06.07.2006 · Daß sich die deutschen Nationalspieler mit einem Fest in Berlin von ihren Fans verabschieden werden, ist keine Überraschung. Aber die Vorgeschichte: Erstmals werden die Darsteller nicht von Funktionären auf die Bühne geschickt. Eine große Geste, kommentiert Peter Heß.
Von Peter Heß, BerlinDaß sich die deutschen Nationalspieler am kommenden Sonntag am Brandenburger Tor mit einem Fest von ihren Fans verabschieden, stellt keine Überraschung dar. Schließlich gibt es keinen Anlaß für sie, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Sie dürfen Blumen erwarten, kein angefaultes Gemüse, einen kräftigen Schlußapplaus, keine Buhrufe.
Ohne Beispiel in der deutschen Fußballgeschichte ist aber die Vorgeschichte des Abschiedsauftrittes. Zum ersten Mal werden die Darsteller nicht von den Funktionären auf die Bühne geschickt. Sie haben vielmehr die Verpflichtung gespürt, dem Publikum für seine Unterstützung zu danken, und drängten von sich aus auf eine große öffentliche Abschiedsvorstellung. Der Deutsche Fußball-Bund und der Weltverband waren nicht der Meinung gewesen, daß dies unbedingt nötig wäre.
Das System Klinsmann funktioniert
In der Vergangenheit haben Fußballprofis solche Hintertürchen immer zu einem beherzten Sprint in den Urlaub genutzt. Nach einer langen Saison zählte jede Stunde Freizeit. Das konnte man menschlich nachvollziehen, aber kritische Geister hatten sich immer schon gewünscht, die Fußballhelden würden ihrer Verbundenheit zum zahlenden Zuschauer nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten Ausdruck verleihen.
Dies ist jetzt geschehen und ein weiterer Beweis, daß das System Klinsmann funktioniert. Die Bewußtseinsbildung, die persönliche Entwicklung der Spieler haben sich der Bundestrainer und seine Helfer auf die Fahnen geschrieben. Nicht ohne Grund: Denn wer nicht bereit ist, sich mit seinem Beruf gründlich auseinanderzusetzen, dem mußte das Klinsmannsche Anspruchsdenken wie eine Verkettung von Ungeheuerlichkeiten vorgekommen. Gymnastik mit Gummibändern, Videos über die Mentalität der Gegner, stundenlange Taktikschulung, das gab's ja noch nie! Die Gepflogenheiten der Bundesliga lassen nur die Charakterfestesten ihr Gefühl für Eigenverantwortung bewahren. Talente werden verhätschelt und zu früh hochgelobt und hoch bezahlt. Und mit dem immensen Gehalt, das sie zahlen, meinen die Klubs, sich ihrer erzieherischen Aufgaben entsagen zu können. Nach dem Motto: Wer so viel Geld verdient, den muß ich nicht mehr motivieren.
Geistig moralische Elite
Und so erleben wir immer noch, wie Fußballprofis mit nassen Haaren aus der Umkleidekabine in die frostige Luft hinaustreten, wie sie nach dem Training eine Literflasche Cola ansetzen, wie sie auf Schnitzel mit Pommes rot-weiß einfach nicht verzichten können. Und solche, die nach zehn Jahren Profitraining immer noch nicht mit dem linken Fuß schießen können oder den Kopf einziehen, wenn der Ball über Schulterhöhe fliegt.
Die Forderung, den Fans etwas zurückgeben zu dürfen, macht die Nationalmannschaft zu einer geistig-moralischen Elite des deutschen Fußballs. Diese Feststellung soll weniger als Lob für die Klinsmänner verstanden werden, sondern eher als Kritik an den ansonsten herrschenden Verhältnissen. Wenn in vier Jahren sich die Nationalmannschaft wieder ein Abschlußbad in der Menge verordnet und kein Kommentar dazu erscheint, ist der deutsche Fußball einen Schritt weiter gekommen.
der kleine Unterschied
Jürgen Meyer (uk21632V)
- 07.07.2006, 00:18 Uhr
Der deutsche Fussball, ein Paradigma für die BRD?
Wilhelm Schneiderhan (mini_paladin)
- 07.07.2006, 15:16 Uhr
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Wilhelm Schneiderhan (mini_paladin)
- 07.07.2006, 15:41 Uhr