09.12.2005 · So richtig rund ist der Ball nie, höchstens beinahe, was mit Physik zu tun hat. Bei der WM allerdings wird er so rund sein wie nie zuvor. Das jedenfalls versprach Adidas bei der Vorstellung des Balls mit dem Namen „Teamgeist“.
Von Uwe Marx, LeipzigEin Spiel dauert neunzig Minuten, die nächste Partie ist immer die schwerste, der Ball ist rund - Fußballweisheiten, scheinbar für die Ewigkeit. Dabei kann die Nummer drei in dieser Reihe getrost gestrichen werden. So richtig rund ist der Ball nämlich nie, höchstens beinahe, was mit Physik zu tun hat. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 allerdings wird er so rund sein wie noch nie zuvor. Das jedenfalls verspricht der Sportartikelhersteller Adidas, der am späten Freitagabend in Leipzig bei der Gruppenauslosung den sogenannten "Matchball" für das Turnier vorgestellt hat.
"Dieser Ball ist runder als alle anderen zuvor", verspricht das Unternehmen aus Herzogenaurach, das sich auskennt mit dieser Materie: Es stellt seit 1970, seit dem Turnier der Besten in Mexiko, den WM-Ball. Damals hieß er Telstar, diesmal wurde er Teamgeist genannt - eine mutige Wortwahl, die sich abhebt von Vorgängern wie Tango (1978), Azteca (1986), Questra (1990) oder Fevernova (2002). Sie ist als Tribut an den Mannschaftsgedanken im Fußball zu verstehen.
Alle mögen Teamgeist
Natürlich wird der WM-Ball 2006 von allen vorab gelobt, die der fränkischen Drei-Streifen-Firma angehören oder geschäftlich verbunden sind. David Beckham etwa, der Kapitän der englischen Nationalmannschaft, versichert, er möge den Teamgeist sehr. Er habe ihn bereits getestet und einige Freistöße geschossen, seine große Spezialität. Das habe wunderbar geklappt. Genauso selbstverständlich werden demnächst aber auch Klagen laut, dem neuen Ball fehle irgendetwas: Er fliege zu langsam oder zu schnell, sei zu leicht oder zu schwer und überhaupt kaum zu kontrollieren. Das sagen dann meist Spieler, die bei Konkurrenten von Adidas unter Vertrag stehen. So läuft das Spielchen seit Jahren. Der Ball ist schließlich ein Symbol dieses Turniers, "das wichtigste nach dem Weltpokal", wie Adidas-Sprecher Jan Runau sagt.
Vor allem aber ist er Teil des Geschäfts, das bei der WM angekurbelt wird wie nirgendwo sonst in der großen weiten Fußball-Welt. Etwas über fünf Milliarden Euro setzt Adidas pro Jahr um, die Sparte Fußball wird 2006 wohl erstmals über eine Milliarde Euro liegen - nach 900 Millionen Euro in den beiden Jahren zuvor. Der Teamgeist, dieses neue Premiummodell in den Farben Weiß, Schwarz und Gold, soll zehnmillionenmal verkauft werden. "Ich bin sicher, daß wir das schaffen werden", sagt Herbert Hainer, der Vorstandsvorsitzende der Adidas-Salomon AG, ermutigt durch hohe Bestellzahlen in den vergangenen Wochen. Es ist ein ehrgeiziges Ziel, denn vom WM-Ball 2002 wurden nur vier Millionen Stück verkauft, vom EM-Ball 2004 sechs Millionen. "Der Teamgeist ist der beste Ball, den wir je hergestellt haben", schwärmt Hainer vor dem Verkaufsstart unmittelbar nach der Auslosung.
Made in Thailand
Auch dieses Lob wiederholt sich alle vier Jahre mehr oder weniger wortgleich. Es gehört zum Marketing-Procedere und zum Selbstverständnis des Unternehmens. Unbestritten aber ist, daß die beteiligten Mitarbeiter - bis zu dreißig Techniker, Designer, Marketingexperten - in über zwei Jahren Entwicklungsarbeit einen großen Wurf gewagt haben. Die Haut des neuen Balles, der in Thailand hergestellt wird und 110 Euro kostet, ist aus weniger Einzelteilen als bisher üblich gefertigt, nämlich 14 statt 32. Die bisher üblichen Fünf- und Sechsecke sind passe, statt dessen wurden Formen verklebt, die an Katzenzungen aus Schokolade und Propeller erinnern. Das bis zu diesem Freitag unbekannte Flugobjekt, geprüft an einer englischen Universität und abschließend abgenommen vom Internationalen Fußball-Verband (Fifa), soll in allen entscheidenden Kriterien besser sein als seine Vorgänger und als die Vorgaben der Fifa: Er wurde härteren Tests unterzogen, verliert weniger Luft, nimmt bei Regen weniger Wasser auf, verformt sich weniger, ist ebenmäßiger und soll präzisere Schüsse erlauben. Es handele sich also mithin um eine technische Revolution und nicht bloß um eine Evolution, wie bisher im Abstand von vier Jahren üblich.
Adidas, Sponsor, Ausrüster und Lizenznehmer bei der WM, hat sich als erstes Unternehmen bis 2014 bei der Fifa eingekauft. Der Teamgeist wird also nicht der letzte Turnierball des Unternehmens bleiben. Am Modell für die Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz wird bereits gearbeitet. Ambitionierter dürfte es allerdings kaum präsentiert werden. Ein kleiner Kreis durfte das gute Stück bereits vier Tage vor der Auslosung kennenlernen, betrachten, testen. Bei wummernden Beats hatte die Vorstellung etwas von einer Oscar-Verleihung. Die Botschaft, dem Namen zum Trotz: Der Star ist der Ball.