01.03.2006 · Die Auswahl, die Jürgen Klinsmann für den Klassiker gegen Italien zusammengestellt hat, scheint schwerlich geeignet, WM-Vorfreude zu entfachen. Viele Nationalspieler sind in ihren Klubs nur zweite Wahl, die größte Sorge bereitet die Viererkette.
Von Michael Horeni, FlorenzTurin ist auch in Florenz nicht fern. Die Olympischen Spiele wirken in Italien auch einen Tag vor dem Fußball-Länderspiel gegen Deutschland noch nach, und dort haben die deutschen Athleten ziemlich überraschend die Medaillenwertung gewonnen. Aber dieses Ergebnis, das in einigen Blättern Europas als deutsches Aufbruchsignal über den Sport hinaus gedeutet wird, hat jedoch in Deutschland nicht gereicht, um riesige Schlagzeilen zu produzieren oder Wellen der Begeisterung durchs Land zu schicken.
Der deutsche Skeptizismus, der in Turin keinen Platz fand, hat in diesen Tagen dafür ein weit lohnenderes Ziel ausgemacht: den Zustand der Nationalmannschaft einhundert Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica. Der allgemeine Befund jedenfalls ist eindeutig: Krise. Die Aussichten: trübe.
„Es wird keine ruhige Zeit“
Tatsächlich scheint die Auswahl, die Jürgen Klinsmann für den Klassiker zwischen den beiden dreimaligen Weltmeistern an diesem Mittwoch im Stadio Artemio Franchi (Mittwoch 21.00 Uhr,FAZ.NET-Liveticker) zusammengestellt hat, schwerlich geeignet, Vorfreude auf das deutsche Sommerturnier zu entfachen. Der mit amerikanischem Optimismus reich ausgestattete Bundestrainer glaubt zwar an einen Erfolg, aber selbst einem erfreulichen Resultat traut er nicht zu, das nationale Fußball-Stimmungstief nachhaltig bis zum ersten WM-Spiel in München vertreiben zu können.
"Ein erfolgreiches Spiel glättet zwar die Wogen. Aber es wird keine ruhige Zeit in den nächsten 100 Tagen geben. Die nächste Welle kommt auf uns zu, das bringt eine WM mit sich", sagt Klinsmann. Ob die Unterstützung der Deutschen denn nicht wichtig wäre, wurde der Bundestrainer in Florenz von einem englischen Journalisten ungläubig gefragt. "Sicher - und wir werden sie auch haben", entgegnete Klinsmann. Aber, wie er glaubt, eben erst bei der WM und nicht mehr in den 100 Tagen zuvor.
Deutsche Viererkette bereitet die größte Sorge
Große Zuversicht stellt sich beim Blick auf seinen Kader für das anspruchsvollste Testspiel im WM-Jahr an diesem Mittwoch aber auch keineswegs von selbst ein. Ob in Abwehr, Mittelfeld oder Angriff - überall wimmelt es von Wackelkandidaten, die in ihrem Klub entweder auf der Ersatzbank sitzen, noch weit von der WM-Form entfernt sind oder sich nach Verletzungen erst wieder an ihre Form und Fitness heranarbeiten müssen.
Die größte Sorge begleitet wie üblich die deutsche Viererkette, aus der Klinsmann mit Christian Wörns zudem noch den stabilsten Bundesligaverteidiger persönlich für die WM abmeldete. Die Innenverteidiger Robert Huth und Christoph Metzelder sind die regelmäßigen Bankdrücker beim FC Chelsea und Borussia Dortmund, der Hannoveraner Per Mertesacker muß seine jüngste Verletzung noch verarbeiten, ebenso der Münchner Philipp Lahm. Die Klubeinsätze des Quartetts bemessen sich im WM-Jahr nach Minuten - und selbst ein Stammspieler wie Arne Friedrich kann seit Wochen mit Hertha BSC nicht auf Erfolgserlebnissen aufbauen. Aber Erfolg bei der WM, daran zweifelt Metzelder nicht, könne nur über "eine stabile Defensive" möglich sein. Die Abwehrstärke werde, wie beim Turnier 2002 in Japan und Korea, die "Grundlage" auch im Sommer sein.
Nur Lehmann gibt sich entspannt
Aber wie soll das noch gelingen? Durch Realitätstests, wie Kapitän Michael Ballack sagt. "Über Spielpraxis geht nichts. Man braucht sie, um an sein Topniveau zu kommen." In Florenz soll dafür der Anfang im WM-Jahr gemacht werden, "aber es geht nur in kleinen Schritten", wie Torhüter Jens Lehmann realistisch anmerkt. Denn nicht nur die Defensive hat Nachholbedarf mit dem fußballerischen Ernstfall. Im Mittelfeld schaffen es Sebastian Deisler und Bastian Schweinsteiger beim FC Bayern auch nur mit Mühe ins Team des Meisters. Im Angriff spürt Lukas Podolski seit Monaten seine persönliche und die Krise des Abstiegskandidaten 1. FC Köln, Miroslav Klose fehlte wochenlang wegen einer Schulterverletzung bei Werder Bremen - und Kevin Kuranyi durfte erst gar nicht mit nach Italien, weil Klinsmann ihm mangelndes Engagement bei Schalke 04 nicht nachsah.
Jens Lehmann, der für den verletzten Oliver Kahn nun früher als von ihm erwartet seine letzte Chance in der Nationalelf vor der WM-Nominierung am 15. Mai bekommt, gab sich trotz der Schwierigkeiten im Team ausgesprochen zuversichtlich. "Die Freude ist groß", sagte der Torhüter von Arsenal London, "es ist eine Chance." Die individuellen Krisen und Schwächen zahlreicher Kollegen will Lehmann jedenfalls nicht automatisch zu schlechten Aussichten gegen Italien hochrechnen. Ganz im Gegenteil. "Ob ich viel zu tun bekommen werde, wird man sehen. Das hat man in Frankreich auch gedacht", sagte Lehmann entspannt.
Das Duell im November endete aber 0:0 - und der englische Torhüter hatte dabei einen ziemlich ruhigen Abend. Die Gelassenheit, die Kahns Konkurrent von der Insel mit zur Nationalmannschaft brachte, kann jedenfalls nicht schaden. Die Schlagzeilen in Deutschland von Krise und Krach im deutschen Team haben es offenbar noch nicht zu Lehmann über den Kanal geschafft: "Von der Skepsis habe ich gar nichts mitbekommen."