Home
http://www.faz.net/-g9m-11q4c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Im Gespräch: Nikola Karabatic „Das ist schon unmenschlich“

13.01.2009 ·  Nikola Karabatic hat mit 24 Jahren schon fast alles erreicht. Aber der beste Handballspieler der Welt weiß: Am Karriereende wird er nicht mehr richtig gesund sein - als Folge der wahnwitzigen Terminhatz. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Schmerzen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Deutscher und französischer Meister, Champions-League-Sieger mit Montpellier und Kiel, Olympiasieger mit Frankreich - Nikola Karabatic hat mit seinem 24 Jahren schon fast alles erreicht. Was ihm zum großen Glück fehlt, ist der Kitzel der Großstadt. In Kiel bangt man, dass er das aufregende Leben eines Tages in Barcelona findet. Aber der beste Handballspieler der Welt weiß auch: Am Ende der Karriere wird er nicht mehr richtig gesund sein. Verschleiß und Verletzungen sind Folgen einer wahnwitzigen Terminhatz. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Karabatic über Schmerzen.

Bei uns gibt es diesen Satz: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Haben Sie das schon einmal gehört?

Nein, aber ich verstehe, was gemeint ist.

Wie gut kennt denn ein Handballspieler den Schmerz?

Beim Handball kannst du nicht ohne Schmerzen spielen und ohne Schmerzen leben. Dafür gibt es im Spiel zu viel Körperkontakt. Jeder von uns hat irgendetwas, auch die Außenspieler oder die Torhüter. Handball ist kein Ballett, hat unser alter Trainer (Noka Serdarusic) gesagt.

Ist es der brutalste Sport, den es gibt?

Rugby ist noch einen Tick härter, was Aggressivität und Schläge betrifft. Aber beim Handball gibt es diesen Moment, in dem du dich nicht mehr schützen kannst: wenn du abspringst und werfen willst. Beim Wurf bist du nur aufs Tor konzentriert, und wenn dir dann einer in den Arm greift oder dich schiebt, ist das sehr gefährlich. Pascal Hens zum Beispiel hat sich bei der Landung so schwer verletzt.

Man hat also bei jedem Wurf ein Risiko, sich schwer zu verletzen?

Es ist zumindest der Moment, in dem man sich am leichtesten verletzt. Wenn man aus neun Metern wirft, ist es noch okay, da gibt es keinen Kontakt mit der Abwehr. Aber immer wenn du in Kontakt mit dem Gegner bist, wird es gefährlich.

Nervt dieser ständige Körperkontakt nicht auch einfach so - immer fassen einen die anderen Männer an?

Nein, der Kontakt gehört dazu - und die Schmerzen auch. Ich will nicht sagen: Man mag das. Aber nach einem Sieg ist es ein gutes Gefühl, weil du weißt, du hast etwas getan, hast deinen Körper für die Mannschaft gegeben.

Ein Sieg ist erst so richtig schön, wenn er auch weh tut?

Nicht unbedingt. Aber manchmal fühlt man sich schon ein bisschen wie nach einem Kampf, nach einem Krieg. Man hat ein paar kleine Verletzungen, aber man hat überlebt - und man hat mit seiner Mannschaft gewonnen.

Wie geht es in der Kabine zu: Schreit da auch mal jemand vor Schmerzen?

Wenn man sich richtig verletzt, ja: Wenn man sich einen Kreuzbandriss holt oder eine schwere Verletzung am Meniskus, dann schreit man. Normalerweise sind die Handballer aber alle mutig und versuchen, nicht so zu weinen oder zu schreien, sonst gilt man als Weichei. Aber natürlich ist in der Kabine der Physio da, und man versucht, die Stellen, an denen man Schmerzen hat, zu kühlen oder sich zu dehnen. Es ist eine gute Atmosphäre: Wir reden über das Spiel, trinken ein Bier, und wir lachen auch - wenn wir gewonnen haben.

Was war das Schlimmste, das Sie bislang verspürt haben?

Ich habe einmal einen Schlag gegen den Kiefer bekommen, und dann haben sich vielleicht die Zähne bewegt - ich weiß es nicht. Jedenfalls konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen und habe den Kopf gegen die Wand gepresst, weil es so weh getan hat. Ich habe es erst nach dem Spiel gemerkt.

Ist so viel Adrenalin im Spiel, dass man Verletzungen erst hinterher spürt?

Prellungen spürst du erst hinterher, während des Spiels sind die Muskeln noch warm, und du merkst es nicht. Manchmal knickst du um, und während des Spiels geht es noch, danach merkst du es aber richtig. Es kommt auch immer darauf an, was du für ein Spiel spielst. Wenn es ein Finale bei der WM oder in der Champions League ist, dann kannst du auch weiterspielen, wenn es etwas Schlimmes ist.

Wenn der Schmerz zum Handball gehört - gilt das dann auch für Schmerzmittel?

Manchmal musst du diese Mittel nehmen, um dich zu heilen, um eine Entzündung runterzunehmen. Vor einem Spiel versuche ich aber, so etwas nicht zu nehmen.

Versuchen Sie - oder tun Sie es auch nicht?

Das mache ich nicht. Ich nehme das nur, wenn es nötig ist, um mich zu heilen. Es ist gefährlich, wenn du die Schmerzen nicht fühlen kannst.

Aber die meisten anderen machen es doch.

Klar, du kannst es machen. Das ist auch kein großes Thema, das ist ja kein Doping. Es hilft dir nur, die Schmerzen zu nehmen oder sie zu reduzieren. Es bringt dich wieder auf dein Niveau, aber es macht dich nicht besser.

Man könnte aber auch sagen, dass es hilft, eine natürliche Grenze zu überschreiten. Dann wäre es doch Doping?

Dann darf man auch kein Vitamin B oder C mehr nehmen - dann ist alles Doping. Das ist mir zu viel Paranoia. Man sollte sich konzentrieren auf die neuen Doping-Methoden und auf die Leute, die richtig dopen, anstatt so einen Blödsinn zu reden.

Wo fängt richtiges Doping für Sie an?

Wenn man Mittel nimmt, die einen besser machen, die bessere Leistungen erlauben, ohne dass man entsprechend trainiert. Doping ist ein großes Thema in den Sportarten, in denen nur die Athletikleistung zählt. Wir haben Athletik, aber auch einen großen Anteil von Technik, Taktik und Intelligenz. Wenn sich bei uns einer dopt, wird seine Kraft vielleicht unfassbar gut, aber er wird nie der Beste sein.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden für Ihre Mannschaft, den THW Kiel, sterben. Opfert man sich und die eigene Gesundheit für das Team?

Wir alle wissen: Nach unserer Karriere werden wir nicht mehr richtig gesund sein. Wenn man die früheren Handballer anschaut, sieht man, dass sie alle komisch laufen. Heiner Brand mit seiner Hüfte, Noka Serdarusic mit seinen Knien und jetzt auch noch mit seinem Rücken. Wir wissen, dass es Probleme geben wird, aber das haben wir so entschieden.

Das klingt unvernünftig . . .

Wenn du nicht so denkst, wirst du kein guter Handballer.

Gilt das für jeden Sport? Bei den Fußballern scheint es, als würden sie mehr an sich denken: Der Körper ist das eigene Kapital.

Das ist für uns schon auch so. Deswegen müssen wir gut vorbereitet, gut trainiert sein, um alles geben zu können. Aber wir spielen so viel, dass das Risiko eigentlich schon zu hoch ist. Eine Liga mit 18 Mannschaften, die Champions League, in der sich die Zahl der Spiele noch erhöht hat, der Pokal, dann noch die Nationalmannschaft mit drei Wettbewerben in einem Jahr - das ist unmenschlich. Der Körper schafft das nicht.

Sie haben wegen der Belastung überlegt, auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft zu verzichten - wie haben Sie sich entschieden?

Ich werde spielen.

Obwohl Sie eigentlich eine Operation am Ellbogen bräuchten?

Ja. Ich muss eben sehen, wann der beste Zeitpunkt dafür ist.

Warum nehmen Sie sich diese Pause nicht?

Mit dem Olympiasieg haben endlich auch die Franzosen mitbekommen, was wir machen. Und das ist das, was ich immer wollte: dass man in der Heimat erkannt wird und ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bekommt. Wir haben uns etwas aufgebaut und müssen weiter daran bauen - für die Zukunft und den Handball in Frankreich. Da kann man nicht verzichten.

Sie machen sich - wie andere Spieler auch - schon länger für eine Reduzierung der Belastung stark. Wo kann man ansetzen, wie kann man gegenüber den Verbänden Druck erzeugen?

Wenn ein Einzelner in der Zeitung sagt, dass es zu viel ist, dann bringt das nichts. Wir machen das ja schon seit zwei Jahren, aber nichts ist passiert. Die einzige Möglichkeit für uns ist, eine Spielervereinigung gründen. Jede Sportart hat so etwas geschafft. Die Fußballer zum Beispiel. Die sind nicht so blöd, so etwas mit sich machen zu lassen wie wir. Ich hoffe, dass wir bei der WM etwas tun können, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Im vergangenen Jahr haben Sie 70 Pflichtspiele absolviert - muss man da immer hundert Prozent geben?

Manchmal muss man auch mal sagen: heute nicht. Wenn man jung ist, will man in jedem Trainingsspiel hundert Prozent geben. Man lernt erst mit der Zeit, einen Gang runterzunehmen. Das Problem ist, dass du in der Bundesliga nie sicher sein kannst zu gewinnen - auswärts zumindest. Du kannst überall verlieren, und das ist genau das, was den Unterschied macht: ob du am Ende die Schale in den Händen hast oder nicht.

Haben Sie wegen Ihrer Schulterverletzung das Spiel umgestellt?

Man versucht, ein bisschen anders zu werfen, auch wenn das nicht gut ist. Ich kann aber nicht nur rumstehen und passen, wie ich das eigentlich machen sollte. Ich muss spielen und trotzdem versuchen, zu werfen, ranzugehen.

Wie können Sie sich schützen?

Es ist ja in jeder Sportart so, dass alles schneller und stärker geworden ist. Wenn du Handballspieler, Rugbyspieler, Basketballspieler siehst - das sind alles richtige Athleten, die verbringen fast mehr Zeit im Kraftraum als beim Training auf dem Platz. Ich arbeite ständig daran, meine Schulter noch stärker zu machen, damit sie sich selber schützt.

Wenn Handball ein Kampfsport ist, wie Sie sagen - sind Handballspieler dann zumindest faire Kämpfer, oder nehmen sie Verletzungen des Gegners in Kauf?

Es ist leicht, jemanden zu verletzen. Aber dafür sind die Schiedsrichter da. Sie müssen noch mehr an die Gesundheit der Spieler denken und härtere Strafen geben bei gefährlichen Aktionen - auch noch nach Spielende, mit Hilfe von Video. Das gibt es bei uns noch nicht.

Gibt es viele Spieler, die diese Mentalität haben: einen anderen verletzen zu wollen?

Es gibt immer ein oder zwei pro Mannschaft. Ein paar sind schon bekannt. Manchmal denken sie einfach nicht nach. Aber manchmal ist es eben auch Absicht.

Wenn Sie das vorher schon wissen und es dann trotzdem passiert - möchten Sie dann nicht einfach mal zurückschlagen?

Früher hat mich diese Ungerechtigkeit unfassbar genervt: dass es solche Idioten gibt, die nur weh tun wollen und nichts zurückbekommen. Mit der Zeit habe ich gelernt, das ein bisschen runterzuschlucken. Manchmal versuche ich immer noch, auf dem Spielfeld etwas heimzuzahlen, aber hinterher denke ich: Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Ich werfe lieber zehn Tore und gewinne.

Hat es auch etwas mit Mentalität zu tun, wie man mit Schmerzen umgeht?

Mit Mentalität, Erziehung, Kultur. Mein Vater ist auch so: Wenn er Schmerzen hat oder krank ist, will er es nie zeigen. Er wartet lieber, dass es mit der Zeit verschwindet, und sagt nichts. Wenn man sich für jeden kleinen Schmerz eine Pause nehmen würde, dann würde es im Handball nicht gehen. Andererseits freut man sich manchmal auch, drei, vier Tage Pause zu haben, weil man verletzt ist. Das ist ja die einzige Pause, die wir bekommen.

Sind Sie heute Morgen mit Schmerzen aufgewacht?

Nein. Die Schmerzen in meiner Schulter habe ich ja seit Monaten. Man gewöhnt sich daran. Richtig weh tut es nur beim Handballspielen, im Alltag geht es noch.

Was ist mit dem Kratzer an Ihrem Hals?

Hm?

Haben Sie den noch gar nicht bemerkt - oder ist das gar keine Verletzung?

Das ist keine Verletzung. Aber ich finde, das sieht gut aus. Wie ein Boxer, der nach einem Kampf ein blaues Auge hat. Die Frauen mögen das. Daran sieht man, dass man mutig ist. Ich finde das sexy.

Wer streichelt Sie eigentlich, wenn es morgens mal weh tut?

Niemand. Mein Physio, das ist alles.

Das Gespräch führten Frank Heike und Christian Kamp.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel