Home
http://www.faz.net/-g9t-skqk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Der große Plan FC Klinsmann

16.06.2006 ·  Ausgerechnet ein 1:0 ist zum Symbol für den Erfolg von Jürgen Klinsmann geworden, dessen Plan aufzugehen scheint. Der Bundestrainer und sein junges Team setzen auf Risiko. Das ist nicht verwegen, sondern logisch. Der WM-Kommentar von Michael Horeni.

Von Michael Horeni
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß ausgerechnet ein 1:0 zum Symbol für den Erfolg von Bundestrainer Jürgen Klinsmann geworden ist. Die Deutschen können sich schon nach zwei Spieltagen und sechs Tagen Weltmeisterschaft als erste Mannschaft auf das Achtelfinale vorbereiten und von noch größeren Zielen träumen.

Und es ist wohl auch nicht übertrieben, zu behaupten, daß ein halbes Land nach dem Treffer von Oliver Neuville gegen die Polen in der Schlußminute kopfgestanden hat. Fast 24 Millionen Menschen waren in diesem Moment am Fernseher dabei, auf den Straßen feierten Millionen ein Fußballvölkerfest. Es gibt also auch große 1:0-Siege.

Einwechselspieler, die alles richtig machen

Es war ein Auftritt, über den seit zwei Jahren immer wieder geredet wurde, von dem man aber niemals so recht wußte, ob man ihn jemals zu Gesicht bekäme. In Dortmund war nun die leibhaftige Version eines FC Deutschland zu besichtigen, wie ihn sich der Bundestrainer immer vorgestellt hat. Man könnte also auch sagen: Deutschland hat gegen Polen bei der Weltmeisterschaft erstmals den FC Klinsmann gesehen.

Der große Plan: FC Klinsmann

„Erfolg ist planbar“, sagte der erfahrene Nationalspieler Jens Nowotny während des Trainingslagers. Er machte dort erstmals direkt mit der Arbeitsweise des Bundestrainers Bekanntschaft und gab sich überzeugt, daß Klinsmanns Weg erfolgreich sein werde. Es waren die Tage, als sich viele aus der großen Fußballfamilie noch fragten, was denn der unerfahrene David Odonkor bei der Weltmeisterschaft verloren habe. Oder was der alternde Stürmer Oliver Neuville dem trendigen Kevin Kuranyi voraushaben könnte.

Ein Mittelfeld, das ackert und rackert

In Dortmund wurde nun auch für das große Publikum etwas von dem Plan erlebbar und sichtbar, den Klinsmann schon seit zwei Jahren mit sich herumträgt und nach dem er seine Arbeit akribisch ausgerichtet hat. Natürlich kam gegen die Polen alles zusammen, was einen großen Fußballabend ausmacht, und vielleicht läßt sich das alles bei dieser Weltmeisterschaft auch nicht mehr wiederholen: Eine Abwehr, die Vertrauen schafft. Ein Mittelfeld, das ackert und rackert. Stürmer, die ihre Chancen suchen und sich auch nach Fehlschüssen nicht entmutigen lassen. Ein Siegtreffer in letzter Minute. Einwechselspieler, die alles richtig machen, den Treffer vorbereiten und auch erzielen.

Wenn einem soviel Gutes widerfährt, ist natürlich auch Glück im Spiel. Vor dem Glück aber kamen neunzig Minuten planvoller Fußball. Auch ohne Treffer wäre es ein überzeugendes Spiel der Deutschen gewesen. Denn es zeigte sich während der gesamten Begegnung, daß Schnelligkeit und Kraft wieder zur Nationalelf gehören. Ob das vielleicht doch mit den vielkritisierten Fitnesstrainern zu tun hat? Die Mannschaft zeigte sich zudem bis zur letzten Minute vom Teamgeist und vom Glauben an den Sieg beseelt.

Risiko ist nicht verwegen, sondern logisch

Ob das vielleicht doch mit der Auswahl der WM-Spieler in Klinsmanns Kader und dem Mannschaftspsychologen zu tun hat? Es zeigte sich, daß auch die Deutschen Offensivfußball mit einer taktisch soliden Grundausrichtung zu spielen verstehen. Ob das vielleicht doch mit einer konsequenten Spielphilosophie und der Überzeugung zu tun hat, durch Trainingsarbeit (defensive) Defizite aufarbeiten zu können? Könnte ja sein.

Eine Garantie, daß es nun so schön und erfolgreich weitergeht, wird bei dieser Strategie jedoch nicht mitgeliefert. Klinsmann und sein junges Team setzen auf Risiko. Das ist nicht verwegen, sondern logisch. Es gibt keinen anderen Weg. Die Gefahr zu scheitern gehört dazu. Einen Versuch ist es allemal wert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge