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Torwartduell Die T-Frage und das Orakel von Huntington

04.04.2006 ·  Welche Faktoren entscheiden das Duell um den Platz im deutschen Tor? Michael Horeni beurteilt Oliver Kahn und Jens Lehmann nach den Kriterien Fitness, Spielphilosophie, Teamfähigkeit, Entwicklungspotential und aktuelle Leistung.

Von Michael Horeni
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Als sich Oliver Kahn im Sommer 2004 vom ersten Schreck seiner Degradierung erholt hatte, wußte er schon sehr genau, was für eine Herausforderung auf ihn bis zur WM 2006 zukommen würde. "Auf der Torwartposition soll derjenige spielen, der in den nächsten zwei Jahren die konstanteste und beste Leistung bringt", sagte Kahn damals.

Er ahnte, daß sich der Wettkampf gegen Jens Lehmann zu einem "Marathon" entwickeln würde. Die Kriterien jedoch, die beim Kampf um das deutsche Tor den Ausschlag geben werden, sind immer im unklaren geblieben. Kahn und Lehmann konnten sie nie konkretisieren, Klinsmann weigerte sich beharrlich. "Fehler werden immer wieder passieren, auch einem Oliver Kahn. Wir haben immer gesagt, daß der Wettkampf um die Nummer eins über zwei Jahre geht", sagte der Bundestrainer auch am Sonntag nur.

Probleme der Mannschaft liegen in Abwehr und Sturm

Aber was sind denn nun die Kriterien, die über die Nummer eins bei der WM entscheiden? "Ausschlaggebend ist die Frage: Was ist das Beste für die Mannschaft?" sagte Klinsmann im Stil des Orakels von Huntington Beach vor einer Woche. Wie die Wahl aber auch ausfällt: Sportlich ist - so oder so - kein großes Risiko für den Bundestrainer erkennbar. Die Probleme der deutschen Mannschaft liegen ohnehin nicht im Tor, sondern in der Abwehr und im Sturm.

Nach 21 Monaten lassen sich dennoch Kriterien erkennen, nach denen Klinsmann und Assistent Löw ihre Arbeit und ihre Nominierungen vornehmlich ausrichten: Fitness, Spielphilosophie, Teamfähigkeit, Entwicklungspotential und aktuelle Leistung. Aber es gibt bei der Torwartfrage auch noch einen anderen, womöglich gewichtigen Aspekt, auf den die beiden Torhüter jedoch keinen Einfluß haben: Die Wahl Lehmanns würde auch zu Klinsmanns bisheriger Haltung als Bundestrainer passen, weil sie weithin als Ausweis für Mut, Souveränität und Unabhängigkeit gegenüber den Fußball-Traditionalisten angesehen würde.

Fitness und Gesundheit:

Diese beiden Komponenten sind die Grundlage bei der WM-Auswahl. "Fitness ist nicht alles - aber ohne Fitness ist alles nichts", sagt Löw. Das gilt für die Feldspieler in besonderem Maß, aber auch für die Torleute. In diesem Punkt liegen im WM-Jahr die Vorteile bei Lehmann, dem zwar in der Hinrunde der Rücken schmerzte, der aber derzeit unwidersprochen von sich behaupten kann: "Seit Monaten fühle ich mich topfit."

Kahn, ebenso 36 Jahre alt wie sein Herausforderer, macht sein Körper weit stärker zu schaffen. Im Februar handelte er sich im Spiel gegen Hannover eine Oberschenkelprellung ein und fehlte mehrere Wochen. Im Länderspiel gegen die Vereinigten Staaten verletzte er sich bei seinem Patzer beim Gegentreffer der Amerikaner an der Rippe. Drei Tage später mußte er nach zwölf Minuten im Bundesligaspiel gegen Duisburg vom Platz - diesmal wegen eines eingeklemmten Nervs. Am Wochenende mußte er seinen Posten wieder wegen Rippenschmerzen räumen.

Spielphilosophie:

Klinsmanns Spielphilosophie paßt besser zu Lehmanns Interpretation des Torwartspiels. Die Nationalelf spielt mit einer vorgezogenen (und wackeligen) Viererkette. Der Raum zwischen Viererkette und Torwart ist größer als früher - bei schnellen Gegenangriffen ist der Torwart immer wieder auch außerhalb des Strafraums gefordert. Ein aktives Torwartspiel, das Lehmann stärker betreibt als Kahn, ist daher von Vorteil.

Teamfähigkeit:

Beide Torhüter haben sich in dem Duell trotz ein paar Spitzen an die Spiel- und Verhaltensregeln gehalten, wobei sich die Situation für Kahn psychologisch deutlich ungünstiger darstellt. Er hat seine Stammplatzgarantie verloren und steht bis zum Saisonende immer unter dem Druck, seine Position verteidigen zu müssen. Lehmann kann hingegen als Nummer zwei (oder 1b) einen WM-Platz gewinnen.

Innerhalb der Mannschaft hat Kahn den größeren Einfluß, auch wegen des Vorteils des Münchner Arbeitsplatzes. Aber Kahn wird auch geschätzt wegen seiner großen Erfahrung und des Umgangs mit schwierigen Situationen und seiner Führungsqualitäten - die ein junges Team besonders nötig haben könnte.

Entwicklungspotential:

Auch wenn es sich für 36 Jahre alte Torhüter scheinbar verbietet von Steigerungsmöglichkeiten zu sprechen - beide Torhüter haben sich unter Klinsmann verbessert. Der interne Wettkampf wirkte sich leistungsfördernd aus. Kahn hat sich vor allem in der Vorsaison erheblich gesteigert, und auch in der Hinrunde dieser Spielzeit hinterließ er einen exzellenten Eindruck. Lehmann spielt vielleicht sogar auf dem besten Niveau seiner Karriere.

Aktuelle Leistung:

Die Nervenbelastung, die das Duell nicht zuletzt auch ist, hinterläßt bei Kahn offenbar stärkere Spuren. Lehmann, in der Liga auch nicht immer fehlerfrei, stellte in der Champions League einen neuen Rekord mit sieben Spielen ohne Gegentor auf. Kahn unterliefen in den vergangenen Wochen mehrere Patzer. Auch auf seine größte Stärke, der Reaktionsfähigkeit auf der Linie, konnte er sich zuletzt nicht mehr verlassen.

Quelle: F.A.Z., 04.04.2006, Nr. 80 / Seite 32
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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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