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Handball-WM Vier Hände für Deutschland

24.01.2009 ·  Johannes Bitter und Carsten Lichtlein bilden beim Weltmeister ein verlässliches Torhüter-Gespann. Weil sie wissen, dass der eine den anderen immer wieder braucht, als Stütze, als Ansprechpartner.

Von Rainer Seele, Zadar
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Die Fäuste sind immer im Spiel, bei jedem Torwart, bei Johannes Bitter genauso wie bei Carsten Lichtlein. Das hat nicht nur mit Paraden zu tun. Wenn die beiden eine Hand ballen und sie dann von sich strecken, kann das auch ein Zeichen der Stärke sein. Oder des gegenseitigen Aufmunterns.

Man erlebt Bitter und Lichtlein häufig so bei der Weltmeisterschaft in Kroatien, sie bilden in der Regel ein verlässliches Gespann in der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Und sie pflegen eine erstaunliche Beziehung. Eigentlich sind sie Rivalen, doch man muss das mit einem Zusatz versehen: Sie sind Konkurrenten, in aller Freundschaft.

Ein bemerkenswertes Duo

Weil sie wissen, dass der eine den anderen immer wieder braucht, als Stütze, als Ansprechpartner. Sie reichen einander während des Spiels Trinkflaschen oder analysieren die Würfe der Gegner, ihre Wucht, die Flugbahn des Balles. Und beide müssen darauf gefasst sein, den anderen im Fall des Falles flugs ersetzen zu können.

Henning Fritz, der Altmeister im Tor, ist nicht mehr dabei, vorläufig jedenfalls, aber eine Torwartdiskussion muss Bundestrainer Heiner Brand deswegen keineswegs führen, im Gegenteil. Die Vorrunde der WM hatte gezeigt, dass Bitter und der Aufsteiger Lichtlein ein bemerkenswertes Duo darstellen, sportlich wie menschlich. Brand sagte, dass er zu allen großes Vertrauen habe. Auch zu dem Magdeburger Silvio Heinevetter, der am Freitagabend nachnominiert wurde, zur Sicherheit.

Torwartdiskussionen wie im Fußball sind den Handballern fremd

Als Fritz noch im deutschen Team stand, hatte es auf der Torhüter-Position eine gewisse Hierarchie gegeben. Fritz galt als die „Nummer eins“, auch für den Hamburger Bitter. Er erzählte dieser Tage, dass er zu Fritz aufgeschaut habe, sein Kollege besaß schließlich mehr Erfahrung, er bot konstantere Darbietungen. Das Verhältnis zu Lichtlein, der von der gegenwärtigen Auszeit von Fritz profitierte, ist anders, es scheint fast, als herrsche Gleichberechtigung. Bitter zumindest sieht sich mit dem Lemgoer „auf einer Stufe“.

Vier Hände für Deutschland also, aber keine handfeste Auseinandersetzung um einen bedeutenden Posten im Team des Weltmeisters von 2007. Konflikte, wie es sie beispielsweise im Fußball zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann gegeben hatte, sind den beiden hünenhaften Handballprofis fremd. Bitter wie Lichtlein reden davon, sich zu ergänzen, gemeinsam den Erfolg zu suchen. Handball-Torleute müssen schließlich auch anderen Anforderungen gerecht werden als Torhüter im Fußball.

Im Handball gibt es zwischen den Männern in der hintersten Reihe ein ständiges Zusammenspiel und oft auch einen kurzfristigen Wechsel. Eine Handball-Gemeinschaft ist darauf angewiesen, dass ein Torwart den anderen auf die Schnelle möglichst adäquat vertreten kann. Das ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal in diesem Sport.

Zwei Männer mit Gardemaß

Vor kurzem gegen die Polen hatte Brand, obwohl Bitter bis dahin meist überzeugend aufgetreten war, kurzerhand Lichtlein in die Startformation beordert – er folgte angeblich einem „Bauchgefühl“. Lichtlein, Frühaufsteher wie Brand und deswegen häufig zusammen mit dem Gummersbacher am Frühstückstisch, nutzte seine Chance konsequent. Ohne jedoch damit die Gewähr zu haben, von Brand jetzt bevorzugt behandelt zu werden.

Lichtlein, schon seit 2001 Mitglied des Nationalteams, wies gleichwohl auf seine Genugtuung hin, endlich vorangekommen, aus dem Schatten anderer getreten zu sein. Das lange Warten, sagte er, „zahlt sich aus“. Und der Lemgoer betonte, mit diesem Moment stets gerechnet zu haben: „Irgendwann kommt deine Zeit, das hatte ich immer im Hinterkopf.“ So kämpft er nun, Seite an Seite mit Bitter, um die Teilnahme am WM-Halbfinale: zwei exzellente Torhüter, zwei Männer mit Gardemaß, beide mehr als zwei Meter lang. Sie lassen das Tor durch ihre Größe für den Gegner sehr klein erscheinen, zumal mit ausgebreiteten Armen.

Harmonisch, aber nicht handzahm

Allerdings könnte sich die Situation der deutschen Tormänner über kurz oder lang wieder verändern. Fritz nämlich hat bereits angekündigt, dass er auf eine Rückkehr in das Nationalteam spekuliere. Sein Ziel soll die Europameisterschaft 2010 in Österreich sein. Doch die Gefahr einer Zerreißprobe scheint in diesem Fall gering zu sein. „Damit hätte ich überhaupt keine Probleme“, behauptet Bitter, und er sagt, dass er Fritz weiterhin als einen der weltbesten Torhüter betrachtet.

Der Hamburger erwartet, sollte Fritz tatsächlich sein Comeback geben, einen „fairen Leistungskampf“. Und es würde ihm auf keinen Fall widerstreben, dem vermeintlichen Widersacher möglicherweise den Vortritt zu lassen. Lichtlein sieht das ähnlich, er redete dieser Tage vom Leistungsprinzip. Und davon, dass es von Fritz „vollkommen richtig“ sei, seinen Ehrgeiz kundzutun. Die reine Harmonie? Im Spiel wenigstens, das steht fest, sind die deutschen Handball-Torhüter zum Glück keineswegs handzahm. (siehe auch: Handball WM 2009 Live: Deutschland - Norwegen)

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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