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Ballack im Interview „So wird einiges zunichte gemacht“

02.03.2006 ·  Michael Ballack im F.A.Z.-Interview über das Desaster von Florenz. „Die besten Spieler, die wir haben, waren dabei“, sagte der Kapitän der Nationalmannschaft nach dem 1:4 in Italien. „Jeder hegt jetzt Selbstzweifel.“

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Kapitän Michael Ballack im F.A.Z.-Interview über das Desaster von Florenz.

Wie erklären Sie sich die schlimmste Niederlage unter Bundestrainer Klinsmann?

Das Spiel war nach zehn Minuten gelaufen. Von den zwei Gegentoren haben wir uns nicht erholt. Wir haben nicht viel auf die Reihe gekriegt. Das lief dann das ganze Spiel so, denn die Italiener haben auch eine äußerst starke Leistung gebracht.

Kommen bei Ihnen hundert Tage vor dem Eröffnungsspiel nicht Zweifel am WM-Projekt auf?

Was heißt Zweifel? Natürlich mache ich mir Gedanken, wo wir stehen. Mit so einer Leistung können wir bei der WM nicht bestehen, das ist ganz klar. Das war aber heute auch nicht unser wahres Leistungsniveau. Das haben wir zuletzt beim 0:0 in Frankreich gezeigt. Heute haben wir gesehen, was uns noch alles im technischen und taktischen Bereich fehlt.

Wie kann die Mannschaft in hundert Tagen noch ihr Topniveau erreichen?

Es bleibt ja nicht mehr viel Zeit. Wir haben nur noch ein Länderspiel im März. Da muß es von uns eine Reaktion geben, die wird es auch geben. Dann haben wir ja auch kurz vor der WM noch ein paar Spiele, aber bis dahin muß sich jeder in den Vereinen durchbeißen. Jeder einzelne muß wissen, was ihm noch fehlt - und das haben wir heute gesehen.

Der Bundestrainer sagt immer wieder, daß sich die Mannschaft weiterentwickelt und steigert. Kann man nach diesem Rückfall noch von einer Entwicklung sprechen, oder zerstört so ein Auftritt nicht vieles?

Solche Niederlagen machen einiges zunichte, vor allem das Selbstbewußtsein und die Entwicklung der Mannschaft. Jeder hegt jetzt Selbstzweifel und fragt sich: Wo stehen wir jetzt wirklich? Trotzdem muß jeder so viel Selbstvertrauen haben, zu wissen, daß dies heute nicht unser Leistungsniveau ist. Aber wie gesagt: So eine Leistung dürfen wir nicht öfter bringen, sonst geht es mit der Entwicklung zurück und nicht nach vorne.

Wenn Sie den jetzigen Zustand der Nationalelf mit dem vor der WM 2002 vergleichen, zu welchem Urteil kommen Sie?

Die Mannschaft damals war erfahrener, und ich hoffe, daß sich unsere junge Mannschaft jetzt von diesem Spiel nicht zu sehr beeinflussen läßt. Nach so einem Spiel wird es schwer. Die starke Kritik kommt. Es ist wichtig, daß die jungen Spieler das nicht zu sehr an sich ranlassen, sondern nur das aus der Niederlage rausziehen, was wichtig ist. Jeder weiß, daß es so nicht reicht - trotzdem brauchen wir immer noch ein gesundes Selbstvertrauen, um wieder erfolgreicher zu spielen.

Denken Sie darüber nach, ob nicht grundsätzlich etwas geändert werden muß?

Wir haben ja nicht so viele Möglichkeiten. Die besten Spieler, die wir haben, waren heute dabei. Wir haben es ja auch schon besser gemacht. Grundlegendes kann man sicher nicht mehr ändern. Die Einstellung ist wichtig. Wir müssen mehr taktisch mit dem Blick auf den Gegner arbeiten.

Es ist zuletzt, nicht nur wegen des Rauswurfs von Christian Wörns, viel über die Abwehr diskutiert worden. Ist die Abwehr heute nicht allein gelassen worden?

Ich glaube schon. Wenn man gesehen hat, wie die Tore entstanden sind, dann gingen dem meist Fehlpässe im Mittelfeld voraus. Und es gab auch noch einige andere Situationen, die nicht zu Toren geführt haben, die sich genauso entwickelt haben. Wenn man gut steht, passiert einem das nicht. Aber wir haben heute eine Vorführung erlebt. Was Italien im taktischen Bereich spielt, ist absolute Spitzenklasse. Sie sind ein Mitfavorit auf den WM-Titel, und auf einen solchen Gegner mit diesem Stil treffen wir auch nicht immer. Aber das ist eben das Niveau, das man erreichen muß, wenn man Weltmeister werden will. Daran müssen wir uns orientieren.

Und wie soll die deutsche Mannschaft da noch hinkommen?

Wenn man eine solche Niederlage drei Monate vor der WM kassiert, muß man an allen Ecken und Enden ansetzen. Es ist sehr wenig Zeit; deswegen müssen wir gegen die Vereinigten Staaten eine Reaktion zeigen. Wir leben stark von der Begeisterung und Physis. Das sind unsere Stärken, und davon hat man heute nichts gesehen.

Wie können Sie als Kapitän in den kommenden drei Monaten Einfluß nehmen?

Das Problem ist, daß wir jetzt wieder auseinandergehen. Jeder konzentriert sich wieder auf seinen Verein. Deswegen muß das jeder Spieler in erster Linie mit sich selbst ausmachen.

Die Fragen stellte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z. vom 3. März 2006
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