Home
http://www.faz.net/-g9m-11m7l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Michael Kraus Die Suche nach der eigenen Mitte

16.01.2009 ·  Vom Luftikus zum Hoffnungsträger: Vor einem Jahr suspendierte Bundestrainer Brand Michael Kraus. Seitdem hat dieser viel für das Leben gelernt. Nun soll Kraus das deutsche Spiel bei der Handball-WM lenken - doch ausgerechnet jetzt ist er verletzt.

Von Rainer Seele
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)

Er ist immer noch ein Nachzügler, manchmal jedenfalls. Er kommt dann einfach ein bisschen später als die anderen. Neulich in Stuttgart war das wieder so, als die deutschen Handballspieler über ihre Befindlichkeiten redeten, über ihre Hoffnungen und Wünsche für die Weltmeisterschaft in Kroatien. Michael Kraus betrat den Saal als einer der Letzten, und man hätte das so interpretieren können: immer noch ein wenig unzuverlässig, immer noch ein Luftikus.

Das mag tatsächlich noch in ihm stecken, teilweise zumindest, aber es ist doch vieles anders, vieles klarer geworden im Leben des Handballprofis Kraus. Er gilt jetzt zum Beispiel als eine Stütze des Nationalteams, er soll das natürlich auch bei der Weltmeisterschaft beweisen, die für die Deutschen am kommenden Samstag in Varazdin mit dem Spiel gegen Russland beginnt.

„Vielleicht gibt es ja noch ein Wunder“

Doch Kraus' Mitwirken noch in der Vorrunde ist ungewiss, beim Auftakt fast ausgeschlossen. Eine Wadenverletzung hindert den Lemgoer Rückraumspieler derzeit an sportlicher Betätigung. „Vielleicht gibt es ja noch ein Wunder“, sagte Bundestrainer Heiner Brand am Freitag nach dem Training im Spielort. „Ob er überhaupt auf den Meldezettel kommt, hängt davon ab, wann er einsatzfähig sein kann. Da warten wir mal bis Samstagfrüh ab.“ Kraus hatte sich die Blessur am vorigen Sonntag im letzten WM-Test gegen Spanien zugezogen.

Die Besetzung der Schlüsselposition bereitet Brand Kopfzerbrechen, denn bis Samstagmorgen um neun Uhr muss er offiziell seinen maximal 16 Spieler umfassenden Kader endgültig benennen. Durch den sich abzeichnenden Ausfall von Kraus steht dessen junger Lemgoer Kollege Martin Strobel gegen Russland vor der Feuertaufe. „Wenn 'Mimi' nicht spielen kann, ist er die Nummer eins“, sagte Brand. Der erst 22-jährige Junioren-Europameister von 2006 hat gerade 20 Länderspiele absolviert und bestreitet in Kroatien sein erstes großes Turnier bei den Männern. „Der Junge ist 22 Jahre alt und hat nicht viel Erfahrung. Da muss man sehen, wie er sich schlägt“, sagte Brand.

In Peking war Brand zufrieden mit Kraus

Kraus ist im Konzept von Brand ein eminent wichtiger Spieler, denn er steht an zentraler Position, in der Mitte des Rückraums. Von ihm wird erwartet, dass er das Spiel des Weltmeisters lenkt, dass von ihm Impulse ausgehen. Wie bei den Olympischen Spielen in Peking, die zwar zu einer Enttäuschung für die Deutschen wurden, bei denen Kraus aber seinen Part erfüllte. Bundestrainer Heiner Brand war sehr zufrieden mit ihm. Er sagt, dass Kraus Verantwortung übernommen, dass er überzeugt habe.

Der Abstecher nach Kroatien wird für den Weltmeister zu einer Reise ins Ungewisse. Er steckt in einem Umbruch, mit einem großen Wurf ist – vorerst – nicht zu rechnen, auch wegen Kraus' vermutlichem Ausfall. Und doch könnte Deutschland für eine Überraschung gut sein. Brand verfügt ja immer noch über eine Reihe von gestandenen Handballern. „Wir haben eine sehr gute Mannschaft“, sagt Kraus.

Kraus besitzt andere Qualitäten als Baur

Ihre Mitglieder müssen allerdings noch zueinanderfinden. Viel Zeit dafür haben sie nicht. Für diesen Prozess hatte jüngst auch ein Intermezzo in Stuttgart eine gewisse Bedeutung. Markus Baur hatte dort seinen Abschied vom Deutschen Handball-Bund gegeben. Sehr angetan war Brand zwar nicht vom Auftreten seines Teams, immerhin aber nahm er die Erkenntnis mit: Auf einen gesunden Kraus, den Nachfolger von Baur, ist Verlass.

In Stuttgart begegneten sich Vergangenheit und Gegenwart, Baur und Kraus, der eine 37 Jahre alt, der andere 25. Baur war viele Jahre der Frontmann im deutschen Team, der engste Vertraute von Brand, er wusste genau, wie der Bundestrainer dachte, was er wollte. Baur, inzwischen Handball-Lehrer beim Bundesliga-Dritten TBV Lemgo und damit „Vorgesetzter“ von Kraus, war ein exzellenter Stratege. Kraus lässt sich mit ihm nicht vergleichen, er besitzt andere Qualitäten.

Unkonzentriert, instabil, nachlässig

Er kann durch Dynamik bestechen, er macht Tempo, und er hat, wie es Brand formuliert, einen „schnellen Armzug“. Er sei damit, betont der Bundestrainer, häufig unberechenbar für den Gegner. Vielleicht auch für Brand selbst. Der Bundestrainer hat sich deswegen bereits darauf eingestellt, öfter den Dialog mit Kraus zu suchen, um seine Vorstellungen von Handball mitzuteilen.

Wie er die Dinge sieht, hatte Brand vor etwa einem Jahr sehr deutlich kundgetan: Da hatte er Kraus unmittelbar nach der Europameisterschaft in Norwegen kurzerhand aus dem Nationalteam verbannt. Vorübergehend zumindest. Der Bundestrainer hatte sich über Unkonzentriertheiten mokiert, über die Instabilität von Kraus, über dessen Nachlässigkeiten.

„Er ist erwachsener geworden“

Kraus sollte diesen „Rauswurf“ als eine Denkpause begreifen, und offensichtlich hat der Mann, der von Göppingen nach Lemgo gewechselt war, diesen Wink auch verstanden. Brand jedenfalls sagt, dass sich etwas verändert habe bei Kraus, dem einstigen Problemfall: „Er beschäftigt sich mehr mit Handball. Er ist erwachsener geworden.“

Kraus bestätigt das selbstredend gern, er spricht davon, sich als Persönlichkeit entwickelt zu haben, gereift zu sein, „auf jeden Fall“. Vermutlich auch mit Lemgoer Beistand, mit der Unterstützung von Baur oder von Daniel Stephan, der ihm ebenfalls die Hand gereicht hat. „Er hat mir sehr viel geholfen“, sagt Kraus. In Sachen Handball und wohl auch in puncto Gleichgewichtssuche.

Für das Leben gelernt

Manches war ja in Unordnung geraten bei Kraus, just nach der Weltmeisterschaft im eigenen Land, nach dem Titelgewinn, als vieles einstürzte auf den früheren „Bravo Boy“, als er hofiert und herumgereicht wurde, gefeiert als neuer Stern des deutschen Handballs. „Alle wollten ein Stück von mir haben“, sagt Kraus, „ich hatte niemanden, der mir das vom Leib hielt.“

So verlor er das Wesentliche aus den Augen, er war letztlich überfordert: „Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“ Jetzt, mit einigem Abstand, behauptet Kraus, in dieser Zeit sehr viel für das Leben gelernt zu haben – beispielsweise, „auch mal nein zu sagen“. Und er scheint nun, nicht nur als Handballprofi, auf einem guten Weg zu sein, seine eigene Mitte zu finden. Nun muss nur noch seine Wade mitspielen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge