18.11.2005 · Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff spricht im Interview mit der F.A.Z. über das nun komplette Teilnehmerfeld der Fußball-Weltmeisterschaft, die häßlichen Szenen in der Türkei und die Gefahren der Auslosung.
Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff spricht im Interview mit der F.A.Z. über das nun komplette Teilnehmerfeld der Fußball-Weltmeisterschaft, die häßlichen Szenen in der Türkei und die Gefahren der Auslosung.
Die Türkei ist nicht bei der Weltmeisterschaft in Deutschland dabei. Verliert die WM damit ihren zweiten heimlichen Gastgeber?
Das glaube ich nicht, auch wenn die Türken in Deutschland sicher viel Stimmung gemacht hätte. Es ist schade, daß so eine Fußballnation, die auch bei der vergangenen WM hervorragend gespielt hat, nicht dabei ist. Aber alle Mannschaften werden ihre Fans zur Weltmeisterschaft bringen, und gerade die Schweizer als Nachbar und mit Österreich einer der beiden Gastgeber der Europameisterschaft 2008 werden ganz sicher von vielen ihrer Anhänger in Deutschland unterstützt.
Nach dem Skandalspiel am Mittwoch mit den häßlichen Szenen in Istanbul gegen die Schweiz werden sich viele vielleicht sogar sagen: "Gut, daß die Türkei es nicht geschafft hat."
Solche Szenen sind wirklich traurig. Ich habe selbst mit der Nationalmannschaft und mit dem AC Mailand in der Türkei gespielt - ich kenne solche Verhältnisse. Aber bei der WM wäre das mit den hier lebenden Türken sicher anders gewesen.
Das Teilnehmerfeld der 32 Teams steht jetzt fest. Ist es für Sie das am bestbesetzte WM-Turnier, das es bisher gegeben hat?
Daß kann man vorher nicht sagen. Wie immer gibt es einige sogenannte Exoten, die erstmals bei der Weltmeisterschaft dabei sind. Zum Beispiel Trinidad/Tobago und vier der fünf afrikanischen Mannschaften. Aber entscheidend ist, daß diesmal wirklich alle großen Fußballnationen bei der WM dabei sind: Brasilien, Argentinien, England, Italien, Frankreich und Holland.
Bisher hieß es immer, die Vorrunde einer Europameisterschaft sei wegen der Leistungsdichte der europäischen Mannschaften schwerer zu überstehen als die Vorrunde einer WM. Gilt diese Einschätzung auch für die WM 2006?
Ja. Aber die Auslosung birgt dennoch Gefahren, vor allem im vierten Lostopf, in dem die Schweiz und die Ukraine drin sein werden. Die Schweiz hat die Türkei und Irland rausgeworfen - und auch gegen Frankreich immer gut ausgesehen. Die Ukraine wurde souverän Gruppensieger. Mit ein bißchen Pech bekommen wir eine sehr schwere Gruppe. Aber generell ist es trotzdem leichter, bei der WM die Vorrunde zu überstehen.
Bundestrainer Jürgen Klinsmann will Weltmeister werden - aber wer sind die wirklichen Favoriten?
Ich zähle nur Brasilien und Argentinien zu den großen Favoriten. Dahinter wird es diesmal besonders schwer. In Europa ist vieles sehr ausgeglichen. Die Engländer haben zuletzt begeisternd gespielt, die Italiener haben überraschend gegen die Niederländer gewonnen, die bis dahin sehr stark waren. Da gibt es keinen eindeutigen Favoriten. Im weiteren Feld sehe ich Deutschland, England, Frankreich, Italien und die Niederlande als ziemlich gleichberechtigt an.
Welche Mannschaft bietet Überraschungspotential - so wie die Griechen bei der EM 2004 oder die Deutschen bei der WM 2002?
Wenn es eine Überraschungsmannschaft geben sollte, dann wird sie aus Europa kommen. Eine asiatische Mannschaft erwarte ich nicht in dieser Rolle, auch nicht Australien oder die Vereinigten Staaten, obwohl sie schon ein fester Bestandteil der WM geworden sind und sich gut entwickelt haben. Kandidaten könnten die Ukraine und Portugal sein. In diesen Mannschaften steckt viel.
Am 9. Dezember findet in Leipzig die Auslosung der Endrunde statt. Vor vier Jahren brachte das 8:0 gegen Saudi-Arabien die Deutschen in WM-Stimmung. Wie wär's diesmal mit Trinidad/Tobago zum Auftakt am 9. Juni in München?
Der Einstieg in ein Turnier ist wahnsinnig wichtig. Ein Sieg bringt Ruhe und Sicherheit - daher wäre es gut, wenn wir im ersten Spiel auf einen vermeintlich leichten Gegner treffen würden. Ein guter Start gegen eine schwächere Mannschaft hilft. Aber es kommt, wie es kommt.
Wie soll die Nationalelf in den kommenden dreieinhalb Monaten eigentlich in WM-Stimmung kommen - bis zur Partie im März gegen Italien gibt es kein Länderspiel?
Das ist ein Problem für uns. Wir haben die Mannschaft nur noch einmal Ende Januar für zwei Tage zusammen, in denen wir jedoch kein Spiel haben. Dabei werden wir versuchen, die Spieler in Gesprächen weiter auf die Weltmeisterschaft vorzubereiten. Es ist wichtig, daß die Spieler wissen, daß wir ganz nah an ihnen dran sind - das werden wir durch persönliche Besuche und Telefonate auch immer wieder tun, um sie immer weiter und kontinuierlich in Richtung WM zu führen. Aber man muß schon sehen: Wenn man eine Mannschaft wie beim Confederations Cup vier Wochen beisammen hat, dann wächst auch etwas zusammen. Wenn man zehn Tage miteinander verbringt, ist das auch schon sehr hilfreich. Aber wenn man praktisch fast gar keine gemeinsamen Tage zur Verfügung hat, wird es unheimlich schwer, den Mannschaftsgedanken über diese lange Zeit immer wieder im Hinterkopf zu aktivieren. Aber in dieser Phase sind wir als sportliche Führung gefordert. Wir müssen unseren Spielern auch im Alltag die WM immer wieder bewußt zu machen.
Die Fragen stellte Michael Horeni.