28.03.2006 · Die Torwartfrage: seit zwanzig Monaten ein deutsches Fußball-Thema, fast so wichtig wie die Wohnsitzfrage. Jens Lehmann suchte darin lange die verbale Offensive. Nun schweigt er lieber. Schließlich hat er noch die Chance, Taten sprechen zu lassen.
Von Christian EichlerDie Torwartfrage: seit zwanzig Monaten ein deutsches Thema, fast so wichtig wie die Wohnsitzfrage. Jens Lehmann suchte darin lange die verbale Offensive. Nun schweigt er lieber. Schließlich hat er noch die Chance, Taten sprechen zu lassen. Ihm bleibt anders als Oliver Kahn eine große Bühne, auf der er bei Jürgen Klinsmann und Fußball-Deutschland punkten kann: die Champions League.
Sechsmal nacheinander ist er darin mit dem FC Arsenal London ohne Gegentor geblieben. Und das, nach Ausfall der Stammverteidiger Campbell, Lauren, Cole, mit einer jungen Ersatz-Abwehr. Noch ein "zu null" diesen Dienstag gegen Juventus Turin, und Lehmann hätte den Champions-League-Rekord von Dida (AC Mailand) eingestellt. Er will nichts davon wissen: "Von einem Rekord zu reden, heißt, daß man ihn nie erreicht." Schweigen ist Silber, Halten ist Gold - die neue Linie des Jens Lehmann.
Klinsmann macht beiden Beine
Klinsmann wurde für sein Offenhalten der Torwartfrage viel gescholten. Einer der deutschen Fußballglaubenssätze fordert, dem Torhüter einen Stammplatz zu garantieren, ihn vom internen Wettkampf fernzuhalten, um ihn sicher zu machen. Klinsmann tat das Gegenteil - und lag richtig. Der Konkurrenzkampf hat beiden Konkurrenten Beine gemacht. Kahn hält besser als letzte Saison. Lehmann hält so gut wie nie.
"Ich habe mich während meiner Karriere jedes Jahr verbessert", sagt er. Die englische Presse feierte seinen "Heroismus" beim 1:0 und 0:0 gegen Real Madrid, vor allem die "Wunderparade" im Rückwärtsfliegen gegen Raul. Die besten Chancen von Ronaldo oder Beckham verhinderte er durch schnelles Denken und mutiges Attackieren schon bei der Ballannahme. Und in der Nachspielzeit des Rückspiels demonstrierte Lehmann den größten Stilunterschied zu Kahn. Während der Bayern-Rivale am selben Abend drei von vier Gegentoren in Mailand per Kopfball aus dem Fünfmeterraum kassierte, fischte Lehmann einen Eckball vor dem nach vorn geeilten Real-Torwart Casillas nahe der Strafraumgrenze, 15 Meter von seiner Linie entfernt, aus der Luft. So wurde er fast zum Torvorbereiter. Pires, dem er den Ball zuwarf, schoß aufs verwaiste Real-Tor und scheiterte nur knapp.
Ein Torwart, der das Risiko nicht scheut
Lehmann nennt das seinen "riskanten Stil". Als er vor drei Jahren nach England kam, "fanden das nicht alle Fans gut. Jetzt spiele ich immer noch genauso, aber es scheint besser zu funktionieren". Riskant daran ist vor allem die Möglichkeit, als Torwart schlecht auszusehen. Wer auf der Linie klebt, macht optisch den besseren Eindruck, weil Paraden dort meist spektakulär aussehen und Gegentore unhaltbar. Wertvoller fürs Team ist oft der Torwart, der riskiert, auch mal schlecht auszusehen.
In England schwimmt Lehmann auf der Welle der Anerkennung. Er hat die Ruhe und das Timing für das hohe englische Tempo gefunden. Deshalb gibt es für ihn auch ein Leben nach der WM - und nach der Torwartfrage. Bei Arsenal steht er vor Verlängerung seines Vertrages. "Ich liebe den Klub und die Leidenschaft der Fans", sagte er vor einigen Wochen. "Ich genieße London. Meine Kinder mögen die Schule hier. Es wäre ein Fehler zu gehen."
Wer aber ist nun besser?
In England glauben die Experten, er habe Kahn längst abgehängt. In Deutschland glauben dagegen viele, Klinsmann könne es sich gegen die Bayern-Macht gar nicht erlauben, Lehmann zu wählen. Doch als Spieler erlebte Klinsmann Turnierpleiten, bei denen man zu lange an einem verdienten Torwart festgehalten hatte. Als Hauptgrund fürs WM-Scheitern 1994 nannte Berti Vogts später sein Festhalten an Bodo Illgner, dem Weltmeister von 1990. Andreas Köpke war damals schon besser, durfte aber erst bei der EM 1996 ins Tor; und dann, als Kompensation für 1994, auch 1998, obwohl da Kahn schon besser war - eine Kettenreaktion von Fehlentscheidungen, die dem starren deutschen Denken in der Torhüterfrage geschuldet war: Alte Verdienste schlagen aktuelle Leistung. Diesen Kreislauf will Klinsmann gewiß nicht fortsetzen.
In der Saisonstatistik stehen beide etwa gleich da: Kahn mit 20 Gegentoren in 27 Ligaspielen (11 zu null), Lehmann mit 23 in 30 (14 zu null). Während aber die Bayern mit Lucio und Ismael die beste Innenverteidigung der Bundesliga abstellen, mußte Lehmann die Quoten mit einer Hilfsabwehr erzielen.
Eindeutig für den "Engländer" spricht die Champions League: null Gegentore in den letzten sechs Spielen (Kahn: neun). Und während der Bayer sich in der Notenrangliste der Fachzeitschrift "Kicker" auf Platz elf der Bundesliga findet, schlug die englische Sonntagszeitung "Observer" vor zwei Wochen Jens Lehmann für die Wahl zum "Spieler des Jahres" in England vor. Das Blatt führt ihn als Favorit vor zwei Engländern, Chelsea-Kapitän John Terry und dem Liverpooler Jamie Carragher. Sollte er die Wahl tatsächlich gewinnen, er wäre erst der dritte Deutsche, dem das gelänge. Der erste war 1956 der Torwart Bert Trautmann. Der zweite, 1995, ein gewisser Jürgen Klinsmann.
Endlich mal pro Lehmann!
Christian Erb (schukow)
- 28.03.2006, 14:21 Uhr
Spielende Torhüter
gisbert heimes (gisbert4)
- 28.03.2006, 17:50 Uhr
Sportlich und persönlich gute Entwicklung
Martin Rohland (Banker1984)
- 29.03.2006, 12:22 Uhr