11.12.2005 · Alles hätte schlimmer kommen können. Deshalb bleibt Jürgen Klinsmann nach der Auslosung ganz gelassen. Mit der Sonntagszeitung sprach der Bundestrainer über WM-Gegner, Torwartfrage und mögliche Formtiefs der Nationalspieler.
Costa Rica, Polen und Ecuador in der Vorrunden-Gruppe A bei der Fußball-WM 2006 im eigenen Land. Alles hätte schlimmer kommen können. Deshalb bleibt Jürgen Klinsmann nach der Auslosung ganz gelassen. Mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht der Bundestrainer über die ersten drei Gegner, die Torwartfrage Kahn oder Lehmann und mögliche Formtiefs der Nationalspieler.
Wie beurteilen Sie Ihre WM-Vorrundengegner Costa Rica, Polen und Ecuador?
Natürlich hätte es viel schlimmer kommen können. Man hat es gut mit uns gemeint. Wir sind zufrieden. Das ist eine absolut machbare Gruppe.
Spielt die psychologische Komponente in der Vorbereitung der Mannschaft jetzt nicht eine noch stärkere Rolle, weil das Turnier für die deutsche Elf nach Meinung vieler erst im Achtelfinale beginnt und womöglich der eine oder andere Gegner unterschätzt werden könnte?
Wir denken in der Vorbereitung auf die WM nicht an das Achtelfinale. Unser Blick wird sich vor Beginn des Turniers auf Costa Rica und das Eröffnungsspiel richten. Da wird kein Platz sein für Gedankenspiele, daß im Achtelfinale vielleicht England oder Schweden auf uns treffen könnten. Das interessiert uns nicht.
Haben Sie in den Leipziger Tagen gespürt, wie groß der Druck auf einem WM-Gastgeber lastet?
Wir wissen, daß ein Mega-Event auf uns zukommt. Aber wenn ich ehrlich bin, belastet uns das nicht. Wir haben ein sehr positives Gefühl, gut vorbereitet zu sein, und haben Vertrauen in unsere Mannschaft. Das gibt uns eine gewisse Gelassenheit, zu sagen, daß wir bei der WM etwas reißen können. Wir möchten den Heimvorteil für uns nutzen und versuchen, gemeinsam mit dem Publikum eine Stimmung aufkommen zu lassen, die der jungen Mannschaft Selbstvertrauen gibt.
Wie stark werden Sie den Spielstil Ihrer Gegner bei der Vorbereitung in Betracht ziehen?
Wir werden vor allem unseren Spielstil vorantreiben - mit Respekt und Achtung für den Gegner. Wir wollen angreifen, hochkonzentriert und aggressiv zu Werke gehen. An diesen Leitlinien werden wir weiterarbeiten. Wenn der Gegner über gewisse Stärken verfügt, dann wird das in der Arbeit beachtet. Aber das wird wohl mehr bei Teams wie Brasilien oder Argentinien eine Rolle spielen.
Steht denn die Tür auf für neue Spieler, die unter Ihnen noch nicht zum Kreis der Nationalmannschaft gehört haben?
Generell steht die Tür für alle noch offen, wenn es Senkrechtstarter geben sollte. Auf der anderen Seite haben wir ein deutliches Zeichen gesetzt, als wir vor dem letzten Leistungstest 28 Spieler nominiert haben im Oktober. Es wird schwer, wenn in diesen Kreis noch jemand hineinkommen möchte - der muß schon enorm konstant auf hohem Niveau spielen.
Wie gehen Sie mit Formtiefs Ihrer Spieler um in den nächsten Monaten, könnten sie jemandem die WM-Teilnahme kosten?
Uns geht es bei den Spielern um die Leistungskurve der vergangenen 18 Monate. Wenn einer ein Formtief hat, ist das kein Problem. Wir glauben sehr wohl zu wissen, wo die Stärken und Schwächen unserer Spieler liegen und über welches Potential jeder verfügt. Da brauchen wir nicht auf wöchentliche und monatliche Formkurven eingehen.
Sie sprechen den Spielern gegenüber von Vertrauen, fordern aber von ihnen gleichzeitig mehr Engagement. Wie bringen Sie der Mannschaft die Aufgaben der nächsten Monate herüber?
Wir haben den Spielern immer auf den Weg gegeben, daß sie mehr tun müssen und sich selbständig voranbringen müssen. Und da gibt es im März ja unsere Leistungstests, nach denen wir deutlich sehen, wer das ernst genommen hat. Wenn hier jemand etwas dem Zufall überlassen haben sollte, könnte es negative Folgen haben. Nachlässigkeit wird bestraft. Aber wir beobachten, daß sich jeder viel Mühe gibt.
Mit München und Bremen sind zwei Bundesligaklubs weiterhin in der Champions League, Schalke hat zumindest noch die nächste Runde des Uefa-Pokals erreicht. Freut Sie diese Entwicklung, oder denken Sie mehr an mögliche Überbelastungen der Spieler?
Wir freuen uns enorm über jedes erfolgreiche Spiel im Europacup. Wir machen uns keine Sorgen um die körperliche Belastung der Spieler, weil wir darauf gepocht haben, daß sie über Weihnachten zwei Wochen länger Urlaub bekommen. Normalerweise wären wir für Testspiele nach Mexiko und in die USA geflogen, aber wir haben mit der Bundesliga vereinbart, daß jeder Nationalspieler lieber zwei Wochen Urlaub bekommt, damit er frisch in die Rückrunde geht. Wir sind froh über die Europapokalspiele, denn unsere Spieler brauchen diese Erfahrungen, um sich auf etwas noch Größeres vorzubereiten.
Franz Beckenbauer hat bei der Auslosung in Leipzig gesagt, er bewertet den als Trainer gewonnenen WM-Titel höher als den in seiner Zeit als Spieler. Können Sie das nachvollziehen?
Bis jetzt kann ich das noch nicht nachvollziehen. Aber ich muß betonen, daß es eine besondere Ehre ist, die Nationalmannschaft zur WM im eigenen Lande führen zu dürfen. Ich freue mich riesig auf die Aufgabe und traue sie mir zu. Nach dem Turnier kann ich vielleicht die Aussage von Franz bewerten.
Wie werden Sie in der Torhüterfrage im nächsten Jahr verfahren? Wann endet die Rotation zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann denn wirklich?
Die Torwartentscheidung lassen wir uns offen bis vor der WM.
Und wer von beiden spielt Anfang März beim Spiel in Italien?
Ende Februar werden wir entscheiden, wer dort spielt.
Wäre nicht Oliver Kahn an der Reihe?
Wir haben über diese Entscheidung noch nicht nachgedacht.
Welcher Mannschaft trauen Sie beim WM-Turnier einen spektakulären Höhenflug zu?
Wir haben uns vor der Auslosung gesagt, daß wir hoffentlich nicht die Ukraine in die Gruppe bekommen. Es ist beeindruckend, was diese Mannschaft in der Qualifikation gezeigt hat. Das könnte eine Überraschungsmannschaft sein, nicht nur wegen Schewtschenko.