06.04.2006 · Den Bundestrainer überzeugt, in der „T“-Frage gepunktet und Geschichte geschrieben - aber auf Siegerposen verzichtete Jens Lehmann nach dem Triumph gegen Juve. Seinem Traum vom Platz im deutschen Tor bei der WM ist der Keeper wohl wieder näher gekommen.
Von Dirk Schümer, VenedigWas muß ein Torwart mitbringen, um in Europas Meisterklasse kein Gegentor zu kassieren? Jens Lehmann kennt nach dem achten Spiel, in dem Arsenal London keinen Treffer zuließ, die Antwort: zunächst einmal eine hervorragende Abwehr, wie die torlose Partie der Londoner bei Juventus Turin überdeutlich vorführte.
Da dauerte es nämlich geschlagene 68 Minuten, bis der vermeintliche Weltklassesturm mit Ibrahimovic, Trezeguet und Nedved überhaupt einen Schuß auf Lehmanns Tor abgeben konnte. Wenn die Vorderleute, die zuweilen in einer dichten Sechserkette den Turinern den Weg verstellten, derart konzentriert zu Werke gehen, hat es ein Torhüter nicht schwer, die Null zu halten.
Weiter im Rampenlicht
Während „Jenius“ Lehmann („The Sun“) Lehmann nach zwei guten Paraden in Italien überaus freundliche Kritiken erntete, blieb den gefrusteten Tifosi nichts anderes übrig, als Gigi Buffon im Turiner Tor zu feiern. Der hatte nämlich keine vergleichbar souveränen Abwehrleute vor sich und mußte - beispielsweise bei einem Vorstoß von Henry - Kopf, Kragen und Rippen riskieren, um seinen Kasten sauberzuhalten. Nur bei schwachen Feldspielern wird der Torwart zum besten Mann. Nach der 0:2-Niederlage Turins in London vor einer Woche war Buffons Klasse freilich nicht genug. Jens Lehmann, der nach dem Spiel von den mitgereisten Fans mit Sprechchören gefeiert wurde, erklärte im Interview den großen Stellenwert der ersten Halbfinal-Teilnahme seiner „Gunners“: „Es wurde auch Zeit.“
Champions League: „Jenius“ Lehmann genießt still und leise
Befragt, ob die makellose Bilanz in der Champions League unter den Augen der Bundestrainer Klinsmann und Löw direkte Auswirkungen auf die Besetzung des deutschen Torwartpostens bei der Weltmeisterschaft haben dürfte, setzte der gebürtige Essener noch einen Akzent drauf: „Ich wäre sehr überrascht, wenn ich nicht spielen würde.“ Immerhin hat er seinem Rivalen Oliver Kahn nun schon eine Runde im Rampenlicht der Champions League voraus, und es werden, zuerst einmal gegen den Außenseiter Villarreal, noch mindestens zwei Spiele hinzukommen. In der zweiten Vorschlußrundenpartie stehen sich der AC Mailand und der FC Barcelona gegenüber (18. und 26. April). „Barca“ mußte trotz des 2:0 in der zweiten Partie gegen Benfica Lissabon (Hinspiel: 0:0) lange zittern, ehe Samuel Eto'o (89.) für die Entscheidung zu Gunsten der Katalanen sorgte. Das Endspiel findet am 17. Mai im Pariser Stade de France statt.
Gegen Juve glänzte Lehmann, als Organisator seiner jungen, couragierten Abwehr weit vorne aufgestellt, in zwei nicht überaus brenzligen Situationen: Er wehrte nach 70 Minuten einen unplazierten Gewaltschuß von Nedved mit den Fäusten ab, und er fuhr bei einem abgefälschten Schuß von Ibrahimovic nur cool den Arm aus wie einen Tentakel und pflückte den Ball.
Im Ensemble liegt der Unterschied
Italiens Sportpresse, die das Team von Juventus mit Fug und Recht als einfallslos und körperlich unterlegen abtat, war von Lehmanns stoischer Unbezwingbarkeit regelrecht überrascht. „Er galt als Arsenals Schwachpunkt“, so die „Gazzetta dello Sport“, „nur hat man heute nichts davon gemerkt.“ Noch unvergessen sind in Italien die vier Gegentore, die Lehmann mit der deutschen Nationalelf in Florenz kassierte. Im Ensemble liegt allerdings der Unterschied: Während Lehmann damals eine bis zur Naivität desorientierte Viererkette deutscher Nachwuchsverteidiger vor sich hatte, war in Turin auf die eingespielte Schnelligkeit von internationalen Jungstars wie Senderos, Toure und Eboue Verlaß. Vor allem Gilberto bot vor der Abwehr eine monumentale Leistung, ansonsten reichte die Ausgebufftheit, die Turiner Schablonenkicker ein gutes dutzendmal ins Abseits laufen zu lassen.
Am Ende stand bei den vergeblich rochierenden Ibrahimovic und Trezeguet die pure Resignation, und Nedved war von der Überlegenheit Arsenals derart angefressen, daß er nach zwei Frustfouls seinen Platzverweis nach 77 Minuten förmlich erzwang. Damit war alles entschieden. Was für die Turiner in der aufgeblähten Serie A gegen überforderte Gegner wie Empoli oder Chievo meist an Aufwand reicht, war an Lehmanns variabler Abwehrwand förmlich abgeprallt. Hier zeigt sich, wie die wöchentliche Konkurrenz in der schnellen und athletischen „Premier League“ Arsenal den nötigen Halt verleiht - auch dies ein Auslesekriterium, das stark für Jens Lehmann spricht.
Wie ein Elder Statesman
Den Vorwurf, sein Münchner Rivale Kahn stehe im Torwart-Fernduell unter „übermenschlichem Druck“, konterte Lehmann mit Hinweis auf seinen starken Ersatzmann Almunia: „Der Druck hier bei Arsenal ist unvergleichlich.“ A propos Druck: Lehmann muß nun - von Schiedsrichtern einmal abgesehen - als einziger deutscher Profi in der Schlußphase der Königsklasse sein Können beweisen, während an seinen Abwehrkollegen in der deutschen Nationalmannschaft keinerlei internationales Interesse besteht.
Die globale Neugier scheint Lehmann aber durchaus zu behagen: „Ich bin alt genug, um nicht mehr glänzen zu müssen.“ Die Übersetzung dieser Weisheit eines Elder Statesman lautet: Wer nicht viel aufs Tor bekommt, kann auch nicht viel verkehrt machen. Hinterher zeigten die Londoner dann, wie sehr sich gestandene Profis auch über ein glanzloses Unentschieden freuen können. Der älteste und deutscheste Spieler auf dem Platz fiel seinen jungen Kollegen reihenweise um den Hals. Noch ein paar Spiele in der Champions League ohne Gegentor - und es gäbe außer Jens Lehmann Millionen von Fans, die über seinen Platz auf der deutschen Reservebank gleichfalls „sehr überrascht“ wären.