16.06.2006 · Nationalspieler Bernd Schneider im Interview darüber, was ihn im Spiel gegen Polen geärgert hat, das Steigerungspotential der Brasilianer, seine Ruhepausen im Turnier und den Traum von seinem 70. Länderspiel, dem Finale.
Seine eigene Leistung im Spiel gegen Polen bewertet er eher kritisch. Aber daran, das die Mannschaft funktioniert, glaubt er. Fußball-Nationalspieler Bernd Schneider im Interview.
Wie haben Sie als einer der Vorbereiter die Entwicklung zum Last-Minute-Treffer gegen Polen erlebt?
Ich habe erst einmal auf die Uhr geschaut und gedacht, bleib stehen auf der rechten Seite, mache die Bahn dicht, dann kannst du den Odo (David Odonkor) vielleicht noch mal anspielen. Es war mir zu gefährlich, ganz mit nach vorne zu gehen - ein Konter der Polen, und wir hätten vielleicht am Ende mit leeren Händen dagestanden.
Dann kam der Ball zu Ihnen, Sie bedienten David Odonkor, und der schlug seine Flanke zum Torschützen Oliver Neuville. Welche Wertigkeit hat dieser Treffer in Ihrer Karriere?
Dieses Tor siedele ich sehr weit oben an. Bei der WM vor vier Jahren gab es einen ganz ähnlichen Treffer, als ich wie Odo gegen Polen die Flanke hereingab.
Das war im Achtelfinale zum 1:0-Sieg in der 90. Minute gegen Paraguay, als ebenfalls Oliver Neuville traf.
Oliver hatte es damals sogar ein bißchen schwerer, weil meine Flanke auf ihn nicht so sauber kam.
Die Begeisterung in der Mannschaft war nach dem Tor so groß, als wären Sie Weltmeister geworden.
Da ist noch ein bißchen Spielraum.
Entsteht denn hier das neue Weltmeisterteam?
Wir wissen doch, die deutsche Nationalelf ist eine Turniermannschaft. Oder nicht? Zu Beginn klappt nicht alles perfekt, aber von Spiel zu Spiel steigern wir uns. Wir konnten jetzt 1:0 gegen Polen gewinnen, hinten in der Abwehr die Null halten und haben unter diesem Zeitdruck nicht die Nerven verloren, sondern bis zum Schluß die Ruhe bewahrt. Das ist doch schon viel wert.
Welche Gründe haben die taktischen Verbesserungen?
Unsere Mannschaft funktioniert. Jeder von uns weiß, was er zu tun hat, welche Aufgaben auf ihn warten. Darüber hinaus spielen wir keinen so schlechten Fußball. Vielleicht nicht so gut wie Brasilien, aber dennoch erfolgreich.
Die Brasilianer konnten nicht überzeugen. Wieso dieser Respekt?
Vielleicht haben die nicht so gut gespielt, aber ihr Potential ist sicher etwas größer als bei uns.
Der Bundestrainer zählt Sie zu den Stützen der Mannschaft. Sie sind unterschiedlich einsetzbar im Mittelfeld oder auf der rechten Abwehrseite. Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf dieser WM?
Langsam, langsam. Ich hatte zwei blöde Situationen gegen die Polen, als ich den Ball verloren habe.
Die Mannschaft hat gewonnen, Ihnen ist der vorletzte Paß zum Sieg gelungen, und Sie gehören derzeit zu den wichtigsten Impulsgebern. Weshalb so selbstkritisch?
Der eine Ballverlust ärgert mich, weil Michael Ballack sich in der Folge eine Gelbe Karte eingehandelt hat. Ich kann mich noch verbessern.
Würden Sie am liebsten im Mittelfeld spielen und nicht mehr in die Abwehr beordert werden?
Ich sehe das sehr flexibel. Ich habe damit kein Problem, in der Abwehr zu stehen, auch wenn ich natürlich lieber im Mittelfeld spiele. Der Trainer hat mit mir gesprochen, daß ich eben ab und an aushelfen soll hinten auf der rechten Position.
Wen würden Sie sich denn in einem Achtelfinale als Gegner erhoffen?
Im Moment ist mir das völlig egal.
Mit 32 Jahren zählt für Sie wahrscheinlich erst einmal die Regeneration. Kostet Sie diese WM mehr Kraft als die vor vier Jahren?
Eigentlich nicht, ich habe mich gut vorbereitet. Etwa zwei Tage nach solch einem Spiel habe ich natürlich ein paar Probleme, aber das regeln wir dann immer so, daß die Trainingseinheiten nicht so intensiv sind.
Das geht beim Fitness-Freak Klinsmann?
Ich bin ja keine 18 mehr.
Und wann gelingt Ihnen wieder mal ein Tor?
Das eigene Tor spielt eine untergeordnete Rolle. Aber ich habe mir eines aufgehoben für diese Weltmeisterschaft. Ich strebe hier das 70. Länderspiel an, dann wären wir im Finale.