23.05.2006 · An diesem Dienstag beginnt die Fußball-EM der U21-Teams in Portugal. Deutschland spielt zum Auftakt gegen Serbien-Montenegro. Es ist ein Turnier auf hohem Niveau zu erwarten, auch wenn es im Schatten der „großen“ WM kaum jemand merkt.
Von Josef Schmitt, PortoEs ist noch keine zwei Jahre her, da sorgte die Europameisterschaft 2004 der "U 21"-Nationalmannschaften in Deutschland für großes Aufsehen. Das deutsche Team, unter anderen mit Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, war mit großen Hoffnungen in das Turnier im eigenen Land gestartet. Die Stadien in Mainz und Mannheim waren bei den Vorrundenspielen gut gefüllt, die Fernsehanstalten übertrugen die Spiele live, und die sportlichen Erwartungen waren hoch. Die DFB-Auswahl konnte diese Erwartungen nicht erfüllen, unterlag zweimal gegen Schweden und Portugal bei einem Sieg gegen die Schweiz und schied frühzeitig aus. Trainer Uli Stielike geriet wegen des enttäuschenden Abschneidens in die Kritik und verlor alsbald seinen Job. Nun aber ist alles anders: Wenn an diesem Dienstag die "U21"-Europameisterschaft in Portugal für die deutsche Mannschaft mit dem Spiel gegen Serbien-Montenegro beginnt, geschieht dies ohne mediales Getöse und fast im verborgenen.
Was nicht an den Qualitäten der deutschen Mannschaft liegt, die ungeschlagen durch die Qualifikation gestürmt ist. Auch nicht an Trainer Dieter Eilts, einem Mann der leisen Töne, der von 17 Spielen unter seiner Leitung erst ein einziges (gegen die A-Nationalmannschaft Lettlands) verloren hat. Und schon gar nicht an der Attraktivität des Turniers im Norden Portugals, das mit dem Gastgeber, Frankreich, Serbien-Montenegro in der einen, mit Titelverteidiger Italien, Dänemark, der Ukraine und den Niederlanden in der anderen Gruppe die besten Nachwuchsteams des Kontinents zusammenführt. Vielmehr leiden die europäischen Talente unter dem Großereignis Fußball-Weltmeisterschaft, das in der Öffentlichkeit kaum noch Platz für andere Veranstaltungen läßt.
Keine Live-Bilder aus Portugal
DFB-Trainer Dieter Eilts sieht die mediale Zurückhaltung durchaus kritisch, "weil diese Mannschaft mit ihrem tollen Offensivfußball viel mehr Beachtung verdient hätte". Überhaupt kein Verständnis kann Eilts dafür aufbringen, daß ausgerechnet Deutschland das einzige Teilnehmerland ist, in dem keine Live-Bilder aus Portugal gesendet werden. Die Verhandlungen zwischen dem europäischen Verband Uefa und dem Deutschen Sport-Fernsehen sind ergebnislos verlaufen. Diese Vernachlässigung sei "unschön", sagt Eilts.
Der ehemalige Bremer Profi und Nationalspieler ist nicht der Typ, der noch deutlichere Worte finden würde, auch wenn ihm die Verärgerung anzumerken ist. Dies entspräche nicht seinem Naturell. Eilts spricht leise und ruhig, er ist unaufgeregt, aber zielstrebig. Daß mit Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Philipp Lahm, Robert Huth, Marcell Jansen und zuletzt auch noch Mike Hanke und David Odonkor acht seiner besten Spieler in das WM-Aufgebot berufen wurden, macht ihm die Arbeit schwerer, scheint ihn aber nicht zu stören. Dies sei in erster Linie Belohnung für die Spieler und Auszeichnung für die Arbeit in den Vereinen, sagt Eilts, "wir bei der ,U21' versuchen nur, einen kleinen Teil dazu beizutragen". Bedenken, der Aderlaß könne zu groß sein, um erfolgreich abzuschneiden, hegt er nicht. Die Mannschaft sei in der Lage, die Ausfälle zu kompensieren. Dies gelte sogar für die Position des Spielmachers, die ursprünglich Piotr Trochowski einnehmen sollte. Doch der Hamburger hat sich im letzten Test beim 2:2 gegen die Niederlande eine Muskelverletzung zugezogen und wird nun vermutlich vom Frankfurter Alexander Meier ersetzt.
Mit drei Spitzen zum Sieg
Die Spielphilosophie und das Spielsystem will Dieter Eilts nicht ändern, auch wenn sich das Personal zuletzt häufig verändert hat. Offensiv ausgerichtet will er mit seiner Mannschaft die Europameisterschaft angehen, drei Spitzen sollen der Standard sein. In diesem System fühlten sich die Spieler wohl. "Wir wollen spielbestimmend sein", sagt Dieter Eilts. Die Mehrzahl der Spieler hat sich in der vergangenen Saison Stammplätze in ihren Bundesligamannschaften erkämpft, so die Frankfurter Patrick Ochs und Alexander Meier, die Kölner Lukas Sinkiewicz und Marvin Matip, der Dortmunder Markus Brzenska, der Berliner Malik Fathi, der Mönchengladbacher Eugen Polanski oder der Nürnberger Stefan Kießling. Sein Team sei "sehr ausgeglichen" besetzt, glaubt der Trainer, der den Blick auch über die Grenzen hinaus geworfen hat. Mit Moritz Volz vom FC Fulham London und Peter Niemeyer von Twente Enschede stehen auch zwei Spieler im Aufgebot, die ihr Geld im Ausland verdienen.
Den sportlichen Wert des Turniers von Portugal schätzt Dieter Eilts "sehr hoch" ein. Es sei die Ausgeglichenheit der Teams, die für Spannung und Niveau sorgen werde, "alle acht Mannschaften haben das Zeug, Europameister zu werden". Die Tagesform, das Spielglück und das Glück bei Schiedsrichterentscheidungen werden aus Sicht des deutschen "U21"-Trainers den Ausschlag geben. "Wenn unsere Spieler ihr Potential abrufen und bis ans Limit gehen, haben wir eine gute Chance", sagt er und sieht dem Turnier zuversichtlich entgegen. Am Freitag ist die DFB-Delegation nach Portugal geflogen und hat Quartier bezogen in Guimaraes. Im dortigen EM-Stadion "D.Alfonso I.Henriques" wird die Mannschaft die beiden Gruppenspiele gegen Frankreich am Donnerstag und Portugal am Sonntag bestreiten. Das Auftaktspiel gegen Serbien-Montenegro findet am Dienstag in Barcelos statt.