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Hintergrund Entscheidende Runde im Psychoduell Kahn gegen Lehmann

22.03.2006 ·  Für Oliver Kahn spricht die Erfahrung, für Jens Lehmann die Statistik - und beide rechnen damit, bei der WM im Tor der Nationalelf zu stehen. „Ich beschäftige mich nur mit mir selbst und blende alles andere aus“, sagt Kahn vor dem Länderspiel gegen Amerika.

Von Michael Ashelm, Düsseldorf
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Ach, da war doch was. "Wenn die Entwicklung bei mir so weitergeht, brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Dann bleiben die Dinge so, wie sie sind", sagt Oliver Kahn. Geradewegs vom Friseur kam der Torwart der Nationalmannschaft, als symbolisierten die geschnittenen, frisch frisierten Haare seine ungebrochene Angriffslust, mit der er sich das Traumziel dieses besonderen Fußballjahres sichern wollte. Der Zweikampf lebt.

Das Duell von Kahn und Jens Lehmann war zwischenzeitlich in den Hintergrund geraten durch die kritischen Diskussionen um Qualität und Führungsstil der Nationalmannschaft. Den Freunden dramatischer Zuspitzungen sei aber zur Beruhigung gesagt: Der Wettbewerb oder besser Wettstreit zwischen den beiden manchmal eigentümlichen Torwart-Ikonen läuft weiter auf einem unvermindert hohen Niveau.

Kahn kontert mit spitzer Zunge

Als Kahn bei der vergangenen Weltmeisterschaft 2002 sein 50. Länderspiel für die deutsche Nationalelf gegen die Auswahl der Vereinigten Staaten bestritt, machte er das auf herausragende Art und Weise. Könnte es gegen diesen Gegner am Mittwoch ausgerechnet sein letztes sein, weil bis zur Entscheidung Klinsmanns wohl keine Testbegegnungen mehr ausgetragen werden? "Das sind nicht meine Überlegungen. Das ist nicht mein Thema", konterte der Münchner mit spitzer Zunge.

Jürgen Klinsmann hatte die Langzeitdebatte am Wochenende mit seiner Spekulation in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung belebt, wonach er nicht ausschließen könne, daß der Verlierer im Werben um den WM-Job im deutschen Tor aus tiefer Enttäuschung seinen sofortigen Ausstieg bekanntgeben könnte. Dann wäre Timo Hildebrand der Ersatzmann für den Sommer. "Wir können nur abwarten, wie dann die Entscheidung der Nummer zwei ausfallen wird. Deswegen kommt die Entscheidung auch vor Bundesligaschluß, so daß die Nummer zwei überlegen kann, wie sie mit der Situation umgeht."

Lobbyarbeit aus der Tiefe des Raumes

Auf Geheiß des Bundestrainers, der sich aus der Hängepartie mehr Leistungsstärke bei den drahtigen Fußball-Oldies verspricht, belauern sich die 36 Jahre alten Konkurrenten nun seit zwanzig Monaten. Seit längerer Zeit stehen sie diesmal gegen die Vereinigten Staaten mal wieder zusammen im Kader der Nationalelf; Kahn wird plangemäß den Vorzug im Spiel bekommen. Ihre Arbeitseinstellung zueinander sei "professionell und zwischenmenschlich ohne Probleme", wie Joachim Löw, der Assistent des Bundestrainers, findet. Mehr aber auch nicht. Das Psychoduell geht in die letzte, entscheidende Runde.

Aus der Tiefe des Raumes wird das Streitthema, ob durch Lobbyarbeit einzelner Interessenvertreter wie des FC Bayern oder angebliche Medienenthüllungen, die zuletzt über Klinsmanns längst gefällte Entscheidung pro Lehmann spekulierten, immer wieder befeuert.

Ballacks Votum für Kahn

Der Kapitän der Nationalmannschaft und Münchner Gefährte Kahns gab gestern sein Votum ab, das einen vor dem Spiel in Dortmund besonders ärgern wird. "Ich rechne nicht mit Überraschungen und sehe das wie Oliver sehr entspannt", sagte Michael Ballack und erklärte seinen Denkansatz: "Ich gehe davon aus, daß Oliver noch die Nummer eins ist und Jens Lehmann wie noch kein anderer zweiter Torwart die Chance bekommen hat, sich auszuzeichnen." Bums. Deutlicher geht's nicht.

Hier Kahn, dem vor allem der Erfahrungsschatz vergangener Turniere zugute gehalten wird - der Bonus des Titans. Dort Lehmann, der sich in der englischen Premier League jede Woche gegen offensive Weltklassespieler behaupten muß und sich nach anfänglichen Schwierigkeiten einen Namen gemacht hat in der schnellsten Liga der Welt. "Was die Technik betrifft, da kann ich alles", sagte dieser in einem Interview.

Lehmann glaubt der guten Statistik

Die beiden Duellanten bewahren zwar bis jetzt öffentliche Contenance, lassen aber keine Möglichkeit aus, den Herausforderer zumindest verbal ein wenig von hinten heraus zu piesacken. "Ich glaube an Statistiken. Sie sagen viel über den wahren Leistungsstand aus", sagte Lehmann unlängst. Aus gutem Grunde sieht sich der Mann von Arsenal London, der vier Turniere bei der Nationalmannschaft auf der Bank gesessen hatte, in Sachen Zahlenspiel vorne. In elf Spielen unter Klinsmann erhielt er 14 Gegentreffer. Das ist ein Durchschnitt von 1,3 Gegentoren pro DFB-Partie. In ebenso vielen Partien mußte Kahn 17 Tore hinnehmen, ein Schnitt von 1,5. Der Münchner Torwart dürfte nachträglich beruhigt gewesen sein, daß er wegen einer Verletzung im Italien-Spiel als Nummer eins passen mußte, als der eingesprungene Lehmann die Vierer-Packung gegen sich erhielt und sich sein Schnitt von einem Gegentor pro Spiel auf den Wert von 1,3 verschlechterte.

Kahn zeigt Selbstbewußtsein. Der Druck des Rivalen und des immer näher rückenden Tages der Wahrheit belaste ihn überhaupt nicht. "Mir wurde gesagt, daß ich die Nummer eins bin und Jens der Herausforderer ist", wiederholte der Münchner gestern. "Ich beschäftige mich nur mit mir selbst und blende alles andere aus." Mal sehen, ob das reicht. Daß die Abwehr in Dortmund hundertprozentig steht, ist diesmal auch in seinem höchsten Interesse.

Quelle: F.A.Z. vom 22. März 2006
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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