10.04.2006 · Jürgen Klinsmann hat die Vorwürfe von Bayern-Manager Uli Hoeneß in der Torwartfrage zurückgewiesen. Jens Lehmann habe nicht vorzeitig von der Entscheidung gewußt, betonte der Bundestrainer. Ob Oliver Kahn als Nummer zwei zur WM geht, bleibt offen. FAZ.NET-Spezial.
Jürgen Klinsmann ist auf eine Fußball-Weltmeisterschaft ganz ohne Oliver Kahn eingestellt, gibt dem degradierten Nationaltorhüter aber genügend Zeit für eine persönliche Entscheidung. „Es gibt überhaupt keinen Zeitdruck für Oliver Kahn. Wir haben das bewußt ganz offen gelassen“, sagte Klinsmann, bevor er am Sonntag zurück nach Kalifornien flog. Kahn selbst wollte sich am Wochenende nach dem verlorenen Duell gegen Jens Lehmann um die Nummer eins im deutschen WM-Tor noch nicht darüber äußern, ob er die unbefriedigende Rolle als Ersatzmann annehmen will.
Klinsmann will jede Entscheidung des maßlos enttäuschten Münchners akzeptieren, ist sich dabei auch bewußt, daß Kahn zurücktreten könnte. „Das werden die nächsten Wochen zeigen, wir gehen erst einmal nicht davon aus.“ Allerdings sagte der Bundestrainer auch: „Er ist vom Typ her keine Nummer zwei.“
Hoeneß warnt Kahn vor Rücktritt
Der gestürzte Titan müßte sich mit Beginn der WM-Vorbereitung am 16. Mai ohne Murren einer neuen Hierarchie im DFB-Team unterordnen. „Wir brauchen im Sommer eine Mannschaft die zusammenhält, die zusammengeschweißt ist zu einer Gemeinschaft. Der Wunsch bei Spielern wie Tim Borowski ist da, daß Oliver da mitzieht“, erklärte Klinsmann.
Bayern-Manager Uli Hoeneß, der Zeitpunkt sowie Art und Weise der Kahn-Ablösung in mehreren Fernsehinterviews kritisierte, warnte seinen Torhüter vor übereilten Schritten. „Es gibt gar keine Veranlassung für Oliver Kahn, jetzt alles hinzuschmeißen.“ Alle seien jetzt gut beraten, „eine Bedenkzeit von zwei, drei oder vier Wochen zu nehmen und dann eine gute Entscheidung zu treffen“. Hoeneß riet dem Bayern-Kapitän, das Kapitel Nationalmannschaft noch nicht zu beenden: „Wir sind alle der Meinung, daß er weiter für Deutschland spielen sollte.“ Trainer Felix Magath geht davon aus, daß Kahn „als Nummer zwei mit zur WM fährt“.
„Er ist der Bundestrainer, er muß wissen, was er tut“
Wie das allerdings aussehen soll, weiß noch niemand. „Er ist ein Besessener, das hat man ihm genommen“, sagte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus. Klinsmann bezeichnete die Beförderung von Lehmann als „zukunftweisende Entscheidung“, mit der sich die Hierarchie in der Mannschaft verändert. Über eine neue Nummer drei im Falle eines Kahn-Rücktritts hat er sich angeblich noch nicht befaßt. „Wir lassen uns alle Optionen offen und brauchen Zeit zu überlegen, was es alles strukturell mit sich bringt. Jens Lehmann hat einen ganz anderen Stil, ist ein ganz anderer Typ innerhalb der Gemeinschaft. Er steigt auf den Platz direkt hinter Michael Ballack auf. Wir müssen ihm jetzt die totale Unterstützung geben.“
Im Kreis der Nationalelf hat die Entscheidung pro Lehmann und gegen Kahn wie in ganz Fußball-Deutschland unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. „Oliver hat große Erfolge und Verdienste. Meine Meinung war bekannt, jetzt müssen wir es alle akzeptieren“, äußerte DFB-Kapitän Michael Ballack, der sich für seinen Vereinskollegen bis zuletzt starkgemacht hatte. Nüchtern kommentierte Franz Beckenbauer die Wahl Klinsmanns. „Er ist der Bundestrainer, er muß wissen, was er tut“, sagte der „Kaiser“. „Mir tut es leid, weil Olli sehr viel für den deutschen Fußball getan hat.“
Lob für Kahn Leistung in Bremen
Mehrere Nationalspieler telefonierten mit Kahn, der von den Bayern-Verantwortlichen erst zu einem Einsatz im Bundesliga-Spitzenspiel bei Werder Bremen überredet werden mußte, oder sprachen ihn persönlich an. „Ich hoffe, daß ich nie in so eine Situation komme“, erklärte Ballack, der Kahns Leistung trotz des 0:3 in Bremen würdigte: „Es ist nicht selbstverständlich, daß er in so einer Situation so ein Spiel macht.“
Uli Hoeneß wetterte am Wochenende heftig über Klinsmanns Umgang mit dem Torwart-Streit. „Es wäre klüger gewesen, das in aller Ruhe am Sonntag zu besprechen. Aber vielleicht geht da schon wieder ein Flieger nach Kalifornien, da hat man natürlich für solche wichtigen Dinge keine Zeit.“ Klinsmann wies dies zurück. „Ich habe Karl-Heinz Rummenigge am Donnerstag zufällig auf dem Flughafen getroffen. Da hat er mir nochmals gesagt: 'Du mußt so schnell wie möglich eine Entscheidung treffen, wenn es sein muß auch morgen'“, berichtete der Bundestrainer.
„Wenn sich Lehmann verletzen würde, dann hätten wir ein Problem“
Klinsmann hätte lieber Anfang Mai entschieden: „Wir übernehmen jetzt ein Risiko, denn wenn sich jetzt Jens Lehmann verletzen würde, dann hätten wir ein Problem.“ Der Vorwurf, er habe die Entscheidung schon vor eineinhalb Jahren getroffen, sei „absolut gelogen“. Ohne die Erfahrungswerte, die er als junger Trainer sammeln mußte, hätte er die Entscheidung doch gar nicht treffen können, betonte Klinsmann.
Trotz des neu entflammten Streits hat der FC Bayern der Nationalelf und Klinsmann weiter die volle Unterstützung zugesichert. „Wir alle wollen ja, daß Deutschland Weltmeister wird und nicht Jürgen Klinsmann. Dieses Land verlangt, daß wir alle Kräfte einbringen, damit wir eine gute WM spielen. Wir sind weiterhin dazu bereit“, erklärte Münchens Manager. Auch seine Funktion als Sprecher des Arbeitskreises Nationalmannschaft will Hoeneß weiter wahrnehmen.
Lehmann wollte über einen möglichen Rücktritt des Rivalen nicht spekulieren. „Darauf möchte ich nicht antworten, weil die Entscheidung nun allein bei Oliver liegt“, sagte Lehmann der „Bild am Sonntag“. Falls sich Kahn zum Weitermachen entscheide, erwartet ihn laut Lehmann eine schwierige Zeit. „Ich habe selbst vier WM- und EM-Turniere auf der Bank erlebt und weiß, wie hart das ist“, erklärte der 36 Jahre alte Keeper.
In seinem ersten Spiel als deutsche Nummer eins hat Lehmann eine bittere Niederlage mit seinem Klub FC Arsenal kassiert. Der Champions-League-Halbfinalist verlor in der englischen Premier League bei Manchester United mit 0:2, bei den Gegentoren war Lehmann chancenlos.