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Beckenbauer auf Reisen Liebesgrüße aus Holland

30.11.2005 ·  Franz Beckenbauer hat bei seiner Welttournee zu den 31 WM-Gästen Station in Holland gemacht. Trotz so mancher deutsch-niederländischen Fußball-Verspannung der Vergangenheit war seine Sympathie-Offensive ein voller Erfolg.

Von Roland Zorn, Den Haag/Noorwijk
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An diesem Tag war Deutsch die erste Sprache in den Niederlanden. Zumindest dort, wo Franz Beckenbauer, der letzte "Kaiser" von Bayern, hof hielt. Das, was er und seine Vertrauten am Dienstag schwarz auf weiß zu sagen hatten, war zumindest auf den ersten zwei Seiten eine herzliche Begrüßung auf gut holländisch.

"Welkom Nederland", hieß es auf dem Titelblatt der Broschüre, welche die Nachbarn auf ihre kurze Reise nach Den Haag und Noordwijk mitgenommen hatten. Dort bewältigten der Präsident des Organisationskomitees (OK) der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und seine Entourage die zehnte Etappe der Welttournee durch die 31 Länder, die neben Gastgeber Deutschland die Endrunde erreicht haben, mit Bravour. Sollte es irgendwann irgendwelche deutsch-niederländischen Fußball-Verspannungen gegeben haben - und die spannende Geschichte manch heftig umstrittener Duelle auf höchstem Niveau läßt diesen Schluß zu -, Beckenbauer löste sie mit einer Eleganz und Lässigkeit auf, wie sie nur wenigen seiner Landsleute zueigen sind.

Ein untragbares Geschenk

Der Tag des "Kaisers" begann standesgemäß: mit einer Visite beim Kronprinz der Niederlanden, Willem-Alexander. Der empfing den 60 Jahre alten Münchner in seiner Privatvilla in Wassenaar, vor den Toren der Landeshauptstadt Den Haag. Dort übertrieb es der künftige König nicht mit den Ergebenheitsadressen und prophezeite flugs ein WM-Finale zwischen seinen Holländern und Argentinien, dem Heimatland seiner schönen Angetrauten Maxima Zorreguieta.

Freundlich wandte Beckenbauer ein, daß seine Deutschen und wohl auch der Titelverteidiger Brasilien etwas gegen diese Prognose haben könnten. Doch trüben konnten des Prinzen Wünsche die majestätischen Beziehungen an diesem ziemlich verregneten Tag nicht. Daß Adel nicht dazu verpflichtet, von dem OK-Geschenk, einem Trikot der deutschen Nationalmannschaft, vor den Augen seines Volkes praktisch Gebrauch zu machen, sah auch Beckenbauer ein. "In der Öffentlichkeit wird er es wohl nicht tragen", prophezeite er mit Sinn für die Realität.

Sie sind ein schöner Mann

Nach seinem Gespräch mit der Hoheit kehrte der an diesem Tag im Land des großen Fußballrivalen auf Schritt und Tritt umschwärmte Franz Beckenbauer im nächsten Palais ein. Das allerdings, ein barockes Anwesen unter Denkmalsschutz, gehört der Bundesrepublik Deutschland und dient der Botschaft in den Haag zu Empfängen für herausragende Repräsentanten ihres Heimatlandes. Am Dienstagmittag hatten Botschafter Edmund Duckwitz und seine Mitarbeiter die lange Speisetafel für ihren Ehrengast aus München eingedeckt. Dort hieß der erfreulich schlagfertige und keineswegs hinter der diplomatischen Formelsprache versteckte Botschafter Beckenbauers OK-Mannschaft, die Spitzen des niederländischen Fußball-Verbandes KNVB sowie die holländische Sportministerin Ross-van Dorp willkommen.

Die blonde Frau demonstrierte auf ihre direkte Art, wie sich gelebte deutsch-niederländische Freundschaft anfühlen kann. Frau Dorp nämlich wendete sich Herrn Beckenbauer ganz persönlich zu: "Sie sind ein kräftiger Mensch, Sie sind ein schöner Mann." Mein lieber Mann, da war der als Freund der Frauen nicht vollends unbekannte Bayer baff. Ross-van Dorp jedenfalls sorgte für lautes Vergnügen unter der in gedeckten Farben bei Tisch sitzenden Männerriege im gesetzten Alter. Daß die Niederländer auch ein angesehenes Händlervolk sind, bewies die Politikerin gleich im Anschluß an ihre "Liebeserklärung": "Ich hoffe, ich bekomme mein WM-Ticket, nachdem ich das alles gesagt habe."

„Zu wenig Karten, zu viele Fans“

Die Billetfrage beunruhigt die Niederländer wie die Deutschen. "Zu wenig Karten, zu viele Fans", brachte Beckenbauer das Problem am Dienstag griffig auf den Punkt, ohne damit eine beruhigede Aussage getroffen zu haben. Da der Internationale Fußball-Verband den teilnehmenden Ländern pro WM-Spiel nur acht Prozent der jeweils verkauften Tickets zugesteht, machen sie sich nicht nur in einem fußballbegeisterten Land wie den Niederlanden Sorgen. Schließlich gehören 60.000 Fans der Elftal, wie das Nationalteam dort genannt wird, dem Supporters-Club Oranje an - "und die wollen fast alle nach Deutschland kommen", sagt Beckenbauers Freund, der OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach.

Niersbach stellte den lieben Nachbarn bei der deutschen WM-Willkommensparty im Huis ter Duin, einem altehrwürdigen Fünf-Sterne-Hotel in Noordwijk, wenigstens rund 10.000 Karten pro Spiel in Aussicht. Irgendwie werden die findigen Holländer wie schon so oft auch diesmal an ihre Wünsch-dir-was-Bezugsgrößen herankommen.

„Ohne Holland wäre es keine WM“

Beckenbauer begrüßte am Dienstag in eben jener Herberge, die sonst dem Oranje-Team als zentraler Ort auf dem Vorbereitungsweg zu dessen sportlichen Missionen dient, eine Fülle alter Freunde Wegbegleiter aus den Niederlanden. Er eroberte diese Zitadelle des holländschen Fußballs mit seinem Unterhaltungs- und Plaudertalent geradezu im Sturm. Denn er sprach den Holländern, die sich nicht für die WM 2002 qualifizieren konnten, direkt aus dem Herzen: "Eine Weltmeisterschaft ohne Holland wäre keine Weltmeisterschaft. Ich denke, wir hätten die WM zurückgegeben, wenn Ihr in der Vorrunde ausgeschieden wärt."

Donnernder Applaus für einen glänzenden deutschen Botschafter, der in seiner Zeit als Spieler (1974 Weltmeister durch ein 2:1 im Münchner Finale gegen Holland) und Teamchef - 1988 verlor er mit den Deutschen das Hamburger Europameisterschafts-Finale 1:2 gegen die Niederländer, 1990 besiegte er sie mit seinem Team im WM-Achtelfinale ebenfalls 2:1 - für den diplomatischen Dienst alles andere als geeignet erschien. Inzwischen aber steht er, auf der Bühne der weltweiten Welcome Tour mit Niersbach ein ideales Herrendoppel bildend, wie die Inkarnation des "anderen" Deutschen da: entspannt, charmant, galant, kurz, allen Vorurteilen widersprechend, die den Deutschen oft ungeprüft angehängt werden.

Ballack mit einem Strauß orangener Tulpen

In Noordwijk herrschte vis a vis der aufgewühlten Nordsee eine Hochstimmung wie auf einem Neujahrsempfang. Beckenbauer hatte gerufen - und viele niederländische Fußballgrößen wie die vier WM-Trainer Marco van Basten (Holland), Guus Hiddink (Australien), Dick Advocaat (Südkorea) und Leo Beenhakker (Trinidad und Tobago) waren gekommen. Sie bejubelten den "Kaiser" aus Bayern wie bei einem Heimspiel, als der und Niersbach vor ihrer Weiterreise nach Schweden den Appetit auf die WM 2006 zu wecken verstanden.

Am Ende der Unterhaltungsshow stand plötzlich auch Michael Ballack da. Er und Oliver Kahn, die Stars des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft, treten in einem neuen WM-Werbespot als Zeugwarte der brasilianischen Nationalelf auf. Als Kahn schließlich glaubt, die Arbeit sei getan und Ronaldinhos Trikot aufgehängt hat, steht Ballack mit einem Strauß orangener Tulpen da und erinnert seinen Kollegen an ihren nächsten Job: "Wir müssen noch zu den Holländern", sagt er, ehe der Film vorbei und die Niederländer im Saal begeistert sind. Sie alle und noch viel, viel mehr wollen und werden 2006 gern nach Deutschland kommen - selbst wenn nicht jeder mit orangenen Tulpen empfangen wird.

Quelle: F.A.Z. vom 1. Dezember 2005
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