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Verlieren lernen Fußball-Wüste Deutschland

 ·  Seit der italienischen Leidenswoche schwant der Nation Böses: Die Qualität ihres liebsten Zeitvertreibs hat sich im Niemandsland eingefunden. Wie konnte es nur so weit kommen? Zehn Erklärungen.

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Deutschland hat den Fußball-Blues. Erst der Trip nach Italien, dem Land, in dem die Niederlagen blühen. Dann ein neuer Skandal, in dem ausgerechnet ein Team aus Siegen vom Verlieren profitiert haben soll. Das moralische Niveau ist spätestens seit Hoyzer nicht mehr über jeden Zweifel erhaben. Das spielerische schon länger nicht. Doch erst seit der italienischen Leidenswoche schwant der Nation, daß sich die Qualität ihres liebsten Zeitvertreibs, des deutschen Fußballs, dauerhaft beim deutschen Eishockey oder deutschen Tennis eingefunden hat - im Niemandsland zwischen unterer Weltklasse und oberem Mittelmaß.

Das Stimmungspendel, kraß ins Positive geschwenkt beim Confederations Cup, schlägt nun ebenso rasch ins Negative aus. Patriotische Werbebotschaften rund um den Ball stimmen das Volk auf die WM ein. Die emotionale Realität ist anders. "Du bist Deutschland" hört man und fragt sich, wenn man Deutschland spielen sieht: Das soll ich sein? Deutschland, Fußball-Wüste? Wie konnte es so weit kommen? Zehn Erklärungen.

1. Zu langsam

In der Bundesliga feiert man Spieler wie Marcelinho als Star - Spieler, die im internationalen Vergleich wie Stehgeiger aussehen. Deutschland konserviert einen Fußball, der gegenüber England, Spanien, selbst Italien oft wie Zeitlupe wirkt. Nur Werder Bremen wagt konsequent Tempo- und Angriffsfußball. Die Technik und die Schnelligkeit im Denken, die dazu nötig sind, brauchen Jahre der Übung. Ältere Spieler lernten sie nicht, weil auch die deutsche Nachwuchsarbeit langsam war. Erst die Jungprofis kommen aus der Schule der Schnelligkeit. Es wird Jahre dauern, bis sie den Stil der Nationalelf prägen.

2. Zu einfallslos

Die Zeit, die den heutigen Chef-Kritikern Netzer und Beckenbauer einst am Ball blieb - stoppen, gucken, drehen, gucken, dann ein 40-Meter-Paß -, diese Zeit fürs Präzise und Kreative hat heute keiner mehr; jedenfalls auf Top-Niveau. Ein Niveau, das deutschen Kickern entglitten ist. Einfalls- bis hilflos sehen sie gegen modern organisierte Teams aus. Die Nationalelf hat seit 2000 gegen keines der zehn besten Länder Europas gewonnen. In der Champions League stolpern die Bayern dem Sieg von 2001 hinterher. Im Uefa-Cup hat in den letzten vier Jahren von 17 deutschen Teams keines das Viertelfinale erreicht (zwei, die es noch schaffen könnten, blamierten sich diese Woche in den Hinspielen: Schalke in Palermo, Hamburg in Bukarest). Die Liste deutscher Endstationen im Uefa-Cup liest sich wie ein langer Abschied aufs Abstellgleis: Genk, Arnheim, Krakau, Grodisk, Teplice, Donezk, Dnjepropetrowsk.

3. Zu ängstlich

Unter Druck verfallen deutsche Teams, selbst Bayern, in Angsthasenfußball. Mindestens die Hälfte der Liga spielt dauernd in Angst - nur nicht verlieren, nur nicht in die Abstiegszone. Dabei ist nicht die Niederlage, sondern die Angst vor der Niederlage das Ende des schönen, freien, mutigen Fußballs.

4. Zu wenig Mitte

Weil die Jugendarbeit Jahre verschlief und weil die Bundesliga eher auf Einkäufe setzte als auf Nachwuchs, fehlt dem Nationalteam bis auf Ballack und Frings der Mittelbau im "besten Fußballalter" von 28 bis 32. Die wenigen Begabungen dieser Jahrgänge, wie Marco Reich, verschwanden in der Versenkung.

