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Der WM-Muffel Scheue Genies

14.06.2006 ·  Die hochbezahlten Könige des Fußballs residieren standesgemäß in einem Fünfsternehotel. Abgeschirmt werden die Brasilianer, auf daß ihnen nur niemand zu nahe trete mit unverschämten Wünschen. Viele WM-Fans finden das unerhört. Warum eigentlich?

Von Leonhard Kazda
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Sie sind Ballzauberer, Fußballartisten, Sportgenies, Millionäre und fünfmalige Weltmeister: die Kicker aus Brasilien. Nur schreibfaul sind sie, die Spieler von Trainer Carlos Alberto Parreira. Autogramme von den Superstars aus Südamerika? Fehlanzeige.

Da hocken sie nun, die hochbezahlten Könige des Fußballs, auf deren Trikots fünf Sterne blitzen (wegen der fünf WM-Titel), standesgemäß in ihrem Fünfsternehotel in Königstein-Falkenstein. Hermetisch abgeschirmt werden sie, auf daß ihnen nur niemand zu nahe trete mit unverschämten Wünschen. Zum Beispiel nach einem Autogramm.

Frustriert wartet vor dem Hotel die Schar der Unentwegten, die die Hoffnung nicht aufgegeben hat, vielleicht doch einmal eines der Idole wenigstens von weitem zu sehen, die gleiche Luft zu atmen wie die Angebeteten, die Aura des Erfolges zu spüren. Und vielleicht ein Unterschriftchen von dem einen oder anderen zu ergattern. Nichts da! Brasilien mauert, zelebriert quasi einen autogrammtechnischen Catenaccio und benimmt sich so ganz anders, als man es von dem Team auf dem Spielfeld gewohnt ist.

„Nicht hier, um dem Bürgermeister Geld zu bringen“

Unerhört findet dies inzwischen so mancher, dessen Wunsch nach hessisch-brasilianischer Begegnung unerhört geblieben ist. Man habe in Königstein doch so viel investiert, mehr als eine halbe Million Euro. "Brasilien hinterläßt 500.000 Euro Miese", titelte eine bunte Zeitung, die vorgibt, immer bestens im Bilde zu sein. Dabei war es doch von vornherein so gut wie klar, daß es so kommen würde. Nun gut, ein wenig gehofft hat man schon im Magistrat der Stadt, daß sich Ronaldinho, Kaka oder wie sie alle heißen einmal blicken lassen würden. Fehlanzeige.

Aber man stelle sich einmal vor, die WM wäre in Brasilien, und das deutsche Team logierte in einem Städtchen, das täglich ein Fest mit bayerischer Blasmusik, Karnevalsgesängen und Schuhplattler-Folklore darbieten würde. Bundestrainer Jürgen Klinsmann wäre "in keinschter Weise" begeistert. Und würde es vermutlich so halten wie der brasilianische Mittelfeldstar Emerson, der sagte: "Wir sind doch nicht hier, um dem Bürgermeister Geld zu bringen."

Das klingt schon fast schwäbisch und würde dem Bundestrainer sicherlich gefallen. Aber um Geld geht's ja nicht - auch wenn Königstein es prima brauchen könnte. Aber vielleicht doch ein Autogramm? Ein klitzekleines? Von Ronaldinho? Oder Kaka? Wie lautet ein journalistischer Grundsatz: Wer schreibt, bleibt. Zumindest wir haben unsere Schuldigkeit getan. Ob es Brasilien aber so ins Viertelfinale schafft?

Quelle: F.A.Z., 14.06.2006, Nr. 136 / Seite 74
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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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