Es waren Podolskis Schuhe, die gestern im Fernsehen vom Schuhwart des DFB vorgeführt wurden. Von außen nichts Besonderes. In der Innenferse des Schuhs allerdings sind die ersten Zeilen der Nationalhymne eingestickt. Technisch betrachtet, hat dort nur Podolskis Ferse etwas von den Versen, aber sie kann weder lesen noch singen. Doch gerade das ist, wenn man den Schuhwart richtig versteht, das Geheimnis: Mit jedem Schritt reibt sich Podolskis Ferse ein wenig an Deutschlands Hymne, natürlich nicht wie die GEW sich an der Hymne reibt, sondern so wie der Dynamo am Reifen. Podolski weiß natürlich, was seine Ferse da tut. Vergessen wir für einen Augenblick, daß er bislang keine besonders gute Figur gemacht hat: Seine Ferse taugt als Symbol für die rätselhaften Vorgänge der letzten Tage. Ein Kraftaufladezentrum scheint am Werke, das hymnische Stimmung macht.
Das Land mit den dunklen Wäldern (auf diese Sehenswürdigkeit wurden angeblich die afrikanischen Touristen hingewiesen) und mit den noch dunkleren Märchen (das soll in Japan eine Rolle gespielt haben) ist jetzt jedenfalls plötzlich so licht und sonnig wie vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr. Man wacht auf und merkt: Keine Wackersteine mehr, die im Bauch rumpeln und pumpeln, eher fühlt es sich erfüllt und gekräftigt an, gerade so, als habe man sechs junge und zarte Geißlein verspeist.
Die Rückeroberung eines öffentlichen Raums
Wer glaubt, das alles sei dem Fußball zu verdanken, irrt. Klar: Wir erleben dank dem Fußball, daß gerade die nationalen Symbole besonders gut in den globalen Wirtschaftskreislauf passen, wie das schon seit langem an den Ablösesummen für große Fußballspieler sichtbar war, nun aber auch an den kleinen Wink-Elementen deutlich wird. Daß die Fabrikanten im fernen großen China nicht mehr nachkommen mit der Belieferung Deutschlands mit deutschen Fahnen, ist eine Globalisierungspointe, bezeichnet aber nur das Sichtbare, das aller Welt vor Augen Liegende. Solche sich selbst erklärenden Prozesse werden in Deutschland normalerweise nicht durch Fußballspieler, sondern durch Persönlichkeiten wie Hans-Olaf Henkel repräsentiert. Aber entscheidender ist das Unsichtbare oder Ungesehene, etwas, das - wie Podolskis Fersen-Strophe - zwar vorhanden ist, aber nicht gesehen wird.
Und da geraten wir an des Rätsels Lösung. Das Land erlebt einen Rausch, nicht nur weil es Spiele sieht. Es erlebt diese Spiele als Befreiung von Politik. Als Befreiung von Politik plus Christiansen plus Hans-Olaf Henkel - und das sozusagen auch noch im Quadrat: Diese alle sind wie nicht mehr vorhanden. Sie werden - wofür wir den öffentlich-rechtlichen Anstalten ewig dankbar sind - nach den Spielen nicht nach ihrer Meinung gefragt, ja fast nicht einmal auf den Tribünen gezeigt und sind erkennbar nicht die Besitzer der nationalen Symbole. Es ist wie ein großes Ausatmen, wie die Rückeroberung eines öffentlichen Raums, und mit Freude registriert man, daß es ihnen nicht gelingt, auch diesen öffentlichen Diskurs zu kapern.
Alarmierend sind nur zwei Worte
Was nicht heißt, daß sie nicht alles tun, sich auch hier, wenn nicht körperlich, so doch semantisch hineinzudrängen: Vorgestern erst erklärte vor laufenden Fernsehkameras einer unserer deutschen Generalsekretäre über eine aktuelle Reform (Gesundheit? Föderalismus? Steuern? Antidiskriminierung?), der Ball sei noch nicht im Tor, aber auf dem Elfmeterpunkt, das Bundeskabinett die Nationalmannschaft und Frau Merkel die Spielführerin. Solche Anmaßungen gibt es, seit es Politik gibt. Aber zum erstenmal, so scheint es jedenfalls, greift sie niemand auf. Wie schon in den Wochen der geschäftsführenden Regierung Schröder wächst das Gefühl, es gehe vielleicht auch ohne Politik. Jedenfalls ohne eine, die über die Exponentialfunktion der Talkshows bis in die letzten Lebensfasern unseren Alltag bestimmt.
Denn auch die Talkshows sind abgeschaltet, es sei denn, man rechnete den allwissenden Günter Netzer zu dieser Sphäre. Sabine Christiansen opfert sich, indem sie schweigt, „Von jetzt an“, heißt es auf ihrer Homepage, „gibt es in Deutschland nur noch ein Thema: die Fußball-WM. Dem fällt auch unsere Sendung erst mal zum Opfer.“ Alarmierend an dieser Mitteilung sind nur zwei Worte: „erst mal“. Ist damit schon die Sondersendung angemeldet? Titel, für jeden beliebigen Spielausgang, können wir gerne zur Verfügung stellen, zum Beispiel: „Deutschland - die kranken Weltmeister“ (Sieg bei der WM plus Gesundheitsreform); oder: „Kommt jetzt der deutsche Größenwahn?“ (Sieg bei der WM plus Kongo-Einsatz); oder auch: „In allem immer nur die Hälfte?“ (Niederlage im Halbfinale plus Föderalismusreform).
Jeder Deutsche, ob mit Fahne oder ohne, hat den Verdacht, daß er für diese Wochen der Ausschweifung noch zahlen müssen wird. Die emsigen chinesischen Fabrikarbeiter etwa, die in unzureichenden Mengen unsere Fahnen webten, satteln für den Herbst vermehrt auf den Nachbau unserer Autos um. Der Bundespräsident rüstet zu seiner nächsten Rede; irgendwann wird er Farbe bekennen müssen, ob er eingetreten sieht, was er in seiner Ansprache zur Auflösung des Bundestages an den Horizont malte. Das Bundeskabinett tagt. Es wird, wenn alles vorbei ist, wie eine Fifa über das Land kommen, unerbittlich, streng, reglementierend. Nicht eingerechnet internationale und globale Verwicklungen, die wir jetzt vom Bildschirm verdrängen. Helfen kann da keiner. Retten aber können zweiundzwanzig Fersen.
Frau Christiansen fehlt mir nicht.
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 20.06.2006, 20:06 Uhr
Köstlich!
Thomas Hechinger (Hechinger)
- 20.06.2006, 20:36 Uhr
Kein Ausnahmezustand ohne Ausnahme
Martin Steinwand (Steinwand1)
- 20.06.2006, 22:18 Uhr
Zeitweilige Rettung von einer unerträglichen Mittelmäßigkeit
Anselm Baltzer (Baltzer1)
- 20.06.2006, 22:47 Uhr
Entzauberung
Frank Martin (FrankMartin)
- 20.06.2006, 22:56 Uhr
