29.06.2006 · Er ist verschlossen, aber auch stets freundlich - die Argentinier sind irritiert über ihren Nationaltrainer. Sie wollen gerne mitreden, aber Jose Pekerman gibt die wahren Geheimnisse nicht preis. Die Früchte erntet er jetzt.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresEs hat lange gedauert, bis die Argentinier verstanden haben, wer Jose Pekerman ist. Manche haben ihn noch immer nicht verstanden. Er wirkt verschlossen, sagt wenig, gibt eher dürftige Hinweise auf seine Absichten und ist trotzdem stets freundlich und umgänglich. Das alles paßt nach Meinung vieler selbsternannter und wirklicher Fußballexperten nicht so recht zum Amt des „Director Tecnico“, des Trainers der Nationalmannschaft. Die Fußballgemeinde fordert Rechenschaft über seine Pläne, sie will ein Wörtchen mitreden dürfen, welchen Spieler er wann einsetzt und welche Taktik er appliziert. Pekerman macht das Spiel zwar bis zu einem bestimmten Punkt mit, erklärt dies und das, aber dann ist Schluß. Die wahren Geheimnisse gibt er nicht preis.
Wenn er seiner Mannschaft zuschaut, wirkt Jose Pekerman melancholisch, fast mürrisch, jedenfalls ist ihm nicht anzumerken, was ihn gerade bewegt. Er kann sich über Tore seiner Jungs freuen, doch deswegen vollführt er noch keine Veitstänze wie manche seiner Kollegen. Er ist immer beherrscht und gemessen. Sein zurückhaltendes Wesen hat die Argentinier von Anfang an irritiert. Sie haben ihm nicht zugetraut, als Nachfolger von Marcelo Bielsa die Nationalmannschaft nach dem Desaster in Japan und Korea so zu erneuern, daß sie wieder argentinischen Fußballglanz verströmt. Ihm fehle internationale Erfahrung, und er habe ja immer nur mit argentinischen Jugendmannschaften gearbeitet, hieß es, und das stimmte ja auch. So wurde er den Ruf, ein Verlegenheitstrainer zu sein, nicht los.
Man braucht nur die richtigen Darsteller
Das muß Pekerman aber gerade recht gewesen sein. Denn so konnte er ungestört als unterschätzter „Tecnico“ im verborgenen an die Aufbauarbeit gehen. Die Früchte erntet er jetzt. Den argentinischen Fußballfreunden geht so richtig erst bei den Spielen in Deutschland auf, daß es Pekerman tatsächlich gelungen ist, eine homogene, phantastisch aufeinander eingespielte Mannschaft aufzubauen. Das war für ihn ein leichtes, eben weil er die Spieler seines völlig erneuerten Teams in den Jugendmannschaften von klein auf betreut hatte und deshalb die Stärken und Schwächen jedes einzelnen kannte.
Das Zusammenwirken der argentinischen Spieler hat eine eigene „Handschrift“, die Handschrift Pekermans. Das wurde bei den ersten Weltmeisterschaftsspielen besonders deutlich im Vergleich mit dem Erzrivalen Brasilien, dessen Weltstars je ihren eigenen Stil pflegen, zu Lasten einer harmonischen Zusammenarbeit. Pekerman hat seine Spieler zur WM 2006 zu höchster Reife und Vollendung geführt. Er besetzt die einzelnen Positionen wie ein kluger Theaterdirektor, der weiß, daß es nicht damit getan ist, jede Rolle mit Stars auszustatten, sondern daß man für jede Partie ganz einfach nur den richtigen Darsteller braucht.
Wenn Pekerman Fan oder Journalist wäre...
Die argentinischen Sportjournalisten, die in Deutschland die Spiele beobachten, können es nicht lassen, Pekerman immer und immer wieder danach zu fragen, warum er nicht diese und jene Taktik anwende oder diesen und jenen Spieler anstelle eines anderen einsetze. Ein Reporter fragte ihn, ob er nicht bemerkt habe, daß Serbien und Montenegro statt mit 4-4-2 unversehens mit 3-5-2 angetreten sei. Natürlich habe er das beobachtet, antwortete Pekerman trocken. „Aber Argentinien ist darauf vorbereitet, mit jeder Art von Schema eine große Partie zu spielen.“
Um Pekerman eine Antwort auf die Frage zu entlocken, warum er nicht sogleich Lionel Messi eingesetzt habe, bedienten sich die argentinischen Reporter eines Tricks. Sie fragten den Trainer, wie er sich verhalten würde, wenn er ein Journalist oder ein gewöhnlicher Fan wäre. „Dann würde ich selbstverständlich fordern, daß Messi in der Nationalmannschaft spielt“, replizierte Pekerman freundlich und bekannte, daß er dem Spieler gegenüber eine Verantwortung empfinde. „Wenn Messi hier ist, dann deshalb, weil wir alle den Wunsch haben, daß er spielt. Aber niemand weiß, wann das der Fall sein wird.“
Verkannt und unterschätzt - eine Art Markenzeichen
Pekerman erweckt bei kritischen Beobachtern den Anschein, als könne oder wolle er sich nicht einmal über eigene Erfolge freuen. Kritik an Konkurrenten hört sich bei ihm so an: „Teams, die mit großem Getöse daherkommen, können rasch in Schwierigkeiten geraten.“ Verkannt und unterschätzt zu werden, ist für ihn eine Art Markenzeichen. Er entstammt weder der reichen Schicht von Argentiniern, die sich in das Fußballfunktionärswesen einkaufen können, noch aus den Armenvierteln von Buenos Aires und ihres Großraums, aus denen manches Fußballgenie stammt, nicht zuletzt das allergrößte, Maradona.
Pekerman wurde 1949 in Villa Dominguez, einem kleinen Ort in der nordargentinischen Provinz Entre Rios, geboren. Das war eine Kolonie ukrainischer Juden, die sich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts dort ansiedelten. Sein Vater war Eisenbahnarbeiter. Er selbst war ein mittelmäßiger Fußballspieler und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer.
„Vor Deutschland haben wir großen Respekt“
Zu Maradona hat Pekerman mittlerweile ein relativ entspanntes Verhältnis, nachdem die „Nummer Zehn“, die jetzt die Nationalmannschaft bejubelt, ihn früher für nicht geeignet erklärt hatte, die Geschicke der Elf zu leiten. Nach einem Besuch Maradonas im „Bunker“, wie das Quartier in Herzogenaurach in der argentinischen Presse genannt wird, sagte Pekerman in freundlichem Ton: „Er hat uns von der Tribüne aus Mut gemacht. Seine Unterstützung ist für uns alle sehr wichtig.“
Ähnlich orakelhaft und knapp fällt auch, wie anders, Pekermans Vorausschau auf das Spiel gegen Deutschland an diesem Freitag aus: „Das wird eine Partie, die wir mit Spannung erwarten, weil Argentinien und die von Jürgen Klinsmann geleitete Mannschaft zwei Große der Fußballgeschichte sind. Vor Deutschland haben wir großen Respekt.“
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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