02.06.2006 · Im Interview mit der F.A.Z. lobt der frühere Bundestrainer seinen Nachfolger und einstigen Vorzeigespieler in den höchsten Tönen, geht mit Jürgen Klinsmanns Kritikern ins Gericht und verlangt von den deutschen Spitzenklubs eine bessere Jugendarbeit.
Im Interview mit der F.A.Z. lobt der frühere Bundestrainer seinen Nachfolger und einstigen Vorzeigespieler in den höchsten Tönen, geht mit Jürgen Klinsmanns Kritikern ins Gericht und verlangt von den deutschen Spitzenklubs eine bessere Jugendarbeit.
In der kommenden Woche beziehen Sie beim DFB wieder ein Büro. Ist es kleiner als früher?
Ich habe es noch nicht gesehen. Aber ich werde es schon finden. Ich kenne mich beim DFB ja ganz gut aus. Ich habe dort 19 Jahre gearbeitet. Jetzt werde ich aber nur für vier Wochen dort sein. Ich koordiniere beim DFB fünfzehn Trainer, wir werden alle WM-Spiele mit jeweils zwei Trainern beobachten. Außerdem beobachten weitere 25 Trainer die Trainingseinheiten der WM-Teilnehmer. Aus den Berichten erstellen wir ein Papier für das Trainerlehrwesen und die Trainingslehre. Wir wollen das Papier spätestens fünf, sechs Tage nach dem Endspiel vorstellen. Ich hätte mir gewünscht, daß auch der ein oder andere Bundesligatrainer dabeigewesen wäre. Aber das war zeitlich nicht möglich.
Sie haben behauptet, daß die Bundesligaspieler zuwenig trainieren würden. Können Sie den Vorwurf belegen?
Man muß sich doch nur die anderen Sportarten anschauen. Da wird täglich zwischen vier und sechs Stunden trainiert. Im deutschen Profifußball wird generell zuwenig trainiert. Wir trainieren noch wie vor zehn Jahren - aber die anderen Nationen nicht mehr. Wir müssen da viel nachholen. Unsere Nationalspieler nehme ich von der Kritik einmal aus. Aber schon unsere jugendlichen Auswahlspieler trainieren zuwenig. Unsere Auswahlspieler ab 14 Jahren müssen mehr gefordert werden.
Jürgen Klinsmann legt ja den größten Wert in der Vorbereitung auf die Fitness. Glauben Sie, daß man in wenigen Wochen solche Defizite, die auch im Europapokal erkennbar waren, wirklich aufarbeiten kann?
Jürgen Klinsmann hat gleich zu Beginn vor zwei Jahren Leistungstests und sportmedizinische Untersuchungen vorgenommen. Da hat man sofort erkannt, daß wir hinterherhinken. Die Werte der Spieler in den neunziger Jahren waren besser. Mit den amerikanischen Fitnesstrainern hat er Leute seines Vertrauens gefunden, die die Sprache der Spieler sprechen. Jürgen Klinsmann ist absolut auf dem richtigen Weg - und nur dieser Weg mit vielen Spezialisten wird uns wieder an die Weltspitze zurückführen. Er hat jetzt schon Erfolg. Kein Trainer hat so vielen jungen Spielern eine Chance bei der WM gegeben. Ich hoffe, daß der Nachfolger von Jürgen Klinsmann nach der WM Jürgen Klinsmann sein wird. Die Mannschaft ist jetzt erst bei 70 Prozent, sie wird erst bei der WM 2010 auf ihrem Höhepunkt sein. Falls Klinsmann aber nach Kalifornien zurückgeht, kann ich für den deutschen Fußball nur hoffen, daß auch der Nachfolger seine Philosophie vertritt.
Hat sich Klinsmann in den zwei Jahren als Bundestrainer weiterentwickelt?
Er war zwar nie ein genialer Spieler. Aber er kann ein genialer Trainer werden. Er ist an der Aufgabe gewachsen. In der letzten Zeit vermisse ich aber sein Lächeln. Ich spüre seine Anspannung. Jetzt wäre es vielleicht ganz gut, wenn er für drei, vier Tage nach Kalifornien fliegen würde. Da könnte er noch einmal seine Familie und das Meer sehen - um dann mit neuer Frische und einem Lächeln zurückzukehren. Denn nicht nur die Fans mögen dieses Lächeln, sondern auch die Spieler. Ich hoffe, daß sein Lächeln aber auch so nach dem Auftaktspiel zurückkommt.
Die Fragen stellte Michael Horeni.