22.05.2006 · Betrug im Stadion: Über meinen Lieblingsverein Hellas Verona und den korrupten italienischen Fußball/Von Tim Parks
Alle zwei Wochen gehe ich mit ein paar Freunden zu den Spielen von Hellas Verona ins Bentegodi-Stadion. Vor Spielbeginn werden wir an diverse Verbote erinnert. Wir dürfen keine Gegenstände auf den Rasen werfen. Rassistische Parolen und Verunglimpfungen der gegnerischen Mannschaft werden mit Stadionsperre geahndet. Was wir tatsächlich erlebt haben, denn in diesem Jahr fanden zwei Spiele vor leeren Rängen statt. Außerdem sollen wir unser Team "sportlich und fair" unterstützen, was immer das heißt. Schlechtes Verhalten ist offenbar leichter zu definieren als gutes. Niemand hört hin. Niemand glaubt, daß unser Stadion einzig wegen rassistischer Parolen bestraft wurde, denn die gleichen Parolen haben in anderen Stadien - San Siro, dem Olimpico - nicht zu ähnlichen Strafen geführt.
Der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Für die Zuschauer ist er ein Mann von großer Autorität, der über ein beeindruckendes Repertoire an gebieterischen Gesten verfügt. Seine Aufgabe ist es, für ein faires Spiel zu sorgen und zu verhindern, daß es in Krieg ausartet. Seine Entscheidungen gelten. Als unser Kapitän gegen einen reichlich spät gegebenen Elfmeter protestiert, reckt sich ein langer schwarzer Arm mit der Roten Karte in die Luft. Platzverweis! Als sich in der Kurve spöttisches Geraune erhebt, notiert er das in seinem kleinen Heft. Alle haben sich anständig zu benehmen.
Stets erfahren wir, woher der Schiedsrichter kommt - aus einem Ort, der weit entfernt ist von den beiden Teams. Das soll uns die Gewißheit geben, daß der Mann wirklich unparteiisch ist. Wer sich fragt, warum die eigene Mannschaft so viele Gelbe Karten sieht, weiß also, daß seine Überlegungen reinste Paranoia sind. Der Schiedsrichter muß einfach unparteiisch sein, das verlangt sein Beruf. Diesen Mann, dessen ganzes Auftreten Autorität ausstrahlt, kann doch niemand unter Druck setzen oder einschüchtern.
Falsch. Heute wissen wir, daß das Gegenteil der Fall ist. Der Schiedsrichter wird in der Kabine von dem einen oder anderen Clubmanager zur Schnecke gemacht. Er wird am Telefon bedroht. Er weiß, daß er für ein Spiel nominiert wurde, weil ein bestimmtes Ergebnis gewünscht wird. Und wenn die Dinge nicht völlig klar sind, überlegt er, welches Ergebnis sich diejenigen wünschen, die die Macht haben, ihm Arbeit zu geben. Macht er einen Fehler auf Kosten der Mannschaft, die gewinnen soll, wird man ihn beschimpfen, ihn beleidigen; macht er einen Fehler auf Kosten der Mannschaft, die verlieren soll, wird man ihn loben. Ihn interessiert also nicht die Fairness der Spieler, sondern das Lob seiner "Vorgesetzten". Seine imposanten Handbewegungen auf dem Spielfeld sind womöglich nur eine kleine Entschädigung für seine Ohnmacht außerhalb des Stadions.
Wirklich aufschlußreich an diesem Skandal ist nicht das Verhalten von Juventus-Manager Luciano Moggi, der mehr oder weniger festlegte, wer welches Spiel mit welchem Ergebnis pfeifen würde. Es wird immer irgendeinen Boss geben, der seinen Willen rücksichtslos durchsetzt. Nein, bemerkenswert ist, daß sich kein einziger Schiedsrichter zu Wort gemeldet hat. Diese Männer, die so gern ihre entschiedene Autorität herauskehren, waren nicht bereit, auch nur ein Wort über den Druck zu verlieren, dem sie ausgesetzt sind. Seit Jahren. Alle wußten Bescheid, auch Collina. Collina war sich gewiß im klaren darüber, daß er dank seines Renommees eine Freiheit genoß, die seine Kollegen nicht hatten. Er war das Feigenblatt des Systems. Doch die Vorstellung, seine herausragende Stellung zu nutzen, um eine grundlegende Erneuerung herbeizuführen, war ihm offenbar fremd.
Das Traurige daran ist natürlich, daß sich dieser Kleinmut nicht auf den Fußball beschränkt, sondern in jedem Bereich des öffentlichen Lebens in Italien anzutreffen ist. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen jeder ahnt oder vielleicht sogar weiß, daß die offizielle Version der Ereignisse lediglich Rhetorik ist, daß gegen die Regeln verstoßen wurde. Niemand macht den Mund auf, denn niemand glaubt, etwas bewirken zu können. Jeder befürchtet vielmehr, in irgendeiner Form bestraft zu werden.
Diese Haltung ist typisch für die italienischen Skandale. Geradezu offensichtliche Korruption wird jahrelang geduldet. Für jeden aufmerksamen Beobachter der italienischen Fußballszene war klar, daß mit den Schiedsrichtern etwas nicht stimmte. Niemand sagte ein Wort. Die Sportjournalisten wußten gewiß Bescheid, aber sie schwiegen - aus Angst um ihren Job. Vielleicht würde ja ein Ausländer den Mund aufmachen. Zeman erhebt die Stimme. Öffentlich wird er bewundert, insgeheim wird er verlacht. Er hat seine Karriere ruiniert. Die Polizei ermittelt. Da niemand auspacken wird, müssen die Ermittler herausfinden, wer welches Telefon benutzt, und dann stundenlang Telefongespräche mitanhören, von denen die meisten vermutlich völlig belanglos sind.
Viele haben sich darüber beschwert, daß der Fußballskandal, wie alle Skandale in Italien, durch lancierte Informationen an die Presse losgetreten wurde - unvermittelt, massiv und mit katastrophalen Folgen für die Betroffenen. Auf der Titelseite des "Corriere della Sera" beklagte sich Sergio Romano bitter über diese Form der Medienjustiz. Fest steht jedoch, daß die Ermittlungsbehörden nur dann auf brauchbare Aussagen hoffen können, wenn die Presse die Macht der Korruption gewissermaßen entzaubert. Wer würde schon verraten, was er über jemanden wie Moggi weiß, wenn er nicht sieht, daß dieser Mann inzwischen völlig diskreditiert ist? Es ist keine sonderlich elegante Methode. Sie bietet das unschöne Bild von Leuten, die auf dem Grab eines Mannes tanzen, dem sie jüngst noch die Füße küßten. Doch solange niemand daran glaubt, mit seiner Aussage die Mächtigen in Schwierigkeiten bringen zu können, ist dies der einzige Weg.
Moggi behauptet, er habe alles nur getan, um nicht das Opfer ähnlich machtvoller Konkurrenten zu werden. Das ist eine glaubhafte Erklärung, die einem verbreiteten Zynismus in Italien entgegenkommt. Daß Macht jemals uneigennützig ausgeübt wird, glaubt kein Italiener. Resigniert akzeptieren sie die tiefe Kluft zwischen der öffentlichen Rhetorik vom "fairem Sport" und der Realität, in der manche Leute ihre ganze Macht einsetzen, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen. Moggis Rechtfertigung könnte man sogar auf Lorenzo il Magnifico zurückführen, der einmal gesagt hat, daß in Florenz "die Dinge schlecht stehen für einen Reichen, wenn er nicht die Macht im Staat hat". Das heißt, wenn Lorenzo/Moggi nicht zu illegalen Mitteln greifen, tun es andere.
Das Wunderbare und zugleich so Deprimierende an Italien ist, daß sich in der kollektiven Psyche nie etwas ändern wird. Ich werde weiterhin zu den Spielen von Hellas Verona gehen.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
Der Schriftsteller Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, lebt in Verona. Zuletzt erschien sein Roman "Weißes Wasser".