09.06.2006 · Definitiv ohne Michael Ballack bestreitet die deutsche Fußball-Nationalelf das WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica. Bundestrainer Klinsmann entschied sich gegen einen Einsatz des Kapitäns, der sich nach seiner Wadenverletzung überraschend wieder beschwerdefrei gemeldet hatte.
Ohne Michael Ballack bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Abend in München das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft gegen Costa Rica. Bundestrainer Jürgen Klinsmann entschied sich am Freitag nachmittag gegen einen Einsatz des Kapitäns, der sich am späten Donnerstag abend nach seiner Wadenverletzung überraschend wieder beschwerdefrei und einsatzbereit gemeldet hatte.
Die Position von Ballack im deutschen Mittelfeld nimmt der Bremer Tim Borowski ein. Ballack gehört ebenso wie der angeschlagene Ersatztorhüter Timo Hildebrand und der gesperrte Angreifer Mike Hanke gar nicht dem deutschen Kader für das WM-Auftaktspiel an. Der künftige Chelsea-Spieler wurde dem Weltverband Fifa offiziell als verletzt gemeldet. „Das Risiko ist zu groß“, hieß es zur Begründung aus der medizinischen Abteilung des Deutschen Fußball-Bundes.
Im übrigen vertraut Klinsmann jener Elf, die das letzte Testspiel vor der WM in Mönchengladbach mit 3:0 gegen Kolumbien gewonnen hatte, Kapitän ist der Leverkusener Bernd Schneider. Costa Rica kann das WM-Auftaktspiel in Bestbesetzung bestreiten. Auch die am Donnerstag wegen angeblicher Verletzungen noch fraglichen Stammspieler Mauricio Solis, Gilberto Martinez und Torhüter Jose Porras sind einsatzbereit.
„Er muß doppelt so viel arbeiten.“
Die überraschende nächtliche Genesung des Mittelfeldstars brachte den Bundestrainer in eine Zwickmühle. Denn Klinsmann hatte seinem Führungsspieler tags zuvor die erforderliche Turnier-Fitness nach einer Wadenverletzung abgesprochen und für den Star zunächst Extraschichten im Training angekündigt: „Er muß doppelt so viel arbeiten.“
Klinsmann sah sich urplötzlich mit grundsätzlichen Fragen und sensiblen Entscheidungen konfrontiert: Sollte er der Forderung von Ballack („Ich will spielen“) nachgeben? Oder sollte er auch bei seinem wichtigsten Spieler seiner Linie treu bleiben, mit Rücksicht auf den weiteren Turnierverlauf kein Risiko einzugehen? Und ganz grundsätzlich: Konnte er im Fall des eigentlich unverzichtbaren Ballack eine Ausnahme von seinem Fitness-Prinzip machen und den 29jährigen trotz einer einwöchigen Trainingspause aufstellen?
„Dann ist die WM für ihn gelaufen“
Die Problematik beschrieb auch Franz Beckenbauer am Freitag: „Wadenverletzungen sind gefährlich. Man muß sehr vorsichtig sein. Wenn ihm jetzt etwas passiert, ist die WM für ihn gelaufen“, gab der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft zu Bedenken. Im Münchner DFB-Quartier wurde jedenfalls heiß diskutiert. Bundestrainer und Kapitän müssen aufpassen, daß die von einem vermeintlich harmlosen Bluterguß ausgelöste Belastungsprobe für die Nationalmannschaft nicht in einen Machtkampf mündet. „Das Turnier hat noch nicht begonnen - und schon gibt es Ärger“, bemerkte schließlich Ballack selbst in Bezug auf den Wirbel um seine im Testspiel gegen Kolumbien erlittene Blessur.
Das Muskelspiel um die „Wade der Nation“ offenbarte, daß Klinsmann und Ballack zwar eine permanente Kommunikation pflegen, aber anscheinend nicht so sehr über entscheidende Dinge miteinander reden. Zudem liegen sie inhaltlich nicht immer auf einer Wellenlänge. Das trat deutlicher als jemals zuvor zu Tage, als Ballack vor der WM-Generalprobe gegen Kolumbien einen Warnruf an Klinsmann startete und eine Korrektur des offensiven HurrasStils einforderte. „Der Bundestrainer weiß, wie ich und einige andere denken“, sagte Ballack, der sich nach dem 3:0-Sieg gegen Kolumbien bestätigt fühlen durfte.
„Gutes Verhältnis“
Klinsmann sagte während der WM-Vorbereitung über sein Verhältnis zu seinem Anführer: „Die Kommunikation mit dem Kapitän ist permanent da. Er ist in den gesamten Prozeß eingebunden.“ Ballack wiederum sprach noch im Regenerations-Trainingslager auf Sardinien ebenfalls von einem „guten Verhältnis“ zum Bundestrainer, der ihn schließlich gleich zu Beginn seiner Amtszeit im August 2004 befördert hatte. „Er hat mich zum Kapitän gemacht. Das war ich vorher nicht und das zeigt, daß er großes Vertrauen in mich hat. Das will ich bei der WM zurückzahlen“, sagte Ballack.
„Wir sprechen sehr viel miteinander“, ergänzte der erfahrenste deutsche WM-Feldspieler. Allerdings wurde sogar der Kapitän beispielsweise am Tag der WM-Nominierung von der unerwarteten Ausbootung Kevin Kuranyis sowie der sensationellen Berufung des Dortmunders David Odonkor überrascht. „Nein, das wußte ich nicht“, mußte Ballack zugeben, als er vor dreieinhalb Wochen in London bei der Vorstellung als Neuzugang des FC Chelsea mit den Nachrichten aus Berlin konfrontiert wurde.
Besondere Verantwortung
Unbestritten ist: Ballack ist der einzige Spieler im deutschen Kader, der sich auch öffentlich kritisch mit Entscheidungen und dem Kurs des Bundestrainers auseinander setzen darf. Das sieht der Star des Teams - zumal nach der geschwächten Position seines Vorgängers Oliver Kahn - auch als seine Aufgabe an. „Wenn jeder seine Meinung nach Außen kund tut, haben wir ein Chaos“, bemerkte Ballack, der betonte: „Das Kapitänsamt ist eine besondere Verantwortung.“
Um seine Ausnahmestellung wahrnehmen zu können, muß er aber auch auf dem Platz stehen. Nachdem Klinsmann dies für das WM-Auftaktspiel aus Fitnessgründen in Frage gestellt hatte, ging Ballack noch in der Nacht vor dem WM-Anpfiff in die Offensive. Die Botschaft, er sei nun doch beschwerdefrei und einsatzbereit, übermittelte er nicht nur im Hotel dem Bundestrainer, sondern er ließ sie offenbar über Vertraute auch außerhalb verbreiten.
Klinsmann, aufgepaßt!
gisbert heimes (gisbert4)
- 09.06.2006, 10:59 Uhr
Wer mit dem Wolf tanzt
Holger Hoeffgen (JochenMohl)
- 09.06.2006, 17:27 Uhr