06.01.2006 · Die heiße Phase läuft. 154 Tage vor dem ersten WM-Spiel erzählte Franz Beckenbauer beim Neujahrsempfang launige Geschichten seiner WM-Tour. Gleichzeitig warnte er vor „Querschüssen“ - und mußte gleich wieder einen hinnehmen.
Von Tobias Rabe, FrankfurtAuch auf heimischem Terrain war es wie immer, wenn Franz Beckenbauer irgendwo in der großen Fußball-Welt auftaucht. Die Kameras auf ihn gerichtet, Fotografen rangeln um die beste Position und kräftiges Händeschütteln überall. Keine Frage, wer am Freitag beim Neujahrsempfang des WM-Organisationskomitees in Frankfurt wieder einmal im Mittelpunkt des Medieninteresses stand.
Mit einer großen Portion Zuversicht und Vorfreude, aber auch mit einem warnenden Zeigefinger des „Kaisers“ hat mit Start des Jahres 2006 auch die heiße Phase bis zur Fußball-WM in Deutschland endgültig begonnen. Der Countdown bis zum Eröffnungsspiel in München am 9. Juni tickt, noch 154 Tage bleiben, um Deutschland fit für das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ zu machen. Für Beckenbauer als Präsident des Organisationskomitees (OK) Anlaß genug, in seiner typisch launigen Art auf Geschafftes zurückzublicken und vor neuen „Querschüssen“ zu warnen.
„Keine Querschüsse“ nur von kurzer Hoffnung
„2005 war unter anderem mit dem Confederations Cup und der Auslosung in Leipzig recht erfolgreich. Wenn dann in Frankfurt das Dach noch zugeht und wir die Problemchen wie die Flitzer in den Griff kriegen, wird die WM ein großer Erfolg“, sagte Beckenbauer in die Runde, und war zunächst einmal froh, beim Empfang nicht „wie Edmund Stoiber erst 3.000 Hände schütteln zu müssen“. „Ich hoffe, daß wir die letzten Monate bis zur WM in Ruhe arbeiten können und keine Querschüsse kommen. Wir müssen uns nun voll auf die Arbeit konzentrieren“, mahnte der OK-Präsident.
Doch Beckenbauers Hoffnungen waren kaum ausgesprochen, da kam schon die nächste Hiobsbotschaft für die WM-Planer. Noch während des Empfangs gab die Stiftung Warentest das Ergebnis ihrer Untersuchung der zwölf Stadien bekannt. Dort wurden angeblich „teilweise beträchtliche“ Sicherheitsmängel festgestellt. „Ich weiß, daß es eine Untersuchung gab. Aber bislang keine Ergebnisse. Wenn es so wäre, wäre es nur fair, uns auch die Gelegenheit zu geben, uns dazu zu äußern“, sagte Horst R. Schmidt, einer der OK-Vizepräsidenten. Erst zuletzt hatten Verbraucherschützer im Streit um das Optionsticket-Programm und die baulichen Probleme in Nürnberg, Frankfurt und Kaiserslautern für unangenehme Mißtöne gesorgt.
„Aber nix, die wollen alle noch mehr Karten“
Lediglich bei der schwierigen Verteilung der Tickets konnte auch der „Kaiser“ keine neuen Karten aus dem Hut zaubern: „Das Thema Ticketing wird uns beschäftigen bis zum 7. Juli, wenn der Schiedsrichter das letzte Spiel abpfeift.“ Daß das Finale erst zwei Tage später abgepfiffen wird, kann bei so vielen Terminen auch dem Chef der WM schon mal entfallen. Präsenter waren dem 60jährigen dagegen die Eindrücke der Willkommens-Tour in die afrikanischen Teilnehmerländer kurz vor Weihnachten. „Ich habe gedacht, in Angola hatten die 30 Jahre Bürgerkrieg und würden deshalb ihre Tickets zurückschicken. Aber nix, die wollen alle noch mehr Karten.“
Gerade die vier afrikanischen WM-Neulinge und Tunesien hatten es ihm angetan. „Die Begeisterung in diesen Ländern ist wirklich unglaublich. Wir wurden dort von Staatspräsidenten empfangen und das Fernsehen übertrug teilweise live“, sagte Beckenbauer sichtlich stolz, bevor ein Zusammenschnitt mit Bildern der fünftägigen Reise vorgeführt wurde. Sie zeigen ihn in Ghana als neues Mitglied des Nationalmannschafts-Fanklubs, an der Elfenbeinküste brachte er verfeindete Stammes-Häuptlinge an einen Tisch und in Togo wurde Beckenbauer bei 34 Grad im Schatten mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ empfangen.
„Außenpolitische Charme-Offensive Deutschlands“
IOC-Mitglied Thomas Bach, von Beginn an ein ständiger Begleiter des WM-Organisationskomitees, wollte Beckenbauer in nichts nachstehen und fand dem Anlaß angemessen nur Lobesworte. „Weltweit wird der Fußball mit dieser WM in neue Dimensionen vorstoßen. Aber es ist nicht nur ein sportlicher Wettbewerb, sondern ein gesellschaftspolitisches Ereignis wie nie zuvor. Das gilt nicht nur für innen sondern auch nach außen.“ Endlich werde Deutschland international nicht mehr mit irgendwelchen außersportlichen Problemen in Verbindung gebracht, sondern nur noch mit Fußball und der WM.
Nicht unwesentlich dazu beigetragen habe die aufwendige Mammut-Tour mit Franz Beckenbauer an der Spitze. „Nie zuvor hat es solch eine außenpolitische Charme-Offensive Deutschlands gegeben“, so Bach. Mit selbstbewußter Bescheidenheit könne man erreichen, daß im Ausland erkannt werde, daß es in Deutschland auch Menschen mit Humor gebe.
Rhetorischer Schlagabtausch
Auch OK-Vizepräsident Theo Zwanziger nannte den Besuch der 31 Teilnehmerländer „eine der diplomatischsten Aktionen, die die Bundesrepublik Deutschland je gemacht hat“. Am 16. Januar fliegt der OK-Troß nach Mittelamerika, um neben den schon bereisten 16 Nationen weitere Teilnehmer zu besuchen.
Zum Ende seiner Rede eröffnete Thomas Bach schließlich den rhetorischen Schlagabtausch um den WM-Spruch des Jahres. Sein Slogan mit der Hoffnung auf ein gelungenes Turnier: „Wir sind Fußball-WM.“ Da wollte OK-Vize Wolfgang Niersbach nicht zurückhalten und warf den Vorschlag „Wir sind Gastgeber“ in den Ring. Die meiste Freude in Deutschland und nicht zuletzt auch beim WM-OK würde aber wohl der Satz von Hockey-Nationalspieler Timo Weß, für den im September ebenfalls ein Weltturnier in Deutschland ansteht, sorgen: „Wir sind Weltmeister.“