21.03.2006 · Die „12“ könnte für Manuel Friedrich zur Glückszahl werden. Wenn er als zwölfter Neuling in der Ära Jürgen Klinsmann das Nationalmannschafts-Trikot überstreifen darf, würde das dem Mainzer die Perspektive auf die Teilnahme an der WM eröffnen.
Von Michael Horeni, DüsseldorfEs ist vielleicht alles ein bißchen viel im Moment. Auch für Jürgen Klinsmann. Vor dem Länderspiel in Dortmund an diesem Mittwoch (20.30 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) wurde der Bundestrainer gefragt, ob denn die Nationalmannschaft der Vereinigten Staaten, die in der Weltrangliste auf Platz fünf geführt wird, nun auch schon zu den großen Fußballnationen zähle. Zu jenen Ländern also, gegen die der deutsche Fußball seit dem Jahr 2000 nicht mehr gewinnen kann.
"Da ich ja meinen Wohnsitz in Italien habe", hob der ständige Weltreisende in Sachen Fußball an, um sich dann vor Schreck über seinen vermeintlich zweiten internationalen Wohnsitz ganz schnell zu korrigieren. Klinsmann hat die Wohnortdebatte natürlich nicht um einen weiteren Lebensmittelpunkt erweitert. Der Fußball-Pendler wohnt weiter in Kalifornien, und ebendort hat er den amerikanischen Fußball vor seiner Haustür. "Ich kenne fast jeden Spieler", sagt der Bundestrainer, und er erzählt von den "Riesenfortschritten", die das Team unter seinem Kollegen Bruce Arena in den vergangenen Jahren gemacht habe. Aber eine große Fußballnation? So weit will nicht mal Klinsmann gehen.
Schwierige Angelegenheit
Auch nach den traditionellen deutschen Bewertungsmaßstäben wird die Sache schon schwer genug. Am Montag, an dem nach der ursprünglichen Planung sogar der letzte der umstrittenen vier Fitnesstests stattfinden sollte, hatte der Bundestrainer beim ersten gemeinsamen Training vor der Partie in Dortmund nur noch zehn Spieler auf dem Feld (Siehe auch: Klinsmann im Interview: „Ich lasse mich nicht kaufen“). Nicht zuletzt, weil die Bayern und die Schalker nach der Spitzenpartie vom Vortag im Hotel geblieben waren. Robert Huth hat es nicht einmal bis dorthin geschafft. Der FC Chelsea verweigerte dem 21 Jahre alten deutschen Innenverteidiger die Freigabe, nachdem Verteidiger William Gallas beim 0:1 in der Premier League am Sonntag gegen Fulham die Rote Karte gesehen hatte. Nun wird Huth am Mittwoch im Pokalspiel auf der Insel gebraucht.
Nachdem am Wochenende schon das Verletzungsdrama um Sebastian Deisler sowie die Blessur von Torsten Frings den Kader im letzten Testspiel vor der WM-Nominierung am 15. Mai ausgedünnt hatten, steigen in Dortmund nun die Chancen von Rückkehrer Sebastian Kehl und dem Mainzer Neuling Manuel Friedrich auf einen Einsatz. "Wir werden keinen weiteren Spieler nachnominieren. Wir werden nur drei Innenverteidiger gegen die USA im Kader haben", sagt Klinsmann, nachdem er am Sonntag für den verletzten Wolfsburger Stürmer Mike Hanke schon den Mönchengladbacher Oliver Neuville hinzugebeten hatte. Kehl dürfte wegen des Ausfalls von Frings von Beginn an auf der Position im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden. Dazu kommt mit Christoph Metzelder in der Innenverteidigung ein zweiter Dortmunder bei dem Versuch, im stimmungsvollsten Stadion des Landes die Trübsal nach dem 1:4 vor drei Wochen gegen Italien zu vertreiben.
Friedrich sah es mit „anderen Augen“
Manuel Friedrich hat das Fiasko von Florenz noch am Fernseher beobachtet, und was er dort sah, fand der Mainzer gar nicht so schlimm, wie er danach in den Zeitungen immer wieder gelesen hat. "Ich habe das Spiel mit anderen Augen gesehen", sagt der 26 Jahre alte Friedrich, nach dessen Nominierung sein Trainer Jürgen Klopp verschmitzt bemerkte, der Bundestrainer könne froh sein, Friedrich kennenzulernen. "Wir haben sehr gute Verteidiger. Sie brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Bis zur WM kriegen wir das in den Griff", sagt Friedrich, als wäre er eher Trainer denn Konkurrent von Huth oder Per Mertesacker.
"Ich sehe die Dinge etwas nüchterner", sagt der Mainzer. Er freue sich schon über die Nominierung, und wenn er auf etwas spekuliere, dann auf ein paar Minuten Einsatzzeit, aber noch lange nicht auf eine WM-Nominierung. Wie er das sagt, wirkt Friedrich, als meine er es ernst. Dabei ist er kurz vor dem Ziel. "Auch wenn er gegen die USA nicht spielen sollte, hat er Chancen, bei der WM dabeizusein", sagt der Bundestrainer. Zum Glück hat der Innenverteidiger seinen Sommerurlaub noch nicht gebucht. "Da bin ich spontan", sagt er.
Urlaub noch nicht gebucht
Der womöglich zwölfte Debütant der Ära Klinsmann gehört (ebenso wie Kehl) zu jener Sorte von reflektierenden Spielern, die Klinsmann wie magnetisch in sein Team zieht. "Die WM ist eine Kopfsache", sagt der Bundestrainer, und danach, so scheint es, sucht er nicht zuletzt seine Spieler aus. "Man kann die Handschrift von Jürgen Klinsmann erkennen", sagt Rückkehrer Kehl, der sein 24. und letztes Länderspiel vor der Europameisterschaft 2004 gegen die Schweiz absolvierte, über die runderneuerte Nationalelf. Mit dem Bundestrainer aber sei er schon lange in Kontakt gewesen, und öfter hat er schon eine Einladung erhofft und auch erwartet.
Aber Kehl hat - anders als Wörns - öffentlich geschwiegen und "hart gearbeitet". Nun möchte er nur zu gerne glauben, daß ihn der Bundestrainer nicht nur aus taktischen Gründen, um das Dortmunder Publikum wegen des Rauswurfs von Mannschaftskollege Christian Wörns milde zu stimmen, für das Länderspiel zurückgeholt hat. "Klinsmann hat mir das versichert", sagt Kehl mit Blick auf die WM, "und das glaube ich ihm." Mal hören, wie das Publikum darüber denkt.