19.06.2006 · Das Leben eines Vaters in WM-Zeiten ist manchmal schon schwer. Wie soll er den Fußball-Fernsehkonsum des Sohnes eingrenzen, wenn er doch selbst versucht, so viele Spiele wie irgend möglich zu sehen.
Natürlich hat sie recht, die besorgte Ehefrau: "Der Bub schaut zu viel Fernsehen", sagt sie. Klar - macht er, zweifellos. Aber was tun? Der Vater, zuweilen selbst kein Vorbild in asketischer Portionierung beim Konsum von Produkten aus dem Kabelnetz, steckt derzeit in einer engen Sackgasse - in einer brutal engen, wie Fußballtrainer Jürgen Klopp sagen würde, dessen taktikkundiger Blondschopf aktuell häufig im WM-Fernsehen zu sehen ist.
Auf den berechtigten Einwurf der Mutter kann der Vater aber auch nichts anderes antworten als der fernsehsüchtige Sohn: "Aber es ist doch WM." Die inhaltlich identischen Aussagen unterscheiden sich im Tonfall. Der des Sohnes ist protestierend, der des zur Erziehung Berechtigten, ja sogar Verpflichteten eher resignierend. Was soll man tun? Die WM ist mächtiger. Brutal mächtig, um es mit Klopp zu sagen.
Die Tatsache, daß nun auch noch die Tochter kommt und vorgibt, sich für Fußball zu interessieren, kompliziert die WM-Pädagogik erheblich. Auffällig ist ein Verhaltensmuster, das weibliche Raffinesse erkennen läßt. Statt Fußball könne sie doch am Zweitgerät locker etwas anderes schauen, wirft die Neunjährige listig und lässig ein, während Deutschland viel zu spät am Abend endlich die polnische Abwehr austrickst. Fernsehen sei doch Fernsehen. Eben nicht! Es ist doch WM! Da gelten andere Gesetze! Der zwölfjährige Sohn nickt mit bangem Blick bekräftigend, die Mutter schaut streng. Was tun? Das Leben eines Vaters in WM-Zeiten ist manchmal schon schwer. Brutal schwer.