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Handball-WM Die Zügel sind straff gespannt

21.01.2009 ·  Heiner Brand treibt seine Mannschaft vor den entscheidenden WM-Gruppenspielen an diesem Mittwoch und am Donnerstag an. Der Bundestrainer handelt anders als sonst. Der Weltmeister benötigt einen Sieg, um die Hauptrunde zu erreichen.

Von Rainer Seele, Varazdin
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Auf den Spaziergang zur Burg in Varazdin hatte Heiner Brand verzichtet. Dafür war er dann auch am Dienstagmittag rechtzeitig zur Stelle, als er Auskunft über die Befindlichkeiten seiner Mannschaft geben sollte. Die Nationalspieler hingegen kehrten ein bisschen später als geplant in ihr Hotel zurück, was Brand eine süffisante Bemerkung wert war. Der Handball-Bundestrainer wies darauf hin, dass er pünktlich sei, aber er sagte das natürlich lächelnd.

Bei einem anderen Anlass wäre seine Reaktion auf Verschiebungen im Tagesablauf wohl anders ausgefallen. Schließlich ist Brand ein Mann mit Prinzipien, Disziplin etwa hat bei ihm einen großen Stellenwert, er macht das immer wieder deutlich. Aber bei der Weltmeisterschaft in Kroatien, bei der die nächsten beiden Tage über das vorläufige Wohl und Wehe Deutschlands entscheiden werden, gab es für den Gummersbacher bisher offenbar keinen Grund zur Klage. Er betonte am Dienstag, dass er mit der Einstellung der Mannschaft grundsätzlich sehr zufrieden sei. „Die Jungs wollen was schaffen.“

„Die großen Schwankungen musste man einkalkulieren“

Sie haben in Varazdin bislang kein einziges Mal verloren, aber gewonnen wurde dadurch im Prinzip auch noch nichts. „Wir haben noch gar nichts richtig in der Hand“, sagte Brand, dessen Team 5:1 Punkte aufweist, aber es benötigt auf alle Fälle noch einen Sieg, um die Hauptrunde in Zadar zu erreichen (siehe: 32:20 gegen Algerien: Als Tabellenführer in den Ruhetag). Zwei Tage, zwei Chancen: An diesem Mittwoch wird die WM mit dem Duell gegen Mazedonien fortgesetzt (17.30 Uhr / Live bei RTL und bei Handball WM 2009 Live: Deutschland - Norwegen), am Donnerstag messen die Deutschen die Kräfte mit den Polen (17.30 Uhr / Live bei RTL und bei Handball WM 2009 Live: Deutschland - Norwegen). Was auf den Weltmeister zukommt, beschrieb Brand so: „Das werden zwei harte Tage werden.“

Brand und die Spieler bemühen sich, Zuversicht zu vermitteln, sie geben sich selbstbewusst, reden von prächtiger Stimmung in ihrem Lager. Dass Brand aber auch angespannt ist, dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass sein Team, wie er selbst sagte, zuletzt „großen Schwankungen“ unterworfen war. „Aber die musste man einkalkulieren“, sagte Brand auch, schließlich hatte es ein Revirement gegeben. Da können Störfälle im Spiel des Champions von 2007 nicht ausgeschlossen werden. Gewisse Schwächen werden vermutlich so schnell nicht behoben werden, doch Brand hofft zumindest, „dass wir uns stabilisieren“.

Brand weiß Ergeiz zu schätzen, allzu forsches Auftreten nicht

Mängel machen sich derzeit vor allem in der Offensive bemerkbar, für die Brand am Dienstag Rechtsaußen Christian Schöne von Frisch Auf Göppingen nachnominiert hat, nachdem Stefan Schröder wegen einer Grippeerkrankung einige Tage auszufallen droht. Ob die Offensive nun mehr Schwung bekommt? Die Angriffe, sagte Brand, würden noch nicht flüssig genug vorgetragen, er klagt über zu viele technische Unzulänglichkeiten. Immerhin aber hat sich dort einer der Neuen, Michael Müller vom TV Großwallstadt, beachtlich geschlagen. Der Mann mit dem Allerweltsnamen wurde sogar öfter im rechten Rückraum aufgeboten, als er sich das selbst gedacht hatte.

Am Dienstag sprach der Linkshänder Müller zufrieden von „relativ vielen Einsatzzeiten“, und er behauptete auch, sie „relativ gut“ genutzt zu haben. Dass ihm die momentane Wankelmütigkeit von Holger Glandorf zugute komme, ließ Müller nicht unerwähnt. Dennoch sieht er sich weiterhin als „Nummer zwei“ hinter dem Weltmeister aus Nordhorn. Solche Äußerungen dürften Brand gefallen. Er weiß zwar Ehrgeiz zu schätzen, allzu forsches Auftreten jedoch betrachtet er misstrauisch.

Michael Müller: „Ich kann Fehler machen, ich bin noch jung“

Der passable Einstand von Müller hat offensichtlich auch mit dem Verhalten von Brand zu tun - und mit dem Zusammenhalt im Team. Müller sagt jedenfalls, dass ihm der Bundestrainer und die Kollegen Sicherheit geben würden, weil sie ihm offenbar auch Patzer zugestehen. Er glaubt zu wissen: „Ich kann Fehler machen, ich bin noch jung.“ Müller bezeichnet Brand deswegen als einen „sehr menschlichen“ Handball-Lehrer. Der Bundestrainer, der nicht zu Übertreibungen neigt, bestätigt die Einschätzung des Großwallstädters. Obwohl Müller nicht alle Vorgaben erfüllte, sagte Brand: „Ich will ihm keinen Vorwurf machen.“ Generell sei seine Leistung „durchaus okay“ gewesen.

Brand tritt zwar in der Öffentlichkeit wie in all den Jahren zuvor auf, im täglichen Miteinander mit den Spielern aber scheint er einen kleinen Wandel vollzogen zu haben. Der Gummersbacher sagt zwar, dass sein Führungsstil sich nicht geändert habe. Er sei ähnlich wie bei dem alten Team, in dem jeder genau wusste, wie Brand dachte, was er wollte.

Oliver Roggisch: „Dieses Team hat noch keinen Vorschusslorbeer“

Allerdings haben etablierte Kräfte wie der Hamburger Linksaußen Torsten Jansen doch einen modifizierten Umgang Brands mit den besten deutschen Handballprofis festgestellt. Er sei akribischer geworden, was die Taktik betreffe, sagte Jansen. „Er redet mehr mit uns.“ Auch Abwehrchef Oliver Roggisch erlebt nun einen „anderen“ Brand. Er nimmt ihn als einen Trainer wahr, der wieder ein bisschen strenger geworden ist, der auf eine „gewisse Autorität“ achtet, also mit strafferem Zügel hantiert. Im Fall des Falles, sagte der Verteidigungsspezialist von den Rhein-Neckar-Löwen, „greift er knallhart durch“.

Der erfahrene Roggisch findet dieses Vorgehen in Ordnung, er hält es für ein probates Mittel, um eine verjüngte Gemeinschaft von Sportlern zu steuern. „Dieses Team“, sagte er am Dienstag, „hat noch keinen Vorschusslorbeer. Man muss sich Freiheiten erst erarbeiten.“ In Varazdin bieten sich dafür noch zwei gute Gelegenheiten.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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