02.06.2006 · „Mannschaften können auch große Leistungen erbringen, wenn sie nicht elf Freunde sind“, erklärt der Sportpsychologe Bernd Strauß. Man unterscheide zwischen sozialem und zielbezogenem Zusammenhalt: „Letzterer ist das A und O.“
Wenn es Bundestrainer Jürgen Klinsmann gelingt, sein Team auf das gemeinsame Ziel Weltmeister-Titel einzuschwören, hat die deutsche Mannschaft psychologisch gesehen gute Karten auf den vierten WM-Triumph. Davon ist der Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS), der Psychologe Bernd Strauß, überzeugt: „Die psychologische Vorbereitung der deutschen Mannschaft läuft genau richtig“, lobt der Professor aus Münster.
Seit Herbst 2004 ist in Hans-Dieter Hermann ein Sportpsychologe ins Betreuerteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) integriert. „Die kontinuierliche Arbeit könnte sich jetzt auszahlen“, glaubt Strauß. Feuerwehrähnliche Einsätze von Psychologen wie beispielsweise bei WM-Teilnehmer Angola, wo ein Mental-Trainer nur für die Endrunde in Deutschland (9. Juni bis 9. Juli) verpflichtet wurde, seien dagegen nicht annährend so erfolgversprechend.
Sozialer oder zielbezogener Zusammenhalt
Strauß empfing unlängst in Münster 250 Sportpsychologen aus ganz Deutschland zur Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie (ASP). Das Symposium stand unter dem Motto: „Elf Freunde sollt ihr sein!? - Sportpsychologie im Vorfeld der Fußball-WM.“ „Mannschaften können auch große Leistungen erbringen, wenn sie nicht elf Freunde sind“, erklärt der Wissenschaftler. Denn man unterscheide zwischen sozialem und zielbezogenem Zusammenhalt. „Letzterer ist das A und O.“
Der soziale Zusammenhalt könne förderlich sein, den zielbezogenen Zusammenhalt zu stärken, ihn aber nicht ersetzen. Ein gutes Beispiel sei der „Geist von Spiez“, von dem 1954 die erste deutsche Weltmeister-Mannschaft bei ihrem Triumph bei der WM in der Schweiz umgeben gewesen sein soll. „Heute heißt es ja oft, Sepp Herberger hätte nur gesagt, elf Freunde müßt ihr sein. Das reicht aber nicht aus. Wäre Herberger mit seiner Mannschaft an dieser Stelle stehengeblieben, hätte es ein gutes Kaffeekränzchen gegeben. Doch er ist weitergegangen und hat das Ziel Weltmeistertitel formuliert.“
Teamgeist und ein großes gemeinsames Ziel
Der hohe in der Öffentlichkeit geschürte Druck könnte indes Versagensängste schüren, warnt Bernd Sprenger, Chefarzt der Oberberg-Klinik Berlin/Brandenburg, die sich auf das Thema Angst spezialisiert hat: „Es ist eine paradoxe Situation. Hoher Erfolgsdruck ist ein Prädiktor für Mißerfolg“, sagt der Mediziner: „Die beste Prophylaxe ist, die Niederlage zu erlauben. In diesem Zusammenhang fand ich gut, wie man von offizieller Seite mit der 1:4-Niederlage gegen Italien umgegangen ist.“
Ein gutes Beispiel für vorbildlichen Umgang mit öffentlichen Druck sei Bundestrainer Klinsmann selbst, meint Bernd Strauß: „Er lebt vor, wie man sich dagegen immunisiert. Zudem müßte das Betreuerteam darauf achten, die Differenz zwischen den eigenen Erwartungen der Spieler und denen der Öffentlichkeit zu minimieren. „Weil man auf der Seite der Öffentlichkeit nun mal nichts ändern kann, muß man bei den Spielern ansetzen. Teamgeist und ein großes gemeinsames Ziel sind dafür unumgänglich. Das zeigen unsere Forschungen.“