08.06.2006 · Franz Beckenbauer im F.A.Z.-Interview über die schlechte Stimmung 1974, sein politisches Gewicht in der Welt, die Probleme vor der WM, die Favoriten des Turniers und die Chancen des deutschen Teams.
Franz Beckenbauer im F.A.Z.-Interview über die schlechte Stimmung 1974, sein politisches Gewicht in der Welt, die Probleme vor der WM, die Favoriten des Turniers und die Chancen des deutschen Teams.
Endlich, nach Monaten der Querelen, Sorgen und Bedenken, darf gespielt werden. Sind Sie als WM-Organisationschef erleichtert, daß ab sofort der Sport im Mittelpunkt steht?
Wir arbeiten jetzt neun Jahre auf diesen Tag hin: drei Jahre in der Bewerbungsphase, sechs Jahre im Organisationskomitee. Irgendwann reicht es einem dann, man kann nicht immer nur vorbereiten, vorbereiten, vorbereiten. Irgendwann muß der Moment kommen. Deswegen sind wir jetzt alle heilfroh.
Es gab einen schwierigen Winter davor mit dem ganzen Ärger um die Stiftung Warentest und deren sogenanntes WM-Stadien-Gutachten, um Fragen des Ticketing und um Einsprüche der Umweltschützer, Datenschützer oder Verbraucherschützer. Alles abgehakt, alles vergessen?
Vieles war unnötig, teilweise falsch, nur damit sich der eine oder andere profilieren konnte. Das war schade, denn unser OK hat ja vergleichsweise wenige Angestellte, und die haben bis zur Erschöpfung einen sensationellen Job gemacht. Um so bedauerlicher ist es, wenn man zwischendurch unnötigerweise aufgehalten wird.
Parallel zu manchem Verdruß daheim waren Sie in jener Zeit weltweit unterwegs, um mit einem kleinen Team die 31 Teilnehmerländer zu besuchen. Wenn Sie dann von Ihrer erfolgreichen Tournee zurückkamen und sich wieder mit den Klagen zu Hause befassen mußten, wie kamen Sie sich dabei vor?
Wir haben uns dann schon gefragt, ist das ein deutsches Phänomen, machen wir wirklich alles schlecht, sehen wir alles negativ, sind wir da eine Ausnahme, oder war es in anderen Ländern, die eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgerichtet haben, auch so? Ich habe eine eindeutige Antwort nicht gefunden, glaube aber schon, daß man in Frankreich, Italien und anderswo mit vielem ein bißchen schonender umgegangen wäre. Kritik gibt's immer, aber der Deutsche kritisiert sich am liebsten selbst, so ist er halt.
Sie gelten da als atypisch und haben sich auf Ihren globalen Reisen zuletzt den Ruf eines exzellenten Deutschland-Botschafters erworben.
Botschafter ist vielleicht zu hochtrabend, aber als Repräsentant unseres Landes habe ich mich schon gesehen. Wir waren ja auch auf unseren Stationen immer wieder bei Staatspräsidenten, Ministerpräsidenten et cetera eingeladen. Also hatte unsere Tour zweifellos auch eine politische Gewichtigkeit. Ich glaube, wir haben uns dabei sehr gut aus der Affäre gezogen, weil wir auch eine Verantwortung für das Land, aus dem wir kommen, empfunden haben. Die deutschen Botschafter waren jedenfalls überall dort, wo wir waren, voll des Lobes.
Sie haben an fünf Weltmeisterschaften teilgenommen und sind 1974 als Spieler und 1990 als Teamchef Weltmeister geworden. Sie kennen besser als jeder andere die Stimmung und die Stimmungen rund um ein solches Ereignis. Was kann ein WM-Gastgeber damit gewinnen?
Mit der WM können wir viel für unseren Ruf und unser Image tun. Den Deutschen wird ja nicht überall die größte Herzlichkeit nachgesagt. Was uns dagegen immer und jederzeit zugetraut wird, ist, auch komplexe Dinge bestens organisieren zu können. Die Liebe, die Leidenschaft, die Ausstrahlung - solche Attribute fehlen bei der Außensicht auf unser Land manchmal. Da ist einiges zu korrigieren.
Vielleicht bleibt davon ja auch einiges haften.
Ich setze schon darauf, daß diese WM einen nachhaltigen Eindruck hinterläßt. Diese WM sehen weltweit kumuliert rund dreißig Milliarden Menschen am Bildschirm; dazu kommen mehr als eine Million Besucher aus dem Ausland hierher. Wenn viele von denen, die jetzt auf unser Land schauen, sagen, Deutschland war ein freundlicher, guter Gastgeber, das wäre doch sehr hilfreich.
Ihr großer Partner, der Internationale Fußball-Verband, mutete in den vergangenen Monaten manchmal sehr deutsch an. Also nicht immer freundlich, besserwisserisch, nie zufriedenzustellen. Teilen Sie diesen Eindruck?
Man muß die Fifa auch verstehen. Die stehen unglaublich unter Druck. Das ist ja ihre WM - ein Ereignis, das viel Geld, viel Ruhm verspricht, das aber auch von allen Seiten kritisch beleuchtet wird. Es ist die wichtigste Fifa-Veranstaltung, bei der der Weltverband den Profit macht, den er braucht, um andere Projekte finanzieren zu können. Je näher es auf das Ereignis zuging, desto mehr hat man bei ihr gemerkt, wie die Spannung und auch die Spannungen wuchsen. Bei uns im OK war das weniger der Fall.
Sieht die Fifa das, was Sie und Ihre Mitarbeiter getan und geleistet haben, auch unter Konkurrenzgesichtspunkten?
Wenn, wäre das verkehrt gewesen. Wir haben doch auf unserer Tour durch 31 Länder den Fußball repräsentiert. Ich bin doch auch Fifa, ich repräsentiere die Fifa und bin dort in zwei oder drei Kommissionen. Deswegen kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, daß da Neid im Spiel gewesen wäre.
Schauen Sie doch mal zurück auf Ihre erste WM-Teilnahme, 1966 in England. Wie war das Ballyhoo um die weltgrößte Fußball-Veranstaltung damals?
Das war ein Betriebsausflug, verglichen mit dem, was heute los ist. Auch bei der WM 1974, als ich mit Bundestrainer Helmut Schön nach der Niederlage gegen die DDR im Hinterzimmer einer Gaststätte in Kaiserau Personaldiskussionen führte, warteten, wenn's hochkommt, zwanzig Journalisten auf uns. Da gab es zwei Fernsehsender, das war's. Mit den Verhältnissen von heute ist das überhaupt nicht mehr vergleichbar. Auch in puncto Sicherheit: Ich erinnere mich noch gut an die WM 1970 in Mexiko. Da saß ein alter Mexikaner am Eingang zu unserem Hotel in seiner Tracht mit seinem Vorderlader Marke Zapata 1725 in einem Sessel und wurde nur fotografiert. Das war damals die ganze Sicherheit.
Heute ist Sicherheit ein WM-Thema, um das sich international und national etliche Stellen und Behörden in enger Vernetzung kümmern. Haben Sie in dieser Hinsicht Sorgen?
Was die Sicherheit, sprich Hooligans, angeht, kann man sicher nicht verhindern, wenn sich mal ein paar Betrunkene an den Kragen gehen. Im großen und ganzen werden die Sicherheitsbehörden das im Griff haben, und von Terror wollen wir erst gar nicht reden.
Wie wird es denn den Zuschauern auf ihrem Anmarsch zum Stadion ergehen? Werden sie mit ihren namentlich gekennzeichneten Tickets scharf oder lässig kontrolliert?
Die Voraussetzungen sind nun einmal die, daß man sich gegebenenfalls ausweisen können muß und der Name mit dem auf dem Ticket übereinstimmt. Aber wir dürfen es auch nicht übertreiben, denn sonst dauert der Zugang zum Stadion einen halben Tag. Das muß aber auch im Sinne der Kundenzufriedenheit relativ zügig vorangehen. Deshalb wird es auch nur Stichproben geben. Ich will volle Stadien und das höchstmögliche Maß an Sicherheit haben.
Sind Sie sicher, daß die Stadien voll sein werden?
Bei vergangenen WM-Turnieren wie in Korea und Japan oder Frankreich hieß es auch, die Stadien sind ausverkauft, und es war da und dort ein Block frei. Ob diesmal diejenigen, denen die Sponsoren Tickets aus ihrem Fundus weitergegeben haben, tatsächlich ins Stadion gehen, ist nicht garantiert. Man kann Leerstellen nicht ganz verhindern, aber daß ganze Stadienblöcke unbesetzt sind, das muß man verhindern. Wie, das ist die Frage.
Was erwarten Sie vom Public viewing, also der Ausstrahlung der Spiele auf Großleinwände für Tausende Zuschauer in den deutschen Städten?
Wir haben ja von Anfang an gemerkt, daß die WM-Karten nicht ausreichen und hätten das Zehnfache gebraucht, um alle Wünsche erfüllen zu können. So haben die Menschen die Möglichkeit, ein Gemeinschaftserlebnis jenseits der WM-Stadien, angelehnt an die Erfahrungen mit Public viewing vor allem in Korea, zu feiern. In Seoul waren das riesige Plätze, auf denen sich Hunderttausende trafen. Bei uns sind die Flächen, auf denen sich die Menschen zum WM-Gucken treffen, nur schwer zu kontrollieren. Da könnten auch Risiken lauern, doch bin ich insgesamt sehr optimistisch, daß auch dieses Angebot zur guten Stimmung während der Weltmeisterschaft beiträgt.
Die WM vor vier Jahren war, abgesehen von den brasilianischen Weltmeistern und dem Glücksfall, daß sich die Deutschen bis ins Endspiel vorkämpfen konnten, qualitativ recht enttäuschend. Damals fielen eine Reihe von Stars entweder nicht auf oder gleich verletzungsbedingt aus. Die strapaziöse Meisterschaftssaison der Ligen machte sich bemerkbar. Erwarten Sie diesmal Besserung?
Es war eine sehr weise und vernünftige Entscheidung der Fifa, Mitte Mai den nationalen Ligenbetrieb abzuschließen und den Spielern damit die Möglichkeit zu geben, sich vier Wochen auf die WM vorzubereiten. Das ist der wichtigste Wettbewerb des Fußballs. Den kann man der Öffentlichkeit doch nicht wie vor vier Jahren, als die WM kurz nach dem Liga-Saisonende losging, mit lauter müden und kaputten Spielern präsentieren.
Wer werden die großen Mannschaften und die großen Stars der WM sein?
Ich glaube, daß es eine Ausnahme vor vier Jahren war, daß Länder wie die Türkei als Turnierdritter und Südkorea als Turniervierter vorne mit dabei waren. Diesmal können sich auch die Favoriten mit all ihren Stars sorgsam auf das Turnier vorbereiten. Es wäre für mich eine ganz große Überraschung, wenn irgendeiner von außen unter die ersten vier käme. Am meisten traue ich unter den Außenseitern noch der Elfenbeinküste zu. Ganz vorn erwarte ich Brasilien. Italien wäre für mich einer der großen Favoriten gewesen, aber der italienische Fußballskandal ist zu groß, als daß man ihn während der WM vergessen könnte. Schade ist, daß sich der Rooney bei den von mir hochgeschätzten Engländern verletzt hat. Schließlich sind da außer den wahrscheinlich wieder starken Argentiniern auch noch die Holländer. Die sind zwar nicht so turniererfahren, aber wenn es bei denen einmal läuft, können sie alle Gegner auseinandernehmen.
Welcher Fußball wird denn bei dieser WM gespielt werden?
Ich wäre zufrieden, wenn die Bilder denen von der letzten Europameisterschaft ähnelten: schneller, dynamischer Fußball, nach vorne orientiert, auch mit Risiko. Mag dem auch widersprechen, daß mit Griechenland eine Mannschaft den Titel holte, die all das nicht gemacht hat. Insgesamt aber war die EM 2004 sehr gelungen.
Haben die vier Wochen Vorbereitung gereicht, aus der deutschen Mannschaft, der viele nicht allzuviel zutrauen, ein konkurrenzfähiges Team zu machen?
Ja. Die Mannschaft ist nicht schlechter als vor vier Jahren. Damals hatten die Spieler fast keine Vorbereitung und sind mit ein bißchen Losglück ins Endspiel gekommen. Ballack wird der Anführer der Mannschaft sein, aber auch Kahn, der seine Rolle außerhalb des Platzes spielen muß, was sehr wichtig ist. Kahns Rolle kann ganz bedeutend werden, um den Laden der Spieler von 16 bis 23 zusammenzuhalten. Ich erwarte auch von Schneider und Frings, die vor vier Jahren gut gespielt haben, einiges. Und natürlich von Miroslav Klose, dem besten Bundesliga-Angreifer, aber auch von Lukas Podolski, der wieder im Kommen ist.
Was trauen Sie dem von Ihnen schon mal heftiger kritisierten Jürgen Klinsmann bei seiner WM-Premiere als Bundestrainer zu?
Er hat zunächst einmal alles nach seinen Wünschen bekommen. Als Trainer ist er frisch und engagiert. Ich hoffe, er weiß, was ihn bei der WM erwartet. Denn was bisher war, und das kann ich wirklich aus Erfahrung sagen, ist nur ein Geplänkel gewesen. Ich hoffe, er geht seinen Weg und läßt sich nicht beeinflussen.
Als Spieler war Jürgen Klinsmann kein überragender Teamplayer, aber er war ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu Ihrer neunziger Weltmeisterelf. Kann so ein Mann einer Mannschaft trotzdem Spirit, Teamgeist vorleben?
Natürlich. Er hat es ja selbst erlebt. Er ist als Spieler Weltmeister und Europameister geworden. Er hat sein Soll erfüllt. Die Spieler wissen, da ist einer, der es selbst erlebt hat.
Wohin führt der Weg der Deutschen bei Ihrem Turnier?
Ich halte das Erreichen des Endspiels für möglich und gebe viel auf den Heimvorteil. Es kann natürlich auch schon vorbei sein, wenn es in die K.-o.-Runden geht. Ob dann die WM-Stimmung darunter litte, hinge von der Art und Weise eines deutschen Ausscheidens ab.
Wird Klinsmann auch nach der WM noch der Nationaltrainer sein?
Woher soll ich das wissen? Ich hoffe nur, daß er seine Entscheidung so oder so nicht ad hoc und nicht rein emotional während der Weltmeisterschaft trifft. Kahn hat's, als Klinsmann Lehmann zur Nummer eins erklärte, vorgemacht und ist zu einer sehr klugen Entscheidung gekommen.
Wie haben Sie sich denn damals, 1974, als Weltmeister in Deutschland gefühlt?
In der Mannschaft waren seinerzeit so viele Spannungen, daß da gar keine so glücklichen Gefühle aufkamen. Die Euphorie, wie wir sie jetzt haben oder 1990 hatten, als meine Mannschaft in Italien Weltmeister wurde, gab's damals gar nicht. Vielleicht hatte der Fußball seinerzeit auch nicht den Stellenwert wie heute.
Was machen Sie nach der WM?
Völlig arbeitslos werde ich nie sein. Wie es jetzt ausschaut, wird schon noch das eine oder andere für mich übrigbleiben. Reduziert natürlich im Vergleich zu heute. Merkwürdigerweise wollen auch die meisten meiner Werbepartner mit mir verlängern. Die Perspektive, nur noch zu Hause zu sein, wäre ja auch nicht so berauschend.