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Interview „Ich lasse mich nicht kaufen“

19.03.2006 ·  Provokationen von außen und interne Risiken: Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den WM-Hype, eigene Fehler und den „Rufmord“ an Schweinsteiger.

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Provokationen von außen und interne Risiken: Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den WM-Hype, eigene Fehler und den „Rufmord“ an Schweinsteiger.

Nur noch drei Prozent der Deutschen glauben an den Titel. Merken die Fans, daß sie vielleicht nur einer Illusion anhingen?

Der Titel ist keine Illusion. Sonst wäre Griechenland auch eine Illusion gewesen. Die Griechen sind Europameister geworden, und wir haben bei der WM gute Voraussetzungen. Die Vorrunde können wir erfolgreich gestalten, und im K.-o.-System kann alles passieren. Außerdem haben wir Heimrecht. Wenn nur das Heimrecht zählen würde, wären noch alle deutschen Klubs im Europacup. Wir müssen nicht zum Rückspiel nach Brasilien. Wenn wir zehnmal gegen Brasilien spielen, verlieren wir vielleicht sechsmal und gewinnen zwei Spiele - und das eine Mal wird bei der WM sein. Das ist keine Illusion, das ist kein Blenden. Es ist machbar - wenn alles zusammenpaßt. Und unsere Basis wird die Gemeinschaft sein, der bedingungslose Wille, etwas bewegen zu wollen. Wenn wir auf Hochtouren fahren und auf alles losgehen, was sich bewegt, dann heißt es bei den anderen Mannschaft wieder: O weh, die Deutschen kommen. Dann wird Fußball zur Kopfsache. Und die WM ist eine Kopfsache.

Ist das vielleicht nicht ein bißchen naiv nach einem 1:4 gegen Italien?

Mir hilft die Gewißheit, daß ich als Spieler bei jedem Turnier topfit war. Ich habe nur gute Europa- und Weltmeisterschaften gespielt. Diese Tatsache gibt mir sehr viel Selbstvertrauen, einem Spieler wie Podolski oder Klose jetzt sagen zu können: Was sich in den vergangenen Monaten abgespielt hat, interessiert bei der WM niemanden mehr. Glaubt mir: Wenn wir jetzt anfangen zu arbeiten, bringen wir euch bei der WM auf eine ganz andere Leistungsplattform.

In welcher Lage befindet sich die Nationalelf, der kaum jemand den Titel zutraut?

Die Mannschaft setzt sich sehr intensiv damit auseinander, welche Riesenlawine auf sie zurollt zur WM. Deshalb haben wir vor zwanzig Monaten das Ziel formuliert, Weltmeister werden zu wollen; damit die Spieler frühzeitig lernen, mit dieser hohen Erwartung umzugehen.

Haben Sie Angst, daß Bastian Schweinsteiger unter dieser Lawine begraben wird?

Nein. Der FC Bayern München und der DFB haben alles unternommen, was möglich war, um ihm zu helfen. Bastian und sein Anwalt haben ebenfalls klar Position bezogen. Es ist unverantwortlich, was über ihn verbreitet wurde. Das ist Rufmord. Bastian und andere Nationalspieler können sich darauf verlassen, daß wir sie dagegen schützen werden.

Worin besteht Ihre Hauptaufgabe bis zur WM?

Die Spieler wissen, daß wir erst an die Feinarbeit gehen können, wenn das Vorbereitungslager Mitte Mai beginnt. Die Mannschaft weiß, daß sie erst dann ihr Gesicht bekommt und erst dann die Hierarchie festgelegt wird. Ich werde die Spieler in diesen zwei Monaten ständig mit persönlichen Gesprächen begleiten, damit jeder weiß, woran er ist. Am vergangenen Montag habe ich Einzelgespräche mit den Dortmunder und Schalker Nationalspielern geführt. Ich werde ein Auge darauf haben, wie unsere Spieler mit Provokationen umgehen. Auch auf sie wächst der Druck und die Aufmerksamkeit.

Der Erfolg bei der WM hängt stark davon ab, ob die Spieler dem Bundestrainer und seiner Philosophie vertrauen. Sehen Sie die Gefahr, daß durch die Kritik an Ihrer Arbeitsweise und Ihrem Verhalten bei den Spielern Zweifel aufkommen?

Es gibt keinen Zweifel in der Mannschaft. Alle Spieler wissen genau, was wir von ihnen verlangen. Natürlich dürfen wir jetzt in den Länderspielen während der laufenden Saison die Meßlatte nicht so hoch hängen. Niederlagen wie gegen Italien müssen wir schlucken, auch wenn das nicht alle einsehen wollen. Für uns ist das eine ganz normale Angelegenheit.

Wird die Mannschaft noch zusätzliche Testspiele einschieben bis zur WM, um stabiler zu werden?

Es ist gut möglich, daß wir während unseres Trainingslagers im Mai in Genf noch ein Testspiel absolvieren werden. Wir suchen nach einer Lösung mit einem leichten Gegner, um nicht wegen des Spiels die Trainingsintensität herunterfahren zu müssen. Unser Timing ist auf das Eröffnungsspiel am 9. Juni ausgerichtet, und es geht nicht darum, am 27. Mai ein tolles Länderspiel zu zeigen.

Vielleicht aber am kommenden Mittwoch gegen die Vereinigten Staaten?

Das liegt an der Mannschaft. Sie hat gehörig auf die Ohren bekommen. Sie steht in der Verantwortung. Die Spieler sind in der Bringschuld - aber nur, was Engagement, Aufopferungsbereitschaft und Elan betrifft. Wir erwarten nicht, daß die Mannschaft das Spiel mit zwei, drei oder vier Toren Unterschied gewinnt.

Das ist die sportliche Seite - die Begegnung in Dortmund aber hat doch nach den Diskussionen auch für Sie eine weitaus größere Bedeutung?

Ich kann nur meine Linie weiterverfolgen. Unser Glaube wird nicht dadurch getrübt, daß es uns zehn Tage kräftig um die Ohren bläst. Das gehört mit zu diesem Hype einer WM im eigenen Lande.

Bayern-Manager Uli Hoeneß sagt bei einer Niederlage gegen die Vereinigten Staaten eine "Riesendiskussion" um Sie voraus. Wären Sie Bundesligatrainer, würden Sie gefragt werden, ob Sie noch das Vertrauen des Präsidiums spüren.

Wir als Führungsteam der Nationalmannschaft machen einen sehr konsequenten Job und haben immer betont, daß unsere Art des Vorgehens sehr vom Risiko geprägt ist. Wie gegen Italien geht es eben auch mal daneben. Wir bekommen deshalb keine kalten Füße. Ob das Vertrauen zu uns noch da ist, müßten sie die Herren im Präsidium fragen. Wir lassen uns von unserem Stil nicht abbringen. Denn wir wissen, daß er der einzig mögliche Weg ist, um Erfolg bei der WM zu haben.

In der Bundesliga sind es noch acht Spiele bis Saisonschluß. Braucht es in der Torwartfrage noch Informationen zur Entscheidung - oder ist die Entscheidung schon gefallen und wird nur nicht mitgeteilt?

Die Frage wird noch während der Bundesligasaison beantwortet, also bevor die Mannschaft in die WM-Vorbereitung geht. Und bis dahin werden wir Informationen aufnehmen. Egal, wie wir uns entscheiden werden - wir werden Contra bekommen. Das ist so, als müßte sich Brasilien zwischen Ronaldo und Adriano entscheiden.

Wie werden Sie mit dem Verlierer umgehen?

Wir können nur abwarten, wie dann die Entscheidung der Nummer zwei ausfallen wird. Deswegen kommt die Entscheidung auch vor Bundesligaschluß, daß die Nummer zwei überlegen kann, wie sie mit der Situation umgeht. Sie muß in sich gehen können. Wir können uns da nicht in sie hineinversetzen. Das muß die Nummer zwei alleine mit sich ausmachen. Deswegen geben wir ihr Zeit dafür. Das gebietet die Fairness.

Sie sagen immer, Sie würden bei allem Gegenwind Ihren Job als Bundestrainer durchziehen. Joachim Löw aber gibt zu, daß sich die sportliche Leitung der Nationalmannschaft mit Themen befassen mußte, mit denen sie sich nie befassen wollte. Welchen Einfluß haben die Diskussionen auf Ihre Arbeit?

Sie hatten keinen Einfluß auf die Arbeit mit der Mannschaft, aber natürlich Einfluß auf unsere generelle Arbeit. Wir mußten uns für Dinge rechtfertigen, von denen wir nie dachten, daß wir uns dafür rechtfertigen müssen. Uns wird es jetzt aber leichter fallen, klare Linien zu ziehen in der direkten Vorbereitung auf die WM. Es wird weniger Energie in die Medienarbeit fließen. Am wichtigsten sind die Spieler, wir müssen unsere Prioritäten setzen und aus unseren Erfahrungen lernen. Denn wie jede Weltmeisterschaft gezeigt hat: Wir in Deutschland reden uns erst in Grund und Boden, mit dem ersten oder zweiten Sieg im Turnier wollen dann alle wieder auf den Zug nach oben springen.

Mit welchen Schlagzeilen rechnen Sie denn noch?

Wir wissen um unseren Plan und wie wir unsere Arbeit machen. Unabhängig vom Tohuwabohu draußen.

Tun Sie doch nicht so gelassen.

Es macht mir keinen Spaß, den Flughafen über einen Hinterausgang zu verlassen und die eigene Mutter beim Weg zum Bahnhof von einer Sicherheitskraft begleiten lassen zu müssen. Ich bin auch nur ein Mensch, mit Familienangehörigen, die da hineingezogen werden. Aber das sind die Begleiterscheinungen, die dieser Job mit sich bringt. Ich nehme sie in Kauf, weil ich in der Verantwortung für meine Mannschaft stehe. Aber ich mache mir aus negativen Schlagzeilen oder Kommentaren nicht lange einen Kopf. Ich ärgere mich zwar und sage mir: Das hättest du besser machen können, das war blöd von dir. Im Kanzleramt am Mittwoch war auch so ein Moment, als auf einmal die Kameras liefen und ich im Kopf auf die Situation nicht richtig vorbereitet war. Da habe ich meine eigenen Erwartungen nicht erfüllt, weil ich überrascht wurde. Auch bei der Pressekonferenz in Frankfurt nach dem Italien-Spiel hat meine Körpersprache nicht gestimmt. Da ärgere ich mich drüber, das war's dann aber auch. Ich kann schnell abhaken.

Wenn Sie die Mechanismen kennen, weshalb haben Sie dann so viel Angriffsfläche geboten mit der Absage beim Fifa-Workshop?

Die Kritik ist berechtigt. Der Fehler mit dem Nichterscheinen beim WM-Workshop hat mich nicht glücklich gemacht. Aber man begeht Fehler, wenn man viele Dinge anders und aus einer anderen Perspektive angeht. Fehler mache ich wie ein Spieler auf dem Platz. Das habe ich auch Franz Beckenbauer gesagt. Aber letztlich ist es wichtig zu wissen, wo ich hinwill mit meinem Team.

Resultiert aus diesen Erkenntnissen, daß Sie sich öfter in Deutschland aufhalten wollen?

Ich habe meinen Lebensschwerpunkt seit Ende Januar getauscht. Ich bin seither meistens in Deutschland und weniger in den Vereinigten Staaten. Das habe ich aber auch von Anfang an gesagt, daß das in den letzten Monaten vor der WM so sein wird. Nur, öffentlich machen werde ich meinen Terminkalender nicht. Der geht niemanden etwas an. Ich habe die Auffassung, daß ich nicht unbedingt öffentlich begleitet werden muß in meinem Alltag. Ich muß nicht unbedingt aus dem Flugzeug herauskommen und vor Kameras stehen. Auch wenn die Rolle als Bundestrainer Verpflichtungen mit sich bringt und im Hinblick auf die WM sehr wichtig ist, bleibe ich bei meiner Botschaft: Ich bin ein ganz normaler Mensch und will ein ganz normaler Mensch bleiben.

Wer soll das glauben?

Das ist mir egal. So bin ich. Ich suche nicht das Rampenlicht.

Warum aber werden Ihnen keine Fehler verziehen - nicht von Beckenbauer, nicht von Netzer, nicht von „Bild“?

Ich bin nicht so angepaßt, wie manche sich das erhoffen. Ich lasse mich nicht kaufen. Wenn man andere Wege geht und versucht, etwas zu bewegen, dann erntet man auch Neid oder Mißgunst.

Wieviel Kraft kostet es, nicht angepaßt zu sein?

Es kostet Kraft. Aber ich verfüge mit unserem Betreuerteam der Nationalmannschaft und meiner Familie über ein enormes Energiefeld. Mir reichen auch nur zwei Tage in Kalifornien, um wieder voll fit zu sein. Meine Familie ist meine wichtigste Energiequelle, und daß ich Dinge schnell abhaken kann, hängt eben auch mit meinem Wohnort zusammen. Ich habe aber auch zu Zeiten, als alles Sonnenschein war, gesagt, daß für mich dieses Wechselspiel ein Riesenvorteil ist.

Wenn es nach einigen Politikern in der Fußballrepublik Deutschland gegangen wäre, sollten Sie zum Rapport beim Sportausschuß des Bundestags bestellt werden.

Man findet immer irgendwelche Leute, die einen Spruch und eine Provokation auf Lager haben. Bei jeder Kleinigkeit, die wir tun, werden doch 18 Bundesligatrainer abtelefoniert. Einer, der gerade auf dem falschen Fuß erwischt wird, oder einer, der dich nicht so mag - der wird dann medial transportiert. Die sechzehn, siebzehn, die auf unserer Seite sind und mit denen die Kommunikation supergut läuft, werden nicht zitiert. Und so ähnlich läuft das auch mit den Politikern, wenn einer unbedingt in die Zeitung will und sein Geltungsbedürfnis groß ist.

CSU-Landesgruppenchef Ramsauer vermutete, daß Sie nicht so oft in Deutschland sein wollten, weil Sie Steuern sparen wollten.

Solche Dinge kosten Energie, keine Frage. Aber man muß die Mechanismen dahinter beleuchten. Und wir kennen sie. Ich überlege dann nur noch, ob ich die Sache meinem Anwalt gebe.

Haben Sie in diesem Fall Ihren Anwalt beauftragt?

Ja, das habe ich. Er hat geprüft, wird aber nicht tätig. Es ist wichtig für mich, daß ich ein Team im Hintergrund habe, daß in diesen Fällen loslegen kann. Ich habe dann den Kopf für meine Arbeit frei. Wenn einer glaubt, mich beleidigen zu müssen oder Dinge über mich erfindet, wird er diese Leute kennenlernen. Es ist schade, daß es so sein muß. Zur Steuerfrage: Ich zahle mehr Steuern als jeder andere. Ich muß nämlich auch noch eine kalifornische Steuer zahlen. Der Bundesstaat Kalifornien erkennt nämlich nicht an, daß ich mein in Deutschland erzieltes Einkommen schon hier versteuere.

„Wir müssen alle Gewohnheiten und Rituale hinterfragen. Und zwar andauernd - nicht nur im Fußball. Reform ist kein Prozeß, der in Episoden stattfindet. Die Reform muß zu einem permanenten Zustand werden. Nicht nur vor der Weltmeisterschaft - auch danach.“ Diese Sätze stammen von Ihnen aus dem Sommer. Sind Sie jetzt noch Reformer oder nur noch Bundestrainer?

Ich sehe mich nicht als Reformer. Wir wollen etwas bewegen und Dinge anstoßen, die schon lange überfällig waren. Es geht um Komponenten wie Fitness, individualisierte Betreuung von Spielern, Sportpsychologie, von der Sportwissenschaft lernen, ein Netzwerk an Spezialisten aufbauen. Und darum, eine Spielphilosophie für den deutschen Fußball aufzubauen, wie sie die Holländer etabliert haben. Dieser Prozeß muß langfristig laufen - unabhängig, wie der Bundestrainer heißt. Der DFB steht da in der Pflicht. Er hat dieses Ziel abgesegnet. Matthias Sammer muß da als Sportdirektor eine zentrale Rolle spielen.

Veränderungen brauchen in Deutschland aber einen Motor.

Die Philosophie ist wichtiger als die Person, die an der Spitze steht. Ajax Amsterdam würde nie einen Trainer verpflichten, der Konterfußball oder Catenaccio spielt. Es könnte der beste Trainer der Welt sein. Ajax würde ihn nie holen.

Sie haben unlängst gesagt, es läge nicht nur alleine am Erfolg bei der WM, ob Sie als Bundestrainer weitermachen, sondern auch daran, wie die Zeit bis dahin verläuft. So wie es derzeit aussieht, dürfte das Kapitel Bundestrainer nach der WM beendet sein.

Wie es weitergeht, entscheidet sich erst nach der WM. Ich versuche, immer wieder einzuschätzen, was von außen gesteuert ist - und wie intern inhaltlich gearbeitet wird.

Paul Kirchhof wollte das Steuersystem radikal reformieren. Er endete in der Politik als „Professor aus Heidelberg“. Fürchten Sie, ruhmlos als „Bundestrainer aus Kalifornien“ in die deutsche Fußball-Geschichte einzugehen?

An der Uni werde ich keinen Lehrstuhl mehr bekommen. Aber ich würde schon gerne mit Franz gleichziehen. Er soll nicht der einzige Deutsche bleiben, der als Spieler und Trainer Weltmeister geworden ist - und beide aus dem Ausland. Er von den Bergen Österreichs - und ich von der Pazifikküste Amerikas.

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.2006, Nr. 11 / Seite 17
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