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Nationalmannschaft Deutsches Geheimtraining - Brasilianischer Showact

21.05.2006 ·  Für die deutschen Kicker hat mit dem Quartierwechsel von Sardinien nach Genf der harte, unangenehme Teil der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft begonnen. Bundestrainer Klinsmann schottet sein Team ab.

Von Michael Ashelm, Genf
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Der Empfang ist zurückhaltend - nicht anders sollte er aus Sicht der Nationalmannschaft auch sein. Bedächtige Ruhe um das Stade de Geneve, dazu paßt der bedeckte Himmel über der Westschweiz. Wer hier irgendwelchen Trubel erwartet hätte, muß sich getäuscht sehen. Da reichen ein paar freundliche Ordnungskräfte, um den nicht vorhandenen Auftrieb mit absoluter Gelassenheit in richtige Bahnen zu lenken. Am Nachmittag dann versammelt Bundestrainer Jürgen Klinsmann seinen Kader am neuen Ort - zum Geheimtraining.

Wenn für die deutschen Kicker mit dem Quartierwechsel von Sardinien nach Genf am Sonntag der harte, unangenehme Teil der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft begonnen hat, sollen ablenkende Einflüsse von der Auswahl ferngehalten werden. "Die Spieler müssen den Schalter umlegen", sagt Teammanager Oliver Bierhoff, was nichts anderes heißt, daß nach der aktiven, abwechslungsreichen Erholungsphase auf der Mittelmeerinsel nun die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Spielers dem Job beim WM-Turnier gilt.

Kraft schöpfen für die Mammutaufgabe

Bierhoff begründete noch einmal, weshalb die Wahl der Verantwortlichen auf Genf gefallen war: "Hier ist es wesentlich ruhiger. Würden wir zwei Wochen vor Turnierbeginn in Deutschland sein, könnte eine konzentrierte Arbeit bei dieser Begeisterung im Lande schwerfallen." Die Schweizer sehe er zudem als ruhiges, distanziertes Volk. Auch aus dieser Grundstimmung um sie herum sollen die Spieler Kraft schöpfen für die vor ihnen liegende Mammutaufgabe.

Mit der Absicht, sich in der internationalen Stadt am Genfer See so unauffällig wie möglich zu bewegen, verbindet sich die Hoffnung auf eine tiefschürfende Basisarbeit der Mannschaft mit erfolgreichem Ausgang. Die Schweiz zum vorübergehenden Standort zu wählen hatte weitere praktische Gründe. Die pünktliche Anreise ins WM-Land ist völlig unproblematisch. Das Klima entspricht dem in Deutschland. Neben den deutschen Nationalspielern bereiten sich in der Schweiz auch die WM-Kollegen aus Argentinien, Iran, der Ukraine, aus Polen, Italien und Spanien vor.

Ballzauberer aus Brasilien - eine Zirkusnummer für alle?

Wie verschieden die Einstimmung auf das große Turnier doch sein kann: Mit den Deutschen werden an diesem Montag auch die Brasilianer in der Schweiz erwartet, um mit all ihren Stars am Feinschliff für die Weltmeisterschaft zu arbeiten. Hier aber könnte die Diskrepanz zur deutschen Defensivtaktik außerhalb des Platzes nicht größer sein. Aus ihrem Trainingslager in der Nähe von Luzern machen die Südamerikaner ein öffentliches Fußball-Happening.

In einem internationalen Ausscheidungswettkampf setzte sich das Dörfchen Weggis am Vierwaldstättersee durch und darf nun Heerscharen von Anhängern der Selecao begrüßen, was unter dem Strich ein schönes Plus in der Gemeindekasse einbringen soll. In zwei Tagen waren 45. 000 Tickets für die öffentlichen Trainingseinheiten auf dem runderneuerten, mit dem WM-Rasen ausgelegten Sportplatz vergriffen - zum Einzelpreis von zwanzig Franken. Die geschickt vermarkteten Ballzauberer aus Brasilien - eine Zirkusnummer für alle? Vierzehn öffentliche Trainingstermine zählen die Organisatoren in Weggis voller Stolz. Aber wer weiß schon, wann und wo die Fußballmannschaft mit dem größten Selbstbewußtsein ihre Spielzüge wirklich einstudiert?

Sicherheitspersonal, Sonderausweise, Zugangssperren

Mit dem Blick aus Genf hinüber zum inszenierten Kult nach Weggis ist sich auch Oliver Bierhoff nicht so sicher. "Man hört zwar die tollsten Geschichten von den Brasilianern, daß sie zum Beispiel im Takt der Samba-Trommeln ihre Beweglichkeit trainieren. Doch in ihrem engsten Kreis werden sie sich bestimmt sehr diszipliniert und konzentriert auf die WM vorbereiten", sagt der Teammanager. "Das weiß auch Jürgen Klinsmann, der sich darüber erkundigt hat."

Bei der deutschen Mannschaft, zu der am Sonntag Torwart Jens Lehmann nach seinem unglücklichen Auftritt in der Champions League gestoßen war, ist abgemacht, die Trainingseinheiten hinter geschlossenen Stadiontoren abzuhalten. Damit überbordende Neugierde schon im Keim erstickt werde, sind Vorkehrungen im Stadion getroffen worden: Sicherheitspersonal, Sonderausweise, Zugangssperren, abgeklebte Fenster in den Vip-Logen blickdicht zum Innenraum. Doch wie es scheint, hat der gemeine Genfer sowieso weniger Interesse an der deutschen WM-Auswahl, bei der Mike Hanke, Tim Borowski (beide grippaler Infekt), Sebastian Kehl (Sprunggelenk), Christoph Metzelder (Wade) und Lukas Podolski (Rücken) leicht angeschlagen sind.

Zwei Mal am Tag - jeweils mindestens neunzig Minuten - wird die nächsten Tage am körperlichen Limit geübt werden. An diesem Dienstag ist ein erster kleiner Taktiktest gegen eine Nachwuchsauswahl des ansässigen Profiklubs Servette vorgesehen. Wie es ausschaut, wird dieser Vergleich das ruhige Genf nicht weiter tangieren. "Da herrscht eine gewisse Kühle", stellte Bierhoff schon am Sonntag fest, "unsere Nationalmannschaft zieht eben nicht so." In diesem speziellen Fall kann der Teammanager mit dem Desinteresse leben.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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