14.06.2006 · „Ich weiß, wo ich herkomme“, sagt Miroslav Klose. Für ihn und seinen Sturmpartner Lukas Podolski ist das Spiel Deutschland gegen Polen heute auch ein Spiel gegen das Land ihrer Geburt. Doch in einen Loyalitätskonflikt geraten die beiden nicht.
Von Michael Horeni, BerlinMiroslav Klose macht es den Leuten leicht, ihn zu unterschätzen. Das fängt schon damit an, daß Klose nicht wie ein Star spricht. Der Stürmer war seit der Ankunft in Berlin schon zweimal auf dem riesigen Podium bei der Pressekonferenz. Klose wirkt nicht nervös vor der großen Kulisse, aber er stolpert trotzdem immer wieder, wenn er seine Sätze beginnt. Und er spricht sehr leise. So leise, daß man sich fragt, ob er auch in der Mannschaft ein Mikrofon braucht, um gehört zu werden.
Aber dann, wenn er die Anlaufschwierigkeiten überwunden hat, sagt er immer wieder ein paar Sätze, die gar nicht so recht zu dem stillen Mann passen wollen. „Die werden mit dem Messer zwischen den Zähnen auf uns los gehen“, sagt Klose. Das ist einer von diesen Sätzen. Er sagt ihn vor dem zweiten und vielleicht schon entscheidenden Gruppenspiel gegen Polen. Sie zeigen auch etwas von dem Kämpfertyp, der hinter der samtenen Fassade steckt. Klose weiß, daß ihm in der Begegnung an diesem Mittwoch in Dortmund eine Hauptrolle zufällt, und auch eine besondere Verantwortung. Er spielt zusammen mit seinem Sturmpartner Lukas Podolski gegen das Land ihrer Geburt, gegen das Land ihrer Eltern und gegen das Land, deren Sprache sie zusammen in der deutschen Nationalmannschaft noch sprechen.
„Nicht ein Spiel wie jedes andere“
„Es ist für mich nicht ein Spiel wie jedes andere“, sagt Klose, „aber ich denke, daß ich auch nach dem Spiel noch nach Polen fahren kann.“ Zwei Tore hat Klose bei der Weltmeisterschaft im Eröffnungsspiel schon erzielt, und es ist sein erklärtes Ziel, nach diesem Turnier seine Marke von fünf Treffern der vergangenen WM zu übertreffen. Damals war in der Torjägerliste nur Ronaldo vor ihm, der nun erwartet, „daß Klose in Deutschland ein Wörtchen mitreden wird bei der Vergabe des Goldenen Schuhs“. Es ist nicht allzu schwierig zu erraten, daß sich Klose zum Ziel gesetzt hat, der beste Torjäger der WM zu werden. Aber er würde das niemals laut sagen. „Du kennst mich doch am besten“, sagt Klose zum DFB-Mediendirektor Harald Stenger, als der ihn auf diese Möglichkeit anspricht.
Es ist auch ihre Bescheidenheit, die Klose und Podolski vom Gros der deutschen Profis hervorhebt. „Ich weiß, wo ich herkomme“, sagt Klose. Mit acht Jahren landete er mit seiner Familie im Aufnahmelager Friedland. Sie stammten aus Oppeln in Oberschlesien, und wenn Klose Polnisch mit Podolski spricht, dann ist der schlesische Akzent noch immer zu hören. Er kann sich heute noch sehr genau erinnern, wie sie damals ins Lager kamen, wie sie sich mit mehreren Familien einen Raum teilten und auf die neuen Pässe warteten. „Es war brutal, ständig hat jemand geweint. Irgendeine Mutter hat immer nach ihrem Kind gerufen“, sagt er. „Mit der Schranke, die nach oben ging, fing ein neues Leben an.“
Er wurde in die vierte Klasse eingestuft. Am ersten Tag sollte er ein Diktat schreiben, dabei konnte er gerade „ja“ und „danke“ sagen. Klose ließ sich auf eigenen Wunsch in die zweite Klasse zurückstufen. „Das war bitter, als die Neuntkläßler von der Schule abgingen und ich noch in der siebten Klasse war.“ Seine Anerkennung in Deutschland hat er erst auf dem Bolzplatz gefunden. „Ich wurde immer als Erster in die Mannschaft gewählt, weil ich besser war.“ Seine Integration in Deutschland, sagt er heute, habe er nur dem Fußball zu verdanken.
„Es ist wie eine Kur“
Seine Eltern und ein paar Verwandte werden heute in Dortmund sein, und zumindest seine Großmutter kann immer noch nicht recht verstehen, warum er für Deutschland und nicht für die alte Heimat spielt. Er hatte ja die Gelegenheit dazu. Als er noch in Kaiserslautern war, hat ihn auch der polnische Nationaltrainer angesprochen. Er lehnte das Angebot ab. „Ich wußte, daß ich es in die deutsche Mannschaft schaffen kann“, sagt er. In Bremen fühlt sich Klose mittlerweile zu Hause, bei seiner Frau und den kleinen Zwillingen.
Aber die Menschen in Polen sind Klose, wenn man ihn recht versteht, seiner eigenen Mentalität doch noch etwas näher. „Es ist wie eine Kur“, sagt Klose über seine Urlaube in Polen. Die Leute seien ruhiger und mit weniger zufrieden. Das gefällt ihm. „Die müssen nicht immer haben, haben, haben. Die haben selber weniger und wollen noch geben“, sagte er unlängst in einem „Stern“-Interview. Das Ruhige in seinem polnischen Wesen will er auch seinen Kindern vermitteln. Und daß man keine große Klappe haben müßte und sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren müsse. Das sind Kloses Werte.
Kein Loyalitätskonflikt
In dieser Saison hat auch Podolski davon profitiert. Als er in Köln in eine Krise geriet, die noch immer nicht recht ausgestanden ist, kümmerte sich der Bremer um seinen Sturmpartner. Nach den Spielen schickte Klose ihm immer wieder eine aufmunternde SMS. Sie telefonierten regelmäßig miteinander, und Klose gab ihm immer wieder Ratschläge. „Er genießt es, sich bei Miro anlehnen zu können“, sagt Jürgen Klinsmann. 22 der insgesamt 71 Tore in der Amtszeit des Bundestrainers hat das Duo mit den polnischen Wurzeln erzielt. Podolski liegt da sogar mit zwölf Treffern vorn.
Gegen Polen sollen jetzt noch ein paar dazukommen, sagt der in Gleiwitz geborene künftige Bayern-Stürmer. „Ich mache nicht langsamer auf dem Platz. Wenn wir gewinnen, könnten wir uns vorzeitig für das Achtelfinale qualifiziert haben. Das ist unser Ziel - und nicht, ob die Polen weiterkommen“, sagt Podolski. Und auch bei der Nationalhymne wird es keinen Loyalitätskonflikt geben, verspricht Klose. „Ich singe nur die deutsche Hymne“, sagt er grinsend, „die polnische kann ich gar nicht.“
Loyalitaetsprobleme
Hans-Joachim Duebel (aduebel)
- 14.06.2006, 14:02 Uhr