24.05.2006 · „Mit Fitness gewinnt man keine WM“, sagt der amerikanische Coach Marc Verstegen: „Sie gibt einem aber die Möglichkeit, die WM zu gewinnen.“ Und genau das will Bundestrainer Klinsmann: aus der physischen Kraft einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz erzielen.
Von Michael Ashelm, GenfEs handelt sich wohl um die Sichtweise eines Amerikaners, der seine deutschen Auftraggeber nicht mutlos in die entscheidenden Wochen schauen lassen will. „Das ist eine der besten Mannschaften aller Zeiten und ich bin stolz, mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen“, sagt Marc Verstegen. Der Fitness-Guru aus den Vereinigten Staaten meint es sehr gut mit seinen derzeit wichtigsten Kunden. Schon am frühen Morgen sprüht er vor Optimismus. Positiv denken, dann wird schon etwas gehen - das ist einer der Ansätze der Klinsmannschen WM-Philosophie. Ein anderer sieht den perfekten physischen Zustand der Spieler als Basis für die Höchstleistung im Turnier, womit Verstegen wieder schnell im Spiel ist. „Mit Fitness gewinnt man keine WM. Sie gibt einem die Möglichkeit, die WM zu gewinnen“, sagt der Amerikaner.
Wer wüßte über die Bedeutung eines funktionierenden Körpers im Hochleistungsfußball nicht besser bescheid, als der Profi Jens Nowotny. Auf den letzten Drücker hatte sich der 32 Jahre alte Badener seinen WM-Traum erfüllt, nach vier Kreuzbandrissen im Knie, die ihn erst im Februar dieses Jahres in einem Punktspiel auf den Platz zurückkehren ließen. „Ich habe kein Problem, in den Kraftraum zu gehen“, sagt Nowotny, womit er das Vorurteil entkräften will, daß Fußballprofis vor allem am Ballspielen interessiert sind. Wegen der extrem harten Gangart im internationalen Fußball, sei eine Verletzungsprophylaxe durch das Muskeltraining verständlicherweise sehr wichtig. Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte angekündigt, sich aus der physischen Kraft einen gewinnenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen zu wollen.
Keine Muskelmänner, sondern Fußballer
Im Veranstaltungssaal des Stade de Geneve hat Verstegen und sein Team, das die Nationalmannschaft seit Klinsmanns Amtsbeginn diagnostisch begleitet, einen Fitnessraum eingerichtet. Wo sonst der Klub Servette Genf seine Gäste zum Begleitprogramm bei Ligaspielen einlädt, stehen nun moderne Trimmgeräte, Laufbänder, Gymnastikmatten, kleine Gewichte, vorübergehend angeschafft für die Nationalmannschaft im Wert von rund 250.000 Euro. „Für mich ist das nichts Neues“, sagt Nowotny. Durch seine vielen Rehabilitationsmaßnahmen habe er einen guten Überblick über die vielen Möglichkeiten des Fitnesstrainings und fühle sich in seinem Alter und mit seiner Krankengeschichte keinesfalls im Rückstand zu den jüngeren, unverbrauchten Kollegen. „Man hat doch herausgefunden, daß Sportler, die aus einer Rehabilitation kommen, sogar körperlich besser ausgebildet sind“, sagt der Leverkusener, der für die nächste Saison noch einen neuen Verein sucht. Die präzise Muskelarbeit, das Ausloten der körperlichen Grenzen, die Stabilisierung des Bewegungsapparats, das elastische Zusammenspiel von Muskelsträngen sowie Sehnen stehen im Mittelpunkt des Krafttrainings.
„Wir wollen keine Muskelmänner, sondern gute Fußballer haben“, sagt Verstegen. Die meisten Geräte sind deshalb auf die üblichen Bewegungsmuster eines Fußballspielers ausgerichtet, kontrollieren den Ablauf computergesteuert. Die Spieler sind zudem während der Übungen an Herzfrequenzmesser angeschlossen, die über Intensität des Trainings Auskunft geben. „Wenn unser Mittelfeld mehr laufen kann als Ronaldinho, dann sind wir zufrieden“, sagt Oliver Schmidtlein, Experte an der Seite von Verstegen und gleichzeitig Fitnesstrainer beim FC Bayern München. Allerdings muß der Mann vom deutschen Rekordmeister einräumen, daß auch die anderen Fußballnationen nicht unbedingt nachlässig mit diesem Thema umgehen. Das hatte man bei der letzten Europameisterschaft sehr deutlich gesehen.
Der Motor muß laufen
Doch immerhin scheinen die Trainer keine große Überzeugungsarbeit mehr leisten zu müssen in der Mannschaft, was nicht zuletzt im Fall des vom Verletzungspech heimgesuchten Jens Nowotny einleuchten mag. Aber üblicherweise haben gerade jüngere Spieler noch ein anderes Körperverständnis, viel unbekümmerter - und dadurch auch manchmal nachlässiger, so daß der Gang in den Kraftraum für sie zu einem Motivationsproblem werden könnte. Schmidtlein allerdings widerspricht dieser Erfahrung. „Wir müssen den einen oder anderen Spieler sogar bremsen“, sagt der Münchner.
Der Bremer Stürmer Miroslav Klose berichtet, daß er merke, wie ihm dieses Zusatztraining guttäte und macht dabei ganz neue Beobachtungen. „Da spürt man plötzlich Muskeln, die sind einem bisher nicht aufgefallen.“ Diese Erfahrungen hat der durch therapeutische Endlosschleifen leidgeprüfte Jens Nowotny wohl längst gemacht. Er kennt die Stärken und Schwächen seines Körpers ganz genau und hofft, daß er diesmal hält. auf höchstem Niveau. Denn wie sagt Verstegen: „Der Motor muß laufen - am besten ohne Boxenstop.“
Selbst guter Sex entsteht im Kopf
gisbert heimes (gisbert4)
- 24.05.2006, 11:57 Uhr