5. Zu bayrisch

Die Macht der Bayern ist schlecht für den deutschen Fußball - und für sie selbst. Ihr ökonomischer Erfolg hält ihnen Rivalen vom Hals, beschert ihnen auf dem Silbertablett das Beste vom deutschen Spielermarkt - und das, anders als Top-Teams in England, Italien, Spanien, ohne Konkurrenten auf Augenhöhe. Dieses Monopol beschert leichte Meistertitel, kostet aber, mangels heimischer Herausforderung, Konkurrenzfähigkeit in Europa.

6. Zu verwöhnt

Die Bayern greifen die größten deutschen Talente ab, dort werden sie gern bequem. Mehmet Scholl ist ein Beispiel dafür, wie man sich gemütlich einrichten kann. Mit dem Mut, ins Ausland zu gehen, hätte er ein Weltstar werden können. Mittlerweile sind, mit Ausnahme Ballacks, Deutsche im Ausland kaum noch gefragt. Jens Lehmann ist dort der einzige mit Erfolg, aber er war auch nie bei den Bayern.

7. Zu wenig Stil

Man gebe den Engländern ihr 4-4-2, den Holländern ihr 4-3-3, den Italienern eine 1:0-Führung und den Brasilianern den Ball, dann läuft die Sache. Deutschland hatte auch einen nationalen Stil: Manndeckung plus Libero. Das funktionierte noch 2004 bei Rehhagels Griechen, brachte die Deutschen aber lange nicht mehr weiter. Bis heute fand man keinen neuen Fußballstil. Klinsmann sucht ihn und kommt nicht weiter.

8. Zu viel Glück

Beckenbauer verkündete nach dem WM-Sieg 1990 Unbesiegbarkeit auf Jahre. Grober Unfug. Doch nach jedem Rückschlag kam, gerade rechtzeitig, bevor man alles in Frage stellen mußte, wieder ein Erfolg. 1996 der EM-Sieg; 2002, dank Losglück und Kahn, der Weg ins WM-Finale. Dieser Erfolg war ein Verhängnis, er verschob Neuerungen um zwei Jahre. Erst nach der EM-Pleite 2004 kam das Umdenken - wohl zu spät für die WM.

9. Zu viele Fans

Der Bundesliga-Boom, dank einer neuen Generation von Event-Fans, schuf eine gefährlich gute Stimmung. Dazu ließ die Festatmosphäre des Confederations Cup das Trugbild entstehen, dieses Sommer-Turnierchen sei eine Kopie der WM. Doch dort wird es ganz anders zugehen. Wenn es für die deutsche Elf so endet wie in Italien, wird auch die Liga leiden.

10. Zu erstarrt

Klinsmann nahm den Job, den keiner wollte, packte vieles an, vielleicht zu viel. Während Marco van Basten die beiden stärksten Mächte in Hollands Fußball hinter sich weiß, Johan Cruyff und die Presse, hat Klinsmann die beiden stärksten Mächte des deutschen Fußballs gegen sich: Bayern und die "Bild"-Zeitung. Er tat von Beginn an nichts, sich ihnen anzubiedern. So war klar, daß er beim ersten Rückschlag deren Hiebe bekäme. Nach Beckenbauers Schelte ist schwer vorstellbar, daß Klinsmann nach der WM bleibt - und zu befürchten, daß das Richtige, das er begann, damit schon beendet wäre.

Vielleicht kommt aber alles ganz anders. Manchmal hilft Glück. Und Glaube. Das englische Magazin "FourFourTwo" spielte die WM mit einem angeblich realistischen PC-Programm durch. Das Resultat: Deutschland schlägt Brasilien und erreicht das Endspiel gegen England. Und war es nicht ein Engländer namens Lineker, der den schönen Satz sprach: Fußball ist, wenn 22 spielen, und am Ende gewinnt Deutschland? Die Deutschen glauben derzeit nicht mehr dran. Aber wenn sie Glück haben, glauben es die anderen noch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.03.2006, Nr. 10 / Seite 17
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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