15.05.2006 · Jürgen Klinsmann geht, wie am ersten Tag als Bundestrainer angekündigt, seinen eigenen, unberechenbaren und risikoreichen Weg konsequent bis zum Ende. Ein Kommentar zur Nominierung des WM-Kaders von Michael Horeni.
Von Michael Horeni, BerlinJürgen Klinsmann hat bei der Präsentation seines Weltmeisterschaftskaders in einem Berliner Autohaus einen Satz gesagt, den zuvor noch nie ein Bundestrainer benutzt hat: "Diese Variante wollten wir bei uns im Portfolio haben."
Er sprach aber nicht etwa über ein finanzielles Investment, sondern über eine vollkommen überraschende sportliche Personalentscheidung. Es ging um David Odonkor, den 22 Jahre alten Neuling ohne jede Länderspielerfahrung, der nun zur allgemeinen und auch seiner persönlichen Verblüffung bei der WM dabeisein wird. Die Variante, um die es geht, ist das 4-3-3-System, die Klinsmann mit dem offensiven Dortmunder Mittelfeldspieler stärken will. Aber nicht die sportliche Aussage des Satzes erklärt die Geisteshaltung, mit der Klinsmann seinen Kader für die am 9. Juni mit der Partie gegen Costa Rica startende Weltmeisterschaft zusammengestellt und auf den letzten Drücker noch einmal kräftig durcheinandergewirbelt hat - sondern eben jenes Wort "Portfolio", dieser aus der Börsen- und Finanzwelt entliehene Begriff.
„Der Kader ist eine Momentaufnahme“
Die Summe von 23 Nationalspielern macht also Klinsmanns WM-Portfolio aus. Der Bundestrainer will zusammen mit seinem Assistenten Joachim Löw bis zur letzten Minute Personalvarianten diskutiert und analysiert haben, um auch den kleinstmöglichen Vorteil aus der aktuellen Verfassung seiner Kandidaten zu ziehen.
"Der Kader ist eine Momentaufnahme für Mai/Juni 2006", sagt der Bundestrainer. Was für Klinsmann ganz offensichtlich alleine zählt, ist die aktuelle Performance seines Personals - und nicht etwa alte oder auch in seiner zweijährigen Dienstzeit neu erworbene Verdienste. Hätte die WM vor drei Monaten stattgefunden, hätte er seinen Kader anders zusammengestellt, behauptete Klinsmann, und in einem halben Jahr wäre die Zusammensetzung der Mannschaft wieder anders ausgefallen.
Diskussionen wie seit vielen Jahren nicht mehr
Dieses auf die Spitze getriebene Leistungskriterium wird vor allem für die von der Absage hart getroffenen Schalker Kevin Kuranyi und Fabian Ernst kein Trost sein, ebensowenig für den Bremer Patrick Owomoyela. Dieses Trio gehörte fast über die gesamte Klinsmann-Zeit zum Kader, und selbst die zehn Tore, die Kuranyi im ersten Jahr unter diesem Bundestrainer erzielt hatte, verhalfen dem Stürmer mit brasilianischen Wurzeln nicht zur WM-Teilnahme. Im Endspurt der Saison zogen mit dem Mönchengladbacher Routinier Oliver Neuville und dem für die beiden ersten Spiele gesperrten Wolfsburger Mike Hanke sogar gleich zwei Angreifer an dem nun größten Verlierer des Jahres vorbei.
Mit seiner Kaderzusammenstellung hat Klinsmann, ebenso wie mit der Entscheidung für Jens Lehmann als ersten Torhüter vor wenigen Wochen, für sportliche Diskussionen wie seit vielen Jahren nicht mehr bei einer WM-Nominierung gesorgt. Die vor kurzem noch sensationelle Nachricht, daß Jens Nowotny nach vier Kreuzbandrissen doch noch einmal bei einer WM dabei ist, war am Tag der Überraschungen schon fast nicht mehr der Rede wert. Denn selbst die Entscheidung für den über viele Monate hinweg wenig überzeugenden Stuttgarter Thomas Hitzlsperger war weit weniger zwangsläufig. Klinsmann geht, wie am ersten Tag als Bundestrainer angekündigt, seinen eigenen, unberechenbaren und risikoreichen Weg konsequent bis zum Ende. Aber dies hätte eigentlich niemanden mehr überraschen dürfen.