23.03.2006 · Nach der Wiedergutmachung auf dem Platz holte Jürgen Klinsmann zum persönlichen Befreiungsschlag aus. Der zuletzt heftig attackierte Bundestrainer nutzte die Gunst der Stunde zu einer emotionalen Generalabrechnung mit seinen Kritikern.
Nach der Wiedergutmachung auf dem Platz holte Jürgen Klinsmann zum persönlichen Befreiungsschlag aus. Der zuletzt heftig attackierte Bundestrainer nutzte die Gunst der Stunde zu einer emotionalen Generalabrechnung mit seinen Kritikern, die an den legendären Wutausbruch von Vorgänger Rudi Völler nach dem 0:0 in Island im September 2003 erinnerte.
„Da wird Politik gegen einen gemacht, die zu weit geht und respektlos ist, die aggressiv ist und versucht, Stimmung zu machen beim Publikum. Das hat nichts mit der Arbeit zu tun“, beschwerte sich Klinsmann am Mittwoch abend nach dem 4:1-Sieg gegen die Amerikaner, im Gesicht gezeichnet vom aufgestauten Ärger.
„Sehr gute Reaktion gezeigt“
Der nach der 1:4-Vorführung in Florenz sehnlich erwartete Erfolg gegen eine amerikanische Verlegenheitself war vor allem ein Sieg für Klinsmann. Daß sein unkonventioneller WM-Kurs mit jungem Personal und konsequenter Offensiv-Taktik mit hohem Risiko verbunden war und ist, hat der Trainer-Neuling nie verschwiegen. Doch mit Pessimismus und negativer Aggressivität hätten „einige Leute“ nach dem Rückschlag gegen Italien sogar das WM-Unternehmen im eigenen Land gefährdet, klagte der Wahl-Amerikaner und schloß an: „Man kann letztendlich alles kaputt machen, bevor es los geht. Auf dem besten Weg dazu waren wir. Gott sei Dank hat die Mannschaft eine sehr gute Reaktion gezeigt.“
Nach einer Halbzeit der Verunsicherung und von einem Großteil der 64.500 Fans in Dortmund zur Pause ausgepfiffen, leitete ausgerechnet Bastian Schweinsteiger den Stimmungsumschwung ein. Nach den Wettvorwürfen hatte Klinsmann den 21jährigen Münchner zunächst aus der Öffentlichkeit genommen und erst nach der Pause aufs Feld geschickt. „Es war super für ihn, daß er ein Tor gemacht hat und er weiß, daß alle hinter ihm stehen“, betonte Bayern-Kollege Michael Ballack.
„Viel Kritik eingesteckt“
Der DFB-Kapitän (79.), der mit seinem 30. Länderspieltor neben Schweinsteiger (46.), dem überraschend agilen Oliver Neuville (73.) und Miroslav Klose (75.) die deutliche Steigerung der deutschen Elf nach der Pause in einen zählbaren Erfolg umgewandelt hatte, freute sich aber auch speziell für Klinsmann. „Natürlich war der Sieg auch für den Trainer wichtig nach so einer Niederlage in Italien. Wenn danach Nebenkriegsschauplätze zum Hauptschauplatz eröffnet werden, ist es klar, daß es Diskussionen gibt. Aber der Trainer hat sich vor die Mannschaft gestellt, hat sehr viel Kritik eingesteckt.“
Dem Bundestrainer hat das positive Ergebnis gegen die Amerikaner vor allem gut getan, „weil wir jetzt gezielt weiter arbeiten können, ohne daß uns immer wieder Knüppel zwischen die Beine geschmissen werden“. Für Klinsmann ist die unmittelbare Vorbereitung, die am 14. Mai mit der Nominierung des 23köpfigen WM-Aufgebots eingeläutet wird, die Trumpfkarte, auf die er alles setzt. „Das ist unsere Chance, da müssen wir hundertprozentig drauf bauen, daß wir so einen Geist entwickeln, der uns dann zusammen mit den Zuschauern sehr weit treibt“, erklärte Oliver Kahn, der vor allem mit seiner Glanztat gegen Eddie Johnson nach 66 Minuten das Pflänzchen Hoffnung düngte und zugleich Werbung für seine Berufung zum WM-Torwart betrieb.
Auf schmalem Grat
Die Partie gegen den Fünften der Fifa-Weltrangliste zeigte, auf welch schmalem Grat die WM-Mission verläuft. „Wir haben in Phasen des Spiels gemerkt, daß wir noch nicht so gefestigt sind“, bemerkte Christoph Metzelder, auf den Klinsmann große Hoffnungen setzt. „Gewisse Diskussionen wird es bis zum ersten WM-Spiel geben“, sagte der Dortmunder voraus. „Das war von Vornherein klar: Wir haben mit einem neuen Trainer angefangen, der immer noch dabei ist, eine junge Mannschaft aufzubauen. Viele sagen, daß die Weltmeisterschaft vielleicht einen Tick zu früh kommt“, erklärte Kapitän Ballack.
Die Aussagen des 4:1 über die Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen halten sich in Grenzen. Zumindest geben die Heimbilanz mit zuletzt vier Siegen in Folge - nur Brasilien konnte in der Klinsmann-Ära in Deutschland gewinnen - und die Signale der WM-Zweiten von 2002 einen Hoffnungsschimmer. Die Torschützen Klose, der erstmals seit 15 Monaten im DFB-Trikot wieder traf, Neuville und Ballack waren schon vor vier Jahren an der überraschenden Finalteilnahme in Asien beteiligt. Erstmals seit damals spielten auch die beiden Dortmunder Metzelder und Sebastian Kehl wieder zusammen für Deutschland.
Allerdings warnte Ballack vor unbegründeter Begeisterung: „Es ist nicht so, daß wir eine große gestandene Mannschaft hätten, die in die WM geht und sagt: 'Wir erwarten ganz, ganz Großes'. Die Ergebnisse in letzter Zeit waren so, daß man auch mit Ausrutschern rechnen muß. Es muß halt alles passen bei uns.“ Auf der Tribüne im Dortmunder Stadion trauten sich einige Fans dennoch am Ende, ihr gewagtes Spruchband auszupacken: „Deutschland wird Weltmeister.“
Der Fahrplan der Nationalmannschaft bis zur WM
13. Mai: Letzter Bundesliga-Spieltag
14. Mai: Klinsmann nominiert den 23-köpfigen WM-Kader, vermutlich in Berlin
16. Mai: Spiel gegen den Verbandsligaklub FSV 63 Luckenwalde in Mannheim über 60 Minuten; anschließend Abreise ins fünftägige Regenerations-Trainingslager auf Sardinien
21. Mai: Umzug der deutschen Mannschaft ins Trainingslager nach Genf
27. Mai: Testspiel geplant; Gegner und Austragungsort noch offen
30. Mai: Testspiel Deutschland - Japan in Leverkusen
2. Juni: Testspiel Deutschland - Kolumbien in Mönchengladbach
3. Juni: Kurzer Heimaturlaub
5. Juni: Bezug des Quartiers in Berlin
9. Juni: Eröffnungsspiel Deutschland - Costa Rica in München
die Kritik hat doch recht
Uwe Karper (Bastler)
- 23.03.2006, 13:18 Uhr