14.01.2009 · Er weiß, welche Probleme bei der Handball-WM auf Deutschland zukommen. 1978 hat der „Magier“ den Titel gewonnen, vier Jahre später seinen Job verloren. Im FAZ.NET-Interview spricht Vlado Stenzel über gegnerische Spione und radikale Reformvorschläge.
Vlado Stenzel weiß, welche Schwierigkeiten auf einen Titelverteidiger bei einer Handball-Weltmeisterschaft zukommen. 1978 hat der „Magier“ Deutschland als Nationaltrainer zum Titel geführt, vier Jahre später bei der Heim-WM seinen Job verloren.
Der 74 Jahre alte Kroate mit Wohnsitz Wiesbaden galt lange als einer der gewieftesten Trainer der Handball-Welt. Im FAZ.NET-Interview spricht Stenzel über Spione der Gegner, deutsche Chancen, die Unwichtigkeit von Vorbereitungsspielen und vor allem seine radikalen Reformvorschläge. Stenzel arbeitet seit einem Vierteljahrhundert an grundlegenden Verbesserungen des Handballs, die von vielen Experten wie auch Bundestrainer Heiner Brand teilweise befürwortet werden.
Herr Stenzel, Deutschland geht als Titelverteidiger in die Handball-WM. Sie kennen diese Situation, weil Sie 1982 Bundestrainer des damaligen Titelträgers Deutschland waren. Beneiden Sie Heiner Brand um seine Aufgabe?
Als Titelverteidiger in ein Turnier zu gehen, ist eine große Last. Das ist eine sehr schwere Situation. Die anderen Mannschaften haben in den vergangenen Jahren ihre Spione auf Deutschland angesetzt und genau geschaut und studiert, was der Weltmeister tut. Alle anderen Teams kennen deshalb Deutschland besonders gut. Allerdings haben die beiden Turniersieger aus dem vergangenen Jahr, die Franzosen als Olympiasieger und Dänemark als Europameister, ähnliche Probleme. Vielleicht können sich die Deutschen hinter den beiden ein wenig verstecken und aus dem Windschatten heraus was erreichen.
Sie haben 1982 nach der Weltmeisterschaft Ihren Job als Bundestrainer verloren. War die Erwartungshaltung mittlerweile zu hoch, war der Weltmeistertitel also Fluch statt Segen?
Sicher waren die Erwartungen sehr hoch. Aber wir hatten nicht mehr die Mannschaft für so ein Turnier. Es waren nur noch zwei Weltmeister von 1978 dabei.
Ist die Mischung nun besser?
Ja, Heiner Brand baut vor allem auf acht oder neun Leistungsträger von 2007 und hat dazu einige neue, hungrige Spieler wie Christian Sprenger ins Team eingebaut und stattdessen etablierte Leute wie Florian Kehrmann in die zweite Reihe versetzt. Dadurch schürt er die Konkurrenz und bringt neue Dynamik ins Team.
Die Vorbereitungsspiele liefen aber nicht so gut. Nur verhältnismäßige knappe Siege gegen schwächere Team wie Griechenland, Portugal oder Argentinien, dafür eine heftige Schlappe gegen Spanien.
Die ganzen Vorbereitungsspiele haben überhaupt keine Bedeutung! Es geht darum, zum Turnier in Topform zu sein. Hohe und leichte Siege in der Vorbereitung sind Gift, weil dann Überheblichkeit aufkommt. Der Trainer muss sogar dafür sorgen, dass die Mannschaft einen Dämpfer bekommt vor so einem Turnier. Selbst während des Turniers muss er seine Leute bremsen und möglichst dafür sorgen, dass sie die Spiele nicht zu klar gewinnen. Auch dann werden Sportler arrogant.
Hat Deutschland also Chancen auf eine Titelverteidigung?
Warum nicht? Die Mannschaft muss zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenwachsen und vor allem im Abwehrspiel über sich hinauswachsen. Dort werden Turniere gewonnen. Sicher bekommt sie dieses Mal nicht wie vor zwei Jahren plötzlich einen Christian Schwarzer während des Turniers dazu, der Wunder wirkt.
Unabhängig vom Tagesgeschehen fordern Sie radikale Reformen im Handball, unter anderem die Abschaffung des Zeitspiels und der Zwei-Minuten-Strafen. Zudem wollen Sie eine Stärkung der Vorteilsregel. Was stört Sie am modernen Handball?
Das Handballspiel verliert immer mehr an Attraktivität. Die Spielkultur geht immer mehr verloren. Es macht nur noch Bumm-Bumm, es fallen vielleicht 80 Tore, aber ich sehe kaum noch Spielzüge. Das Spiel entfernt sich vom wahren Leben, wo man für einen Erfolg immer hart erarbeiten muss. Außerdem entscheiden immer mehr die Schiedsrichter das Spiel, weil sie zu viel Verantwortung tragen und die Regel frei interpretieren können.
Das wäre mit Ihren Reformvorschlägen anders?
Ja, davon bin ich überzeugt. Die Zeitspielregel ist beispielsweise das Primitivste, was es überhaupt im Sport gibt. Ein Aus ist ein Aus, ein Abseits ist ein Abseits. Aber was ist ein Zeitspiel? Das gibt es in keinem anderen Sport, dass eine undefinierte, von keinem nachzuvollziehende Regel über den Ausgang eines Wettbewerbs entscheidet.
Würde die Abschaffung des Zeitspiels das Spiel nicht fundamental verändern?
Zunächst einmal: Wenn wir das Zeitspiel abschaffen, wäre das eine große Entlastung der Schiedsrichter. Die könnten sich dann auf ihre Arbeit konzentrieren, statt sich ständig diese Schreie von den Zuschauern „Zeitspiel, Zeitspiel“ anhören zu müssen. Auch die Trainer hätten wieder Zeit, sich ums Spiel ihrer Mannschaft zu kümmern. Der Job des Trainers besteht doch heute zu 95 Prozent darin, an der Seitenlinie herumzuhüpfen, die Schiedsrichter anzubrüllen und mit den Armen wild rumzufuchteln. Was soll denn ein Zuschauer denken, der sich zufällig aus dem Fußballstadion in eine Handballhalle verirrt? Der muss doch glauben, dass hier alle spinnen. Handball wird er auch beim 20. Spiel nicht verstehen. Fast jede Schiedsrichter-Entscheidung ist ein Rätsel. Und dann werden Schiedsrichter auch noch stark vom Heimpublikum beeinflusst.
Was heißt das?
Schauen Sie sich doch die Ergebnisse an. Im Europapokal kann man das Hinspiel mit 15 Toren verlieren und doch noch im Rückspiel weiterkommen, weil das heimische Publikum die Schiedsrichter so stark bedrängt mit ständigen Pfiffen. Das ist doch ein merkwürdiger Sport, in dem das Publikum so viel Einfluss besitzt.
Aber ohne die Zeitspielregel würde die führende Mannschaft doch nur noch auf Ballhalten spielen!
Nein! Zum einen schlage ich eine Zusatzregel für hohe Siege mit mehr als fünf Toren Vorsprung vor. Der Sieger bekommt einen Punkt dazu, der Verlierer einen abgezogen. Das ist Anreiz genug im Ligaspielbetrieb. Außerdem würden wir bei Abschaffung der Zeitspielregel die starre Abwehrarbeit aufbrechen, wir würden wieder aktivere Abwehrarbeit sehen, wir würden uns Gedanken machen über Manndeckung. Das wäre eine Bereicherung des Spiels.
Sie wollen auch die Zwei-Minuten-Strafen abschaffen.
Weil alles aus dem Spiel raus muss, was nur dem Zufall geschuldet ist. Das Handballspiel ist für Sechs gegen Sechs vorgesehen. Wenn jetzt dauernd wegen Schiedsrichterentscheidungen Sechs gegen Fünf gespielt wird, dann entspricht das nicht dem Sinn des Spiels. Außerdem machen sich Angreifer mehr Gedanken, wie sie mit einer Schwalbe eine Zwei-Minutenstrafe provozieren können, als dass sie sich Tricks überlegen.
Was stört Sie noch ?
Es darf nicht mehr grundsätzlich Siebenmeter geben bei Abwehr durch den Kreis. Siebenmeter darf es nur noch geben, wenn eine klare Torchance verhindert wird. Es ist doch unmöglich, dass sich ein Abwehrspieler mehr darauf konzentrieren muss, dass er nicht in den Kreis geschoben wird, als auf seinen Gegenspieler. Um das zu verbessern muss der Schiedsrichter die Vorteilsregel stärker nutzen.
Wenn der ganze Handball so schlimm ist: Warum sind dann die Hallen so voll?
Die Hallen sind in Deutschland so voll, weil die Deutschen überall hingehen, wo sich was bewegt. Die Deutschen sind neugierig. Deshalb läuft es hier momentan, aber wir machen die Regeln nicht nur für ein Land, sondern dafür, dass Handball in der ganzen Welt gespielt wird. Im Rest der Welt ist das viel seltener der Fall, da gibt es viele leere Hallen. Da machen sich viele Sorgen um den Sport.
Bekommen Sie für ihre Vorschläge denn Zustimmung aus der Handballszene?
Ja, Trainer wie Heiner Brand, Martin Schwalb, Velimir Kljaic oder Noka Serdarusic sind in vielen Punkten meiner Meinung. Viele davon auch schon seit über 20 Jahren, seit ich den ersten Brief an die IHF geschrieben habe. Auch die Spieler finden die Regeln schlecht. Es ist für alle unbefriedigend, dass der Schiedsrichter so oft über Sieg und Niederlage entscheidet. Sie alle wollen, dass dem Schiedsrichter die Macht über ein Spielergebnis genommen und wieder den Spielern und Trainern gegeben wird.
Vlado Stenzels Reformvorschläge
1. Zeitspiel reformieren.
2. Bei Abwehr durch den Kreis nicht mehr unbedingt Siebenmeter.
3. Zwei-Minuten-Strafe durch Regel wie beim Basketball ersetzen, wo ein Spieler nach dem fünften Foul raus muss.
4. 4-Minuten-Strafe für grobe Fouls. Bei zweiter 4-Minuten-Strafe Rote Karte.
5. Vorteilregel besser beachten.
6. Bei Freiwurf nach Ablauf der Spielzeit einen Pass erlauben.
7. Mannschaft darf nur bei Ballbesitz wechseln, damit die Inflation an Abwehrspezialisten gestoppt wird.