Behördenvertretern ein wenig Genugtuung, daß die politischen Implikationen des Fußballsports auch für Kopfzerbrechen in iranischen Amtsstuben sorgen. So haben die Teheraner Behörden schon deutlich gemacht, sie ließen nicht zu, daß die Fußballbegeisterung dazu mißbraucht werde, um die politische und gesellschaftliche Ordnung zu unterminieren.
Übereifrig zur Schau getragene Lebensfreude wie die Jubelarien von 1997, als sich die Iraner nach einem 2:2 gegen Australien für die Weltmeisterschaft in Frankreich qualifizierten, sind gar nicht nach dem Geschmack der Mullahs. Als der fußballbegeisterte Präsident gar im Überschwang ankündigte, auch die Frauen sollten zu Herrenspielen ins Stadion dürfen - den kurzen Hosen zum Trotz -, mußte er schnell zurückrudern.
Fußball als Vorbild für die Völkergemeinschaft
So war es wohl ganz im Sinne aller Beteiligten, daß in Friedrichshafen die Spieler im Mittelpunkt standen. Bloß nicht die unangestrengt herzliche Atmosphäre vergiften, besser nicht über Politik reden! „Wir ziehen eine scharfe Trennlinie zwischen dem Sport und der Politik“, sagte Botschafter Achundsadeh schon am Flughafen. Weniger ausweichend äußerten sich auch die Spieler nicht. Sonst gaben sie sich überaus zugänglich. Ein nicht öffentliches Training wurde wegen des Andrangs spontan zu einem öffentlichen.
Als Fußballfunktionär Dadkan während des Empfangs über die völkerverbindende Kraft des Fußballs referierte, hatten sich die Spieler schon unter die Leute gemischt, geplaudert und für unzählige Erinnerungsfotos zur Verfügung gestanden; als hätten die Iraner auf UN-Generalsekretär Annan gehört, der unlängst den Fußball als Vorbild für die Völkergemeinschaft bezeichnete. Als das einzige Spiel der Welt, das in jedem Land und von jeder Rasse und Religion gespielt werde, und somit eines der wenigen Phänomene, das auf der ganzen Welt so einzigartig wie die Vereinten Nationen sei.
„Iran, Iran, Iran! Ya Ali madad!“
Ein Tourist, der etwa eine Stunde vor der Ankunft der Fußballer am Flughafen auf den Aufruf zum Einsteigen wartet und es mit diesen Kategorien nicht so genau nimmt, stößt seiner Frau konspirativ den Ellenbogen in die Seite und raunt: „Die sind hier, um die islamische Nationalmannschaft zu begrüßen.“ Er nickt in Richtung einer Gruppe junger Iraner, die später - unweit des Fanfarenzugs - mit Trikots und Fahnen ausgestattet, in Fußballmannschaftsstärke antreten.
„Iran, Iran, Iran! Ya Ali madad!“, skandieren sie. Sie sind gut in der Übung, als ihre Mannschaft über das Rollfeld eilt. Sie mußten das vorher immer wieder vorführen. „Iran, Iran, Iran! Oh Ali, steh uns bei.“ Die Gründerfigur des schiitischen Islams soll es richten. Der Fußballgott hat scheinbar nichts zu melden.
Herr Beckstein solte sich um andere Probleme kümmern!
Nice Day (rajabi)
- 06.06.2006, 02:03 Uhr
Provizieren - provozieren lassen
Andreas Seidl (ASeidl)
- 06.06.2006, 14:49 Uhr
Wie wäre es mit dieser Variante!
Nice Day (rajabi)
- 06.06.2006, 16:57 Uhr
Er wird nicht kommen. Wo ist das Problem?
Michael Marks (hjort)
- 07.06.2006, 00:53 Uhr
Bei solchen Freunden braucht man keine Feinde!
Peter Becker (sidewinderpeter)
- 07.06.2006, 12:48 Uhr