28.05.2006 · Einer ökonomischen Studie zufolge wird der gesellschaftliche Nutzen, den die WM in den Augen der Bevölkerung hat, dramatisch überschätzt. Selbst die Imagesteigerung hält sich nach Einschätzung der Bürger in Grenzen, denn wir sind ja bereits wer.
Von Jürgen KaubeDie Fußballweltmeisterschaft 2006 wird ein ökonomischer Erfolg für Deutschland. Das teilen die Organisatoren mit. Zwar stimmen einen die vielen Berichte über Olympische Spiele skeptisch, für die mit ähnlichen Aussichten geworben wurde, die aber in finanziellen Desastern für die Ausrichter endeten. Doch anders als beim Synchronschwimmen, Turnen am Reck und Curling kann man solche Sorgen ja durch den Hinweise auf die ökonomische Anziehungskraft des Fußballs beschwichtigen.
Allerdings melden sich die Zweifel an den Wirtschaftlichkeitsrechnungen sofort wieder, wenn ganz fabulöse Touristenzahlen - der Bundesverband der Tourismuswirtschaft schwärmt von 3 Milliarden Euro an Einnahmen - in die Bilanz eingestellt werden: Zwei bis drei Millionen Besucher erwartet das Land. Die ausländischen Touristen, so nüchterne Schätzungen, geben vermutlich bis zu 600 Millionen Euro bei uns aus.
Nicht nur Nettoerträge
Wie viele Deutsche hingegen auf einen Urlaub im Inland verzichten - etwa weil sie das Geld schon für Tickets ausgegeben haben -, bleibt meistens ungeschätzt. Ähnlich verhält es sich mit den öffentlichen Investitionen, vor allem in den Stadionbau - wer wüßte schon zu sagen, was mit den Steuergeldern statt dessen alles hätte gemacht werden können?
Die Wirtschaftswissenschaftler Malte Heyne (Bremen) und Bernd Süssmuth (München) haben sich von diesem Hin und Her des Schön- oder Miesrechnens der WM-Bilanz unabhängig gemacht. Ihre soeben auf der Jahrestagung der Sportökonomen in Bochum vorgetragene Studie fragt danach, was die WM 2006 den Deutschen wert ist.
Dabei sollten nicht nur direkte Nettoerträge des Großereignisses berechnet werden, sondern auch das, was Ökonomen seinen „intangiblen Wert“ nennen. Manche Leute finden es schließlich auch unabhängig davon, ob sie selber ins Stadion gehen oder ein Hotel besitzen, zu begrüßen, daß die WM in Deutschland stattfindet. Auch für das Gefühl, Gastgeber sei eine gute Rolle und Deutschland gewinne womöglich an positivem Image, mag der eine oder andere Bürger zahlungsbereit sein.
Nationaler und persönlicher Belang
Um herauszufinden, wie hoch eine solche Zahlungsbereitschaft ist, haben die Autoren eine Online-Befragung durchgeführt. Ihr lag ein fiktives Szenario zugrunde: Angenommen, die WM 2006 sei wegen Stadionmängeln und Sicherheitsproblemen in Gefahr. Die Fifa erwäge die Verlegung des Turniers in die Schweiz. Wenn die WM für Deutschland gerettet werden könne, dann nur durch kostenträchtige Maßnahmen. In welchem Umfang, so die Frage an die Testteilnehmer, seien sie bereit, sich an solchen Kosten zu beteiligen?
Anfang März 2006 wurde diese Umfrage in repräsentativem Umfang durchgeführt. Die Befunde: Fast 85 Prozent der Bevölkerung vermuten, daß die WM für Deutschland insgesamt einen Gewinn darstellt. 80 Prozent sind mit der Arbeit der Organisatoren zufrieden. Von allen Befragten waren aber 81,4 Prozent nicht bereit, auch nur einen einzigen Euro für den Verbleib der WM im Land zuzusetzen. Im Mittel kam die Summe von 3,15 Euro als Zahlungsbereitschaft heraus. Hochgerechnet auf die deutsche Bevölkerung wären das, so die Autoren, maximal 260 Millionen Euro als Zahlungsbereitschaft für die Ausrichtung der WM in Deutschland.
Der Umfang der tatsächlichen öffentlichen Ausgaben beläuft sich auf etwa 2,5 bis 3 Milliarden Euro. Befragt nach den Gründen für ihre Zurückhaltung, gaben mehr als 90 Prozent der nicht Zahlungswilligen an, persönlich nicht von der WM zu profitieren. Der zweihäufigste Grund der Nichtzahler war, es sei ihnen gleichgültig, wo die WM stattfinde. Aber auch unter denen, die zahlungsbereit sind, rechnen nur 7 Prozent mit Profiten aus der WM, die in ihre eigene Tasche fließen. „Du bist Deutschland“? Es wird offenbar auf beiden Seiten der Antworten stärker zwischen persönlichem und nationalen Belangen unterschieden, als es dem offiziellen Marketing lieb wäre.
Image längst vorhanden
Wie erklären die Sportökonomen jene drastische Differenz zwishen den tatsächlichen Ausgaben und der bekundeten Zahlungsbereitschaft? Zum einen dadurch, daß die Umfrage zu einem Zeitpunkt stattfand, als die meisten der tatsächlichen Ausgaben schon getätigt waren. Man hat schon bezahlt und sieht sich an der Grenze des guten Willens angekommen. Allerdings fand die Hälfte der Befragten ganz generell, solche Sportveranstaltungen seien den Aufwand nicht wert.
Eine andere Deutung lautet: Vieles von dem, was an Imagegewinnen offiziell unterstellt wird, erachten die Bürger als längst vorhanden. Mit anderen Worten: Sie sind mit dem Image des Landes, so weit es durch die WM beeinflußbar wäre, schon zufrieden. Gut 90 Prozent der Befragten gaben übrigens an, die Firmen, die am meisten von der WM hätten, sollten auch dafür bezahlen.
Man erkennt also im Sportereignis eine Subventionierung privater Erwerbszweige. Die Fifa, die Sponsoren und jene Riege an Beteiligten, die wie etwa Günter Netzer, Jürgen Klinsmann oder Oliver Bierhoff an der WM auch über Werbung gut verdienen, mögen sich fragen, was ihre eigene Bewirtschaftung des Sports und ihr generelles Verhalten zu diesem Eindruck beiträgt